Von der EK-Feier zum Vereins-Museum – Museumsgeschichte(n)
Horst Wilhelm erzählt, wie aus einer bemalten 85-mm-Übungsgranate als Abschiedsgeschenk für den Oberstückmeister seine Sammelleidenschaft entstand und wie 1990 die Exponate des Traditionszimmers der KSS-Brigade – darunter die Modelle beider KSS-Projekte und die Schiffsglocke – in einer Nacht- und Nebelaktion nach Thüringen gerettet wurden. Mit Anmerkung der Redaktion zum „weltgrößten Spezialmuseum“ für KSS.
…..und es begab sich zu der Zeit, als ich noch GA-II-Kommandeur bei Fritze Naumann war. Wie zu jeder Entlassung fand im Stabsgebäude in unserem selbst gestalteten Traditionszimmer eine Feier zur Verabschiedung für und mit den EK’s statt. Auch Erinnerungsgeschenke wurden übergeben. Für den Oberstückmeister, Obermaat Rogge (warum bloß Obermaat, ist wieder eine Extrageschichte), hatte sich der GA-II etwas Besonderes ausgedacht. Meinen Schreibtisch in Kammer 7 zierte zu dieser Zeit noch eine 85mm-Praktisch-Üb-Granate als Briefbeschwerer. Die hatte ich mal, nicht ganz legal, aus der Munitionsvernichtungsstelle abgezweigt – Schrott also. Für einen Außenstehenden nichts Anderes als ein Stück Eisen mit Kupferringen. Nicht aber für einen Vollblutartilleristen! Und als solcher ging Obermaat Rogge in die Reserve. Ein Pantry-Gast aus Thüringen, der Glas- und Porzellanmalerei kundig, beschriftete Abend für Abend nach Pantryschluss unbemerkt vom Oberstück kunstvoll die Granate. Auf schwarzem Grund stand auf der Spitze „KSS“, auf dem Bodenteil „Karl Liebknecht“ und zwischen den Kupferringen auf dem Mittelstück die Unterschriften des Kommandanten und des gesamten GA-II. Diese Unterschriften kopierte der findige Maler einfach aus dem Arbeitsschutz-Belehrungsbuch ab. Schön lackiert und in unscheinbares Zeitungspapier verpackt, nahmen wir die besagte Granate zu der Feier mit und nach den üblichen Reden, der Verteilung der EK-Tücher und –urkunden übergab ich dieses Geschenk im Namen des gesamten GA-II dem Obermaat zum Abschied. Wie man so sagt: Die Granate schlug mit enormer emotionaler Wirkung wie eine Bombe ein. Der Oberstück war vor Rührung völlig überwältigt. In der Folgezeit war es für mich immer wichtig, bei solchen Anlässen keine „Präsente von der Stange“ zu verwenden, sondern ein ganz individuelles Erinnerungsgeschenk zu gestalten. Der Ehrlichkeit halber muss ich sagen, dass dies bei unseren hervorragenden Verbindungen zu verschiedenen Werkstätten der Flottille auch in der qualitativen Ausführung kaum Probleme machte.
Ab dieser Zeit sammelte ich alles, was geeignet und nicht niet- und nagelfest war, mit der Absicht es später einmal irgendwie als Geschenk an den Mann zu bringen. Bald hatte ich viel mehr, als ich eigentlich zu diesem Zweck brauchte. Die Außerdienststellung der „Karl Liebknecht“ brachte dann einen ganzen Schub an Exponaten. Das alte Klinometer aus dem Kesselraum zum Beispiel, mit Glasscherben gründlich gereinigt und farblich wieder in den Originalzustand versetzt, ist heute noch mein Lieblingsstück. Allmählich setzte sich im Kopf der Gedanke an eine eigene „seemännische Ecke“ bei mir zu Hause fest und immer fester. Die Sammelleidenschaft hatte mich gepackt. Viel später einmal äußerte ein Kamerad nach Besichtigung meiner Sammlung, dass er nicht glauben könne, was so alles von einem KSS herunter zu holen sei. Diese unterschwellige Unterstellung kann ich so natürlich nicht stehen lassen. Vieles wurde ganz offiziell bezahlt. Das Notruder zum Beispiel habe ich während der Abrüstung des Schiffes vom RD gekauft. Es waren 0,2 Kubikmeter Holz für 6,20 Mark der DDR. Die Quittung habe ich heute noch. Dass an dem Holz außerdem noch einige Kilo Messing hingen, wurde vom „Verkäufer“ freundschaftlich übersehen.
So richtig interessant wurde die ganze Sammelei mit meiner Entlassung aus dem aktiven Dienst im Jahre 1987. Die letzten Jahre war ich als Navigationsoffizier im Stab der Brigade tätig gewesen. Die mir mitgegebenen Erinnerungsgeschenke und –stücke, und alles das, was sich schon vorher so angesammelt hatte, machten eine „seemännische Ecke“ für eine stilvolle Aufbewahrung all dessen nun wirklich unumgänglich, hing ich doch mit Herz und Seele an der Navigation und meiner KSS-Brigade. Alleine der Sextant mit einer persönlichen Widmung von Horste Bohnhardt – damals Navigationsoffizier in der Abteilung Ausbildung des Kommandos der VM – ist für mich von seinem moralischen Wert her unbezahlbar. Noch mit dem guten, alten „Mossi“ (PKW Moskwitsch) und Hänger zog ein Stockanker um nach Oberweißbach. Damals soll Hans Steike mal gesagt haben, dass er sich gar nicht wundern würde, wenn ein Feuerleitstand unser Hausdach zieren würde. Wie dicht er an der Wahrheit lag, ahnte er sicher nicht, denn die Sammlung wurde größer und größer. Den letzten Anstoß zu meinem „Kleinmuseