Zum Inhalt springen
Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
In alten Zeitschriften geblättert

Die besondere Rolle

Leicht gekürzter Nachdruck einer Reportage aus der Armeerundschau 4/81 (Reporter Oberstleutnant Gebauer) über das KSS „Berlin – Hauptstadt der DDR“. Am Beispiel des Kommandeurs des Gefechtsabschnittes Maschine, Kapitänleutnant Sikorski, wird beschrieben, wie neue Besatzungsmitglieder ihre Gefechtsrolle lernen: Während einer Ausbildungsfahrt muss die Turbine kurzfristig zur U-Boot-Suche eingesetzt werden, und der junge Turbinengast Obermatrose Salbach bewährt sich wie zuvor der Pumpengast Gutschmidt.

Anmerkung der Redaktion: Artikel leicht gekürzt

Beide, der Schauspieler und der Seemann, haben ihre Rollen. Nur spielt der Seemann nicht, wie der Mime, auf einer Bühne zum Vergnügen des Publikums. Seine Partie ist darauf abgestimmt, dass Schiff und Besatzung jeder Situation gewachsen sind. Und so ist die Rollenbesetzung eines Kriegsschiffes Teil der Organisation seiner Gefechtshandlungen, in deren Verlauf es – wie das Beispiel des KSS „Berlin – Hauptstadt der DDR“ und die diesem Artikel beigefügten Fotos zeigen – auch in einen Kernwaffenschlag des „Gegners“ geraten kann. Um sich dessen Folgen zu erwehren, sprühen Düsen Wasser auf Deck und Aufbauten; so wäscht sich das Schiff vom radioaktiven Befall frei. Zugleich gehen Kernstrahlungsaufklärungstrupps über Deck. Dort, wo sie noch Reste des radioaktiven Staubes mit ihren Geräten aufspüren, werden diese manuell entfernt. Solange keine vollständige Sicherheit besteht, trägt an Bord alles Schutzbekleidung. Trotzdem führen die Funkmess-Gasten am Gefechtsinformations-Stand die See- und Luftlage weiter. Auch unter diesen für das Schiff erschwerten Bedingungen wird es der „Gegner“ nicht überraschen können. Alle elektronischen Mittel arbeiten, die Waffensysteme sind einsatzbereit. Ist dies nur möglich, weil die militärtechnische Konzeption des Schiffes so ausgelegt ist? Ja! Aber nur dann, wenn keiner der Besatzung „aus der Rolle“ fällt. Selbstredend sind wichtige Rollen, eben wie im Theater, doppelt besetzt. Doch an Bord muss in schnellerer Folge neu- und umbesetzt werden.

Die „Berlin“ mit eingeschaltetem Sprühsystem
Die „Berlin“ mit eingeschaltetem Sprühsystem Broschüre Teil 11, Seite 14Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dressel, D. Flohr, D. Gaasenbeek, Oberstleutnant Gebauer, Klaus Buch

Folgen wir dazu den Gedanken und Erlebnissen des Kommandeurs des Gefechtsabschnittes „Maschine“ auf der „Berlin“, die er während der hier gezeigten Ausbildungsfahrt hatte. Ein Glück, denkt Kapitänleutnant Sikorski, dass uns der Dieselkompressor erst in der geplanten Ankerzeit ausfiel. Wie schon oft hatte der Wachingenieur mit seinen „goldenen Händen“ das fehlende Ersatzteil angefertigt. Nun herrscht wieder normaler Betrieb auf seinem Befehlsstand. Auf „Halbe Fahrt“ steht der Fahrtanzeiger. Bequem sitzt der Motorenmaat im Sessel. Seit geraumer Zeit arbeiten die Maschinen mit gleichbleibenden Drehzahlen. Da gibt es nichts zu steuern. Es genügen kontrollierende Blicke zu den Anzeigetafeln.

