Letzte Reisen nach L.
Nachdruck einer Reportage aus der „Armeerundschau“ über den Flottenbesuch des KSS „Berlin“ und des Schulschiffes „Wilhelm Pieck“ in Leningrad im Oktober 1987. Im Mittelpunkt stehen Stabsmatrose Steffen Silze und Admiral Wilhelm Ehm, für die es jeweils die letzte große Fahrt im aktiven Dienst war, sowie Begegnungen mit sowjetischen Matrosen, Sehenswürdigkeiten und der Besucherandrang auf den Schiffen.
Anmerkung der Redaktion: Zugesandt haben uns die beiden folgenden Artikel Herr Helmut Bechert („Salve – Feuer) und Wolfgang Peschenz (Letzte Reise nach L.).
Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel stammt aus einer Armeerundschau und erschien nach dem Flottenbesuch des KSS „Berlin“ und des Schulschiffes „Wilhelm Pieck“ in Leningrad im Oktober 1987. Es war zugleich der letzte Flottenbesuch, der unter Leitung von Admiral Ehm stand. AR-Reporter waren Bernd Meyer und Manfred Uhlenhut.

Also, wie das klingt! Wo doch zuallererst von mobilisierenden Begegnungen, von Perspektive und Kontinuität die Rede sein sollte, fabuliert hier einer von letzten Reisen, noch dazu in der Überschrift. Und das beim Flottenbesuch der Volksmarine in einer so wunderbaren Stadt wie Leningrad. Verlief doch die Überfahrt präzise und nach Plan, mochte auch bei steifer Ostseebrise jedes der beiden Schiffe noch so stampfen und rollen. Und boten die Gastgeber von der Leningrader Marinebasis der Seekriegsflotte dann doch auf, was nur aufzubieten war. Spürten wir doch deutlich, wie jeder Reiseteilnehmer von der Atmosphäre begeistert war. Potz Klabautermann. Ein bisschen schäme ich mich wegen meiner Nostalgie-Anwandlungen, aber dann hakte es sich doch wieder fest, das mit den letzten Reisen. Hatten doch mein Kollege Manfred und ich oben auf dem Signaldeck der „Berlin“ und anderenorts immer mal mit zwei Genossen geredet, für die das wirklich die letzte große Fahrt im aktiven Dienst bei der Volksmarine war. Den einen hatten wir öfter getroffen, begleitet, fotografiert und weidlich ausgequetscht. Und so blieb es nicht aus, dass er immer wieder selber über seine drei Dienstjahre erzählte, über seine Fahrten an Bord des KSS. Dem anderen begegneten wir immer nur kurz, er fragte uns eigentlich bloß väterlich-freundlich, ob unsere Berichterstatterei an Land und an Bord gut laufe. Er brauchte uns wahrlich nicht zu erzählen, dass dies quasi seine Abschiedsvisite bei den Waffenbrüdern sei, denn das hatten uns schon mehrere Besatzungsmitglieder erklärt und immer war Hochachtung in ihrer Stimme gewesen. Letzte Reisen … Der eine war Stabsmatrose Steffen Silze, Signäler, gelernter Koch und 21 Jahre alt, der andere Admiral Wilhelm Ehm, 69 Jahre alt, 28 Jahre Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung und Chef der Volksmarine. Bitte nicht so viel Protokoll! Nun, der offizielle Besuch eines Flottenverbandes der Volksmarine in der Heldenstadt, der Wiege der Revolution, ist hohes protokollarisches Ereignis mit Flaggen, Hymnen, Frontabschreiten, roten Teppichen, Maaten-Stellingswachen. Und der Chef hat zu repräsentieren, Hände zu schütteln, führt offizielle Gespräche. In den Zeitungen war das nachzulesen. Die Stammbesatzungen der Schiffe sind für die Sicherstellung zuständig. Vieles muss mit gewohnter Exaktheit, aber ohne großes Aufsehen erledigt werden. Alles, was eben für Versorgung und normalen Tagesablauf nötig ist. So verlief manche Begegnung außerhalb der Schlagzeilen. Doch nicht ohne Protokoll, auch nicht für Steffen Silze und seine Genossen.
