Wenn der Pott aber nu kän Sportplatz hät
Reportage des Militär-Reporters Oberstleutnant Ernst Gebauer aus der Armeerundschau 1/81 über den „Seemannssonntag“ mit Sport an Bord des KSS „Berlin – Hauptstadt der DDR“: Hindernislauf an Bord, Tauchen, Kampfanzugschwimmen in See, Feudelhockey, Luftgewehrschießen und Wurfpfeilwerfen. Kommandant Korvettenkapitän Kulbe und Politstellvertreter Kapitänleutnant Geruschke kommen zu Wort.
Anmerkung der Redaktion: Hier geht es um Sport an Bord. Der Sache auf den Grund ging der Militär-Reporter Oberstleutnant Ernst Gebauer. Das Ergebnis seiner Recherchen erschien dann in der Armeerundschau Ausgabe 01/81. Leider war aus den abgescannten Fotos der fast 30 Jahre alten Zeitschrift keine bessere Qualität herauszuholen. Zugesandt hat uns diesen Artikel ebenfalls Wolfgang Peschenz.
Mit dieser Frage in Plattdeutsch schickte mich der AR-Sportreporter auf große Fahrt. Ich gab mir dann auch Mühe, sie phonetisch richtig auf dem KSS „Berlin – Hauptstadt der DDR“ an den Mann zu bringen. Allerdings verstanden mich die Seeleute nicht so recht. Denn in freundlichem Sächsisch fragten sie mich nochmals nach meinem Begehr. Es fuhr offenbar der sächsische Teil unserer Nation zur See. Wir verstanden uns trotzdem prächtig. Da ich den gesamten Ausbildungstörn – hier nutzten die Sachsen wieder den plattdeutschen Ausdruck für Fahrt – an Bord bleiben würde, verwiesen sie mich auf den „Seemannssonntag“. Er würde diesmal alleine dem Sport gehören. Nach altem Brauch fiel der Seemannssonntag auf den Donnerstag…..
In der Tat entwickelte sich an diesem Donnerstag, dem sechsten Tag nach dem Auslaufen und anstrengender Gefechtsausbildung, an Bord eine solche Geschäftigkeit, die einem sonntäglichen Garnisonssportfest an Land entsprach. Nur war eben nicht alles so, wie in einem Stadion, mit einem Blick zu übersehen. Diese Sicht versperrten die Aufbauten an Oberdeck und die winkligen Kammern und Gänge darunter. Aber gerade weil es auf einem Schiff so eng, sperrig und verwinkelt ist, gehörte der Hindernislauf an Bord zu den wichtigsten Disziplinen des Tages. Er ist Teil der militärischen Körperertüchtigung bei den fahrenden Einheiten der Volksmarine. Gleich in welcher Laufbahn, der Matrose eines Kriegsschiffes arbeitet auf engstem Raum. Er erreicht seine Gefechtsstation immer nur über Niedergänge, durch Luken und Schotts. Bei starkem Seegang krängen auch große Schiffe nach Steuer- und Backbord bis zu 35 Grad und mehr, hebt und senkt sich der Schiffskörper beträchtlich. Es ist dann gewissermaßen „alles in Bewegung“. Wer dem nicht gewachsen ist, holt sich unter Deck Prellungen und blaue Flecke. An Oberdeck könnte er in die See geschleudert werden. So trainiert dieser Hindernislauf auf die alte Seemannsregel: „Eine Hand für das Schiff, eine für den Mann“. Alles was da so an Bord „im Wege stand“, wurde also für den Hindernislauf genutzt. Die Genossen traten in Bordpäckchen blau (Arbeitsanzug), Stahlhelm und umgehängter Schutzmaske an den Start. Sie liefen einen Seitengang hinauf, erreichten über zwei Niedergänge das Signaldeck, hangelten sich an einem Tau wieder auf das Hauptdeck hinunter. Sie umrundeten in einem Schlängellauf die an Oberdeck stehenden Geschütze und Wasserbombenwerfer, kletterten durch die Bootsmannslast und durch eine Luke in einen anderen abgedunkelten Raum. Dort setzten sie die Schutzmaske auf und versuchten auf einer winzigen Geraden von etwa 12 Metern Länge noch etwas Zeit herauszuholen. Weil eben für die ungefähr 200 Meter lange Gesamtstrecke auf einem KSS mit all ihren Hindernissen die Note 1 nur ab 2:20 Minuten und darunter vergeben wird.