„Bereitschaftsstufe zwei herstellen, die erste Wache zieht auf! Ausbildung auf den Gefechtsstationen fortsetzen!“ So lautete nach dem Ankermanöver der Befehl des Kommandanten. Es würde also für die Maschinen des KSS in absehbarer Zeit nicht mehr und nicht weniger zu tun geben, als die Fahrtstufen zu halten und die Ausbildung im Abschnitt fortzusetzen. Eben um dieses Training auf den Stationen, bei dem die Matrosen, vor allem die neuen, ihre Rollen lernen, drehen sich die Gedanken des Kapitänleutnants. Er hängt ihnen weiter nach, auch während er routinemäßig die Arbeit auf seinem Befehlsstand überwacht. Modern ist das Schiff und nicht klein, vor allem fähig zum selbständigen Kampf gegen U-Boote. Doch auch zur Luftabwehr, zur Reede- und Geleitsicherung. Und es kann Minen legen. Auf alles das hatte sich der Personalbestand vorbereitet. Die Offiziere und ein Teil der Unteroffiziere in monatelangem Studium an sowjetischen Flottenschulen. Dazu die gesamte Besatzung noch in einem vierteljährigen Praktikum an der Seite erfahrener sowjetischer Seeleute auf diesem Schiffstyp. So erfüllten sie schon Wochen nach der Indienststellung Gefechtsaufgaben - auf einem Schiff, auf dem noch der Garantieingenieur saß. Mit Wehmut denkt der LI: Diese Besatzung gibt es nicht mehr, sie ist zum Teil in die Reserve gegangen. Neue Gesichter sind an Bord. Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, die erfahrenen Matrosen waren von Bord gegangen. Ist es wirklich so problematisch? Zweifel an den eigenen Gedanken drängen sich ihm auf. Wiederum, sie machen sich im Schiffskollektiv nichts vor. Das Problem existiert nun mal. Er sieht sie geradezu vor sich, die neuen Genossen in seinem Gefechtsabschnitt, wie sie jetzt auf den einzelnen Stationen mit linkischen Griffen die Bedienung der Anlagen trainieren. Dauern wird’s, bis ihre Rolle sitzt und er ihnen die Zulassungsprüfungen zum Fahren der Anlagen abnehmen kann. Ja, wenn doch nur ….

Sikorskis Gedanken werden unterbrochen. Es knackt und kratzt in der BÜ-Anlage. Dann füllt eine Stimme den Raum: „ Kommandant an Befehlsstand fünf – Turbine klarmachen zum Einsatz!“

Mitten in der Ausbildung Turbinenfahrt? Da steckt doch was dahinter! Weder dem Kapitänleutnant noch seinen Maschinisten bleibt Zeit, nach Antworten zu suchen. Schon schnarrt der Maschinentelegraf. Vom HBS wird die nächsthöhere Fahrtstufe gefordert. In immer kürzeren Abschnitten wird nun der Kommandant die Fahrt des Schiffes beschleunigen. Erst wenn eine bestimmte Fahrtstufe erreicht ist, lohnt es, die Turbine einzusetzen. Aber dann muss sie auch klar sein.

Da, wieder die Stimme im Lautsprecher: „ Zur Information an die Besatzung: Eigene Aufklärungskräfte haben ein generisches U-Boot ausgemacht und sein wahrscheinliches Handlungsgebiet erkannt. Dort hat unser Schiff unverzüglich die Suche aufzunehmen. Um den Marsch zur befohlenen Position zu beschleunigen, wird in wenigen Minuten die Turbine zugeschalten. Jeder Verkehr an Oberdeck ist untersagt!“

Kapitänleutnant Sikorski ahnt, was dahintersteckt. Er irrt auch nicht: der Stab prüft die Gefechtsbereitschaft des Schiffes, lässt es die U-Boot-Suche auf Anruf aufnehmen. Bange Minuten nun für den Kapitänleutnant. Er gehört sonst nicht zu den Zögernden an Bord. Aber diesmal ist ihm die Sache nicht geheuer. Nun zweifelt er doch, ob es richtig war, den ersten Turbinengasten, einen erfahrenen Stabsmatrosen, während dieses doch recht langen Seetörns in Urlaub gehen zu lassen. Natürlich war da noch der zweite Turbinengast an Bord, Obermatrose Salbach. Aber der gehörte eben zu den Neuen.

Kapitänleutnant Sikorski auf dem BS-V
Kapitänleutnant Sikorski auf dem BS-V Broschüre Teil 11, Seite 15Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dressel, D. Flohr, D. Gaasenbeek, Oberstleutnant Gebauer, Klaus Buch

Nichts bewegte sich, würde auch nur ein Handgriff vergessen. Wenn doch nur – deutlicher als vor dem Befehl des Kommandanten drängt sich dem Kapitänleutnant nun dieser Gedanke ins Bewusstsein – welche von den Alten an Bord geblieben wären! Allein der Genosse Gutschmidt, der würde ihm schon genügen. Dieser Pumpengast hatte eine Art auf das Kollektiv zu wirken, die war fabelhaft. Ohne viel Gerede war er eine Wache mehr gegangen, damit noch unerfahrene Matrosen nicht alleine auf den Stationen arbeiten mussten. Selbst als sein zweiter Pumpengast bereits die Zulassung hatte, schaute Gutschmidt noch nach ihm. Stabsmatrose Eckert wird wohl kaum vergessen, wie ihm Gutschmidt half, eine ungünstige Lastverteilung in den Tanks auszugleichen. „Als das Schiff schon zu einer Seite krängte, öffnete er mir einfach das richtige Ventil. Das Schiff trimmte wieder aus. Kein Vorwurf kam vom Genossen Gutschmidt.“ Ebenso vorbehaltlos half Gutschmidt seinem direkten Vorgesetzten, dem Pumpentechniker. Für ein MSR-Schiff ausgebildet, kannte er das KSS und seine viel umfangreichere Pumpentechnik nicht. So ging eben der Meister bei seinem Stabsmatrosen in die Lehre, dem Fachmann im Abschnitt.