Unterwegs mit Begleitung
Am dritten, ziemlich kühlen Leningrad-Morgen standen drei Seeleute vom UAW-Schiff „Admiral Lewtschenko“ auf der Pier: Kapitänleutnant Walerij Kriwzun mit zwei baumlangen, breitschultrigen Matrosen. An die großen Mützen der sowjetischen Seeoffiziere hatten wir uns längst gewöhnt, aber über den Habitus der beiden Matrosen wunderten wir uns. Bis zum Hals waren ihre schwarzen, zweireihigen Marinejacken zugeknöpft, ernst blickten sie unter ihren bändergeschmückten Mützen hervor. Was hatte man uns da für unnahbare Burschen geschickt, kühle Nordländer etwa? Nun, sie tauten ziemlich schnell auf, folgten interessiert den Erklärungen der Matrosen von der „Berlin“ und der „Wilhelm Pieck“ als sie über die Schiffe gingen. Selber waren sie Hydromechaniker und –akustiker. Spezialisten also. Hörten ebenso wie ihre Volksmarine-Partner mit leichtem Lächeln die Meinung von Bootsmann Akoplan, der auf dem Segelschulschiff „Krusenstern“ erläuterte, dass niemand jemals Seemann würde, der nicht auf einem Windjammer gefahren sei. Die „Krusenstern“ aus Tallin lag nämlich gleich nebenan am Leningrader Passagierkai, war für Tage ein vielbesuchter und –bestaunter Nachbar. Unsere Begleiter, Matrose Viktor Baranow und Obermatrose Dimitrij Kasakow, sind Leningrader auf Zeit. Viktor stammt aus Mukatschewo im ukrainischen Karpatengebiet, Dimitrij aus Minsk. Nach dem Beruf gefragt, antworten beide: „Student“. Viktor hat ein Jahr am Shukowski-Institut für Flugwesen in Charkow Elektronik studiert, Dimitrij an der Funktechnischen Hochschule in Minsk zwei Jahre Computertechnik. Wenn ihre Marinejahre um sind, gehen sie vier bzw. drei Jahre zurück zum Studium. Während unserer gemeinsamen kleinen Stadtrundfahrt bestaunten wir beider Abzeichen für Große Fahrt. Das bedeutet hier konkret Ostsee, Nordsee, Atlantik und Mittelmeer. Wie bei der Volksmarine dienen auch die Matrosen der der Sowjetischen Seekriegsflotte drei Jahre. Doch das ist Grundwehrdienst, ein Jahr länger als an Land. „So wie es das Vaterland fordert!“, antwortet Viktor auf meine diesbezügliche Frage nach Wunsch und Pflicht.
Denkmale zu Lande und zu Wasser
Wer durch Leningrad fährt oder auch nur darüber liest, kann sich der Geschichte dieser Stadt nicht entziehen. Im Memorial für die Verteidiger Leningrads während der deutschen faschistischen Blockade denke ich darüber nach, dass es die Großväter unserer Matrosen waren, die vor fast einem halben Jahrhundert auf verschiedenen Seiten der Front standen. Das Memorial wurde 1985 fertig gestellt; wie hier sind in den siebziger und frühen achtziger Jahren an vielen Orten des Sowjetlandes neue Gedenkstätten des Sieges errichtet worden. Kapitänleutnant Kriwzun erzählte uns, dass beinahe jeder Leningrader einige Stunden für dieses Denkmal gearbeitet hat. Wir erfahren hier im Film und von den ausgestellten Sachzeugnissen, dass die Baltische Rotbannerflotte mit ihrer Schiffsartillerie und den an der Front kämpfenden Besatzungsmitgliedern großen Anteil an der Verteidigung der eingeschlossenen Stadt hatte. Wer Matrose ist, interessiert sich natürlich besonders für die „Aurora“, die wohl weltweit populärste Sehenswürdigkeit der Newa-Stadt. Unsere Fachleute vom modernen Küstenschutzschiff der Volksmarine staunten, als sie von Kapitän Gennadij Bartjew erfuhren, dass der vor über 80 Jahren gebaute Kreuzer einst zwanzig Knoten schaffte. Seit der Generalüberholung liegt das Schiff wieder fest vertäut an seinem angestammten Platz gegenüber dem Winterpalais. Nicht nur das Unterschiff mit seiner Hundert-Jahre-Garantie gegen Durchrostung ist neu. Die Decksplanken sind aus wertvollem Edelholz gefertigt worden und selbst mit den Fingerspitzen lassen sich die Fugen zwischen ihnen kaum spüren. Außer uns waren an jenem Oktobertag bestimmt noch mehrere Tausend Besucher auf dem 123 Meter langen Kreuzer, der einmal 570 Mann Besatzung hatte. Einen Tag später hieß der prominenteste Gast Michail Gorbatschow, dessen komplette Leningrader Rede wir dann zu Hause in der Presse nachlesen konnten. Geschichte und Gegenwart – beides ist in dieser Stadt eng verbunden.