Indessen senkte der Bootsmann an der Steuerbordseite das Fallreep ab. Zwei Genossen gingen als Rettungsschwimmer ins Schlauchboot. Außerdem legten sie am Heck des Schiffes eine Leine mit drei Bojen aus. Damit waren die Vorbereitungen zum Tauchen getroffen. Es gehört zur physischen Ausbildung jedes Matrosen. Der eigenen Sicherheit und der des Schiffes wegen muss jeder Mann der Besatzung eine bestimmte Zeit unter Wasser ausharren können. Sind etwa durch gegnerischen Waffeneinsatz Lecks geschlagen, so laufen die getroffenen Räume und Sektionen in wenigen Minuten voll. Lecks müssen aber, um die Standkraft und Manövrierfähigkeit des Schiffes zu erhalten, abgedichtet und die Räume ausgepumpt („gelenzt“) werden. Derjenige, der dann die Leckwehrkissen (große, mattenähnliche, stabile Kissen) ausbringt, muss notfalls in diese Räume hineintauchen. Ja, beherztes Tauchen ist für den Genossen, der unter der Wasserlinie im Schiff arbeitet, bei einer Havarie oft nur die einzige Möglichkeit, sein und seiner Kameraden Leben zu retten. Es bleiben in solchen Situationen eben nur Wege durch Luken oder Öffnungen des Schiffes nach draußen in die See. Man könnte diese Disziplin auch in einem Schwimmbecken trainieren und abnehmen, sagten die Genossen der „Berlin“. Sie aber würden dieselbe, eben weil sie so wichtig sei, immer auf offener See absolvieren. Der Realität wegen. Die Leine war also gesetzt. Die Männer sprangen, diesmal in Badehose, in die See. Wer an der ersten Boje auftauchte (15 Meter), erhielt die Note 3, die an der zweiten Boje (20 Meter) an die Oberfläche kamen, eine Zwei. Die Note 1 wurde all denen zugesprochen, die sich erst nach der dritten Boje (25 Meter) über Wasser zeigten.

Obwohl es keinen Gefechtsalarm gegeben hatte, versammelten sich Gruppen der Besatzung im Kampfanzug See an Oberdeck. Beim genauen Hinsehen entdeckte ich: sie gingen barfüßig. Auch ein Schlepper kam längsseits. Da hörte ich, man beginne, sich auf das Kampfanzugschwimmen in See vorzubereiten. Auf die wohl seemännischste aller Disziplinen der physischen Ausbildung an Bord. Man darf sogar sagen, die für die Selbsterhaltung des Seemanns wichtigste. Denn noch immer hat Wasser keine Balken. Ein Über-Bord-Gehen, bei Sturm oder im Gefecht durchaus möglich, ist auch unter Ausbildungsbedingungen nicht auszuschließen. Da dürfen dann weder Schock noch Schwäche, gar Kälte eine mögliche Rettung in Frage stellen. Gesteigerte Furcht vor der unendlichen Wasserfläche kann den über Bord Gegangenen so lähmen, dass er unfähig ist, sich zu bewegen. Er wird sich nicht von sinkenden Schiffsteilen oder austretendem Treibstoff befreien können, sondern vollkommen inaktiv bleiben. Er wird zum Spielball des nassen Elements werden. Das Rettungsmittel, eben der Kampfanzug, sichert das Auftauchen zur Wasseroberfläche und das Treiben auf ihr. Doch muss der in Seenot Geratene die Kraft haben, die für ihn „bequemste“ Lage einnehmen und einhalten zu können. Nicht nur, dass ihm Wind und Wellen andauernd salziges Wasser ins Gesicht schleudern. In unseren Meeresbreiten pendeln die Wassertemperaturen zwischen etwa 2 bis 17 Grad plus. Wobei die obere Grenze wohl nur im Sommer und in Küstennäher erreicht wird. Schon eine Temperatur des Wassers von 15 Grad plus hat nach sechs Stunden den Körper so unterkühlt, dass der Tod eintreten kann. Mit der ihm vorausgehenden Bewusstlosigkeit ist schon ab der dritten Stunde zu rechnen. So hart hat die Natur die Grenzen gezogen. Wie für alle Ausnahmesituationen ist auch hier das Training die beste Lebensversicherung. Richtiges Anlegen des Kampfanzuges gehört dazu. Die Temperatur des Wassers, welches durch ihn an den Körper dringt, erhöht sich durch die Körperwärme um drei bis vier Grad. Wer genügend