Gutschmidt war, erinnert sich der LI, kein besonderer Redner. Nur wenn nötig, sprach er. Dann hatte es aber auch Hand und Fuß. Er trat für die Mannschaft auf, als das Essen an Bord nicht schmecken wollte. Er war es, der den Kommandanten um Abhilfe suchte. Und es schien gar, als wolle er doch nicht von Bord gehen. Der Kapitänleutnant sieht Gutschmidt wieder vor sich, wie er im ölverschmierten Bordpäckchen noch zwischen seiner Technik hängt, während die anderen künftigen Reservisten des Schiffes schon ihre Sachen abgegeben hatten. Damals drängten die Termine: Werftliegezeit zur Garantieaufhebung, Versetzungen in die Reserve und ein Luftzielabschnitt. Bis zum Luftzielschießen die Werftzeit beenden, so lautete der Befehl des Chefs der Volksmarine. Und da ging Stabsmatrose Gutschmidt eben, wie es sich für einen Seemann gehört, erst in allerletzter Minute von Bord.

Noch im Flug seiner Erinnerungen korrigiert sich Kapitänleutnant Sikorski. Seemann! Eigentlich hatte sich Genosse Gutschmidt so verhalten, wie es die Partei von einem jungen Parteimitglied an Bord verlangt und wie es doch nicht jeder schaffte: in seiner Gefechtsrolle als Vorbild auf die anderen Besatzungsmitglieder zu wirken. Gutschmidts Fleiß, sein Lerneifer, seine guten fachlichen Kenntnisse, seine Kameradschaftlichkeit und sein Stehvermögen, wenn es um die Interessen des Schiffes ging, hatte die anderen immer zum Nacheifern angeregt.

Wieder reißt es den Kommandanten aus seinen Gedanken. Der Turbinentechniker meldet die Bereitschaft zum Start der Turbine. Sikorski übermittelt es dem HBS. Der Maschinentelegraf steht auf „Große Fahrt“. Beide Diesel arbeiten also in den oberen Drehzahlen. Da ist er auch schon da, der Befehl: „Turbine einsetzen!“ Der Fähnrich betätigt die notwendigen Schalter. Im gleichen Maße, wie die Umdrehungen der Turbine zunehmen, gibt nun auch sie Kraft auf die Antriebswelle ab. Stärker vibriert das Schiff. Hochauf peitschen die Schiffsschrauben die Hecksee. Energischer teilt der Bug des Schiffes die Wellen. Das alles sehen die Maschinisten nicht, sie spüren es nur. Genau wie den Rückschlag der Salve aus dem Wasserbombenwerfer, der das ganze Schiff erzittern lässt. Die Salve gilt dem „gegnerischen“ U-Boot. Für die Männer in der Maschine ist es der Beweis: die „Berlin“ hat nicht nur das befohlenen Gebiet erreicht, sie hat auch den Gegner aufgespürt.

Am Schott, das den Befehlsstand vom Maschinenraum trennt, sieht Kapitänleutnant Sikorski den Obermatrosen Salbach stehen. Wie bei Gutschmidt spiegeln sich Erwartung und Befriedigung in dessen Jungengesicht. Warum nur denkt er wieder an Gutschmidt, wo doch Salbach vor ihm steht? Wahrscheinlich weil es sie immer wieder gibt, die Gutschmidts. Auch wenn sie Salbach heißen.

Links Obermatrose Salbach
Links Obermatrose Salbach Broschüre Teil 11, Seite 16Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dressel, D. Flohr, D. Gaasenbeek, Oberstleutnant Gebauer, Klaus Buch

Gut ist die Übung gelaufen. Kapitänleutnant Sikorski ist zufrieden. Wie das Leben so spielt, hatte sich Genosse Salbach heute als erster von den Neuen zu bewähren. Er bestand. Zufrieden ist der Kapitänleutnant aber auch – weil er sich wie immer – als Kommandeur auf seinen Gefechtsabschnitt verlassen konnte. Die älteren haben ihren Anteil daran, dass der junge Obermatrose Salbach so schnell seine Rolle als Turbinengast „drauf“ bekommen hat.

Weitere Abbildungen auf diesen Seiten

Abbildung aus KSS-Broschüre Teil 11, Seite 14
Seite 14
Abbildung aus KSS-Broschüre Teil 11, Seite 15
Seite 15
Abbildung aus KSS-Broschüre Teil 11, Seite 16
Seite 16

Verwandte Beiträge

Nach oben