Treff mit den Bräuten
Auf dem Marsfeld, dem Gedenkplatz für die Revolutionäre in der einstigen Hauptstadt des Zarenreiches, und am „ehernen Reiter“, dem Denkmal des Stadtgründers Peter I., begegneten wir den Bräuten. Dreißigtausend hat die Fünfmillionenstadt in jedem Jahr aufzuweisen, sagt die Statistik. Und wohl alle legen an den Denkmalen den Brautstrauß nieder, bevor sie mit ihrem Angetrauten zur Feier mit Verwandten und Freunden fahren. Außerdem meldet die Statistik fünfzigtausend neugeborene Leningrader pro Jahr. Genauere Nachfragen bei Dimitrij ergeben, dass in Minsk eine Swjeta auf ihn wartet, die am gleichen Institut wie er studiere. Und Viktor teilt mit, seine Zukünftige studiere ebenfalls, und zwar am Kiewer Polytechnikum. Sie heiße Ingrid und sei sowjetdeutscher Nationalität. Unser Gewährsmann Steffen gratulierte am Gründerdenkmal einem jungen Paar mit Handschlag. Natalja und Igor Asarowy hießen die beiden und waren – anscheinend trafen wir nur auf solche – Studenten; Mathematiker von der Leningrader Universität. Mag sein, dass sie vermuteten, die Berührung eines Matrosen habe die gleiche Glück bringende Wirkung wie die eines Schornsteinfegers. Was die beiden aber nicht wussten, als sie in ihren dicken Hochzeits-Tschaika einstiegen, war folgendes: Auch Steffen Silze hatte längst das Aufgebot bestellt. In Leipzig. Seine Liane, Rostocker Krankenschwester, ist, da dieser Beitrag erscheint, wohl schon in die sächsische Handelsmetropole umgezogen. Aber das ist schon eine ganz andere Geschichte.
Getauschter Exkragen
Wer wollte von all den Leuten auf dem Newski-Prospekt reden, der fünf Kilometer langen Magistrale der Newa-Stadt, einer Straße, die zugleich großartig und alltäglich ist. Uns fielen immer wieder die Uniformen der Nachimow-Schüler auf, sechzehn-, siebzehnjährige Militärschüler, die einmal Offiziere der Seekriegsflotte werden wollen. Natürlich strömten auch unsere Matrosen ins alte Warenhaus Gostinij Dwor, dem Touristenmagnet mit seinen hunderte Meter langen Fluren, den vielen sich wiederholenden Verkaufsständen. Sie sahen die Eremitage, das Zarenschloss Petrodworjez mit seinen Wasserspielen, Parkanlagen und vergoldeten Statuen, das nach der Zerstörung durch faschistische Truppen langwierig restauriert worden ist. An zwei Tagen kam Gegenbesuch. Die Leningrader standen geduldig in der Schlange zur Besichtigung der beiden Volksmarineschiffe. 7000 Gäste waren es insgesamt, und jeder hatte die Besucherkarte in seinem Betrieb als kleine Auszeichnung erhalten. Bald noch mehr als die Besucherinnen und Besucher staunten unsere Matrosen über das große Interesse an den Schiffen. Mancher merkte erst bei dieser Gelegenheit, wozu die wochenlangen Oberdecksarbeiten, all das Pönen und Putzen und die anderen Zeit schluckenden Vorbereitungen gut waren, wie sie nun wirkten. Und Steffen Silze hatte sich um den täglich aufzuziehenden Großen Flaggenschmuck zu kümmern. Wieder Protokoll … Beim Treffen mit den Offiziersschülern im Leningrader Matrosenklub verständigte man sich nicht mit Flaggen, dafür manchmal mit Händen und Füßen. Quer durch den Saal, so Steffen, sei ein Mädchen auf ihn zugekommen und habe ihn zum Tanzen aufgefordert. Und lustig sei eine Volkstanzgruppe gewesen, die da auftrat. Bei all den Abzeichentauschereien habe er auch einen sowjetischen Exkragen den blauen mit den drei weißen Streifen bekommen. Ich bewundere das Exemplar. Der Stabsmatrose d. R. wird ihn gut aufheben, eine Erinnerung an herzliche Stunden mit den Leningrader Waffenbrüdern. Abschied von Leningrad. Auf der Rückfahrt durch den finnischen Meerbusen passieren wir, nur knapp eine Seemeile von ihr entfernt, die sowjetische Insel Hogland. Vom Signaldeck aus schauen wir auf ihre bewaldeten Granitfelsen, können einzelne Häuser im Abendlicht ausmachen, einen kleinen Leuchtturm. Noch weiter nördlich liegt Finnland. „Kenn ich“, sagt Steffem Silze „wir waren vor einem Jahr in Kotka, auch zum Flottenbesuch.“ Wieder in Rostock angekommen, ist die Begrüßung bescheidener als an der Leningrader Pier. Ganz ohne Böllerschüsse aber doch wieder mit Musik. Wir sehen, wie Admiral Ehm von den Daheimgebliebenen begrüßt wird. Eine kleine Ankunft – für uns schon ein Abschied. Wochen später rudern zehn Kapitäne den scheidenden Chef der Volksmarine nach altem Seemannsbrauch an Land. Beim nächsten Flottenbesuch in Leningrad führt ein Jüngerer das Kommando, das ist gewiss. Und Stabsmatrose Silze? Er will in Leipzig an der Gastronomiefachschule studieren. Wir sahen ihn mit seiner schwarzen Tasche von Bord gehen. Er hatte da noch etwas mit seiner Hochzeit zu regeln.
— Bernd Meyer, Manfred Uhlenhut (Armeerundschau)
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