untergezogen hat, kann diese Wirkung noch steigern. Er vermag sich jene Zeit über Wasser und am Leben zu erhalten, die moderne Rettungskräfte benötigen, um Hilfsmaßnahmen zu treffen. Dem also dient das Schwimmen mit dem Kampfanzug. Der Schlepper nahm dazu einen Teil der Besatzung an Bord und lief mit ihr auf 1500 Meter vom KSS weg. Dort sprangen die Genossen in den „Bach“ und sahen aus dieser Perspektive ihr Schiff nur dann, wenn sie ein Wellenberg nach oben hob. Der gute Rat, in den Wind zu schwimmen und sich dann zum Schiff treiben zu lassen, schlug fehl. Eine Strömung zog gegen den Wind und trieb die Männer ab. Für keinen der Schwimmer wurde die Distanz zum Schiff zum Zuckerlecken. Auch nicht den Genossen, die nach einer Stunde die über Bord hängenden Tampen am Schiff ergriffen und damit die Note 1 erreichten. Trotz günstiger Bedingungen – Wassertemperatur 16 Grad plus, See 2 bis 3 – blieben einige auf der Strecke und wurden – obwohl sie dagegen protestierten, entsprechend den Sicherheitsbestimmungen „aufgefischt“. „Man sieht, in wem ein wahrer Mann steckt“, kommentierte der Kommandant, Korvettenkapitän Kulbe, das Seeschwimmen. Zu recht, kann er doch das Schiff im Gefecht nur dann erfolgreich führen, wenn alle Mann an Bord jeglicher Belastung in See gewachsen sind.

Noch tropfte es aus den kopfüber aufgehängten Kampfanzügen, da gellten Pfiffe über Deck. Nanu, so oft hatte ich noch nie den Bootsmann pfeifen hören. Er war es auch nicht, wie ich bald sah, sondern Kapitänleutnant Geruschke, Politstellvertreter des Schiffes. Er blies immer dann in seine Trillerpfeife, wenn sich ein Knäuel Matrosen nicht auflösen wollte. Meist zeigte sich ein völliges Durcheinander von zwölf Beinen und sechs Besenstielen. „Feudelhockey“, rief er mir zu. Ich sah, wie ein Lappen in einer kleinen Kiste verschwand. „Tor“! Es wurde mit so einer Begeisterung von den auf den verschiedenen Aufbauten hockenden Zuschauern gefeiert, als hätte es Dynamo Weißwasser gegen Dynamo Berlin erzielt. In einer Spielpause erklärte mir der Kapitänleutnant die Regeln: Je drei Spieler einer Mannschaft würden zweimal fünf Minuten lang mittels Besenstielen einen Feudel (Wischlappen) in das „Tor“ (leere Gemüsekiste) des Gegners zu schieben versuchen. Der Feudel müsse auf dem Boden bleiben. Sonst wäre es ein Foul. Das Spielfeld brauche nur so groß zu sein, wie das Deck eben Raum biete. Und Feudelhockey sei ein Spiel, das nichts kostet, dafür aber nach langem Dienst prächtig entspanne. Ein Matrose müsse sich auch einmal austoben können. Außerdem fördere es Geschicklichkeit und verlange körperlichen Einsatz.
Zu gleicher Zeit lief achtern Luftgewehrschießen und Wurfpfeilwerfen. Pfeilwerfen, ein Sport für Matrosen? Aber ja, so wie das Schießen zwingt es auf einem leicht schwankendem Schiff zur Körperbeherrschung. Trotz solcher Schiffsbewegungen muss ein Matrose oft Präzisionsarbeit leisten. Da müssen Waffenteile bei Störungen blitzschnell aus- und wieder eingebaut werden. Elektronische Bauteile, auf modernen Schiffen die Regel, sind oft winzig und zerbrechlich. Die „ruhigen Hände“ dafür, trainieren sich auch durch Wurfpfeilwerfen.
„Natürlich kann man an Bord nur einen den Möglichkeiten entsprechenden Sport treiben“, resümierte am Seemannssonntagabend Kapitänleutnant Geruschke. „Es geht uns darum, die Genossen körperlich so fit zu machen, dass sie unter Bordbedingungen ihre Gefechtsaufgaben immer besser erfüllen können. Einen großen Teil der physischen Ausbildung absolvieren wir allerdings an Land. Auf einem Schiff können eben keine Hundertmetersprints, kein Handgranatenweitwurf, kein Crosslauf und auch nicht der allen bekannte Härtekomplex durchgeführt werden.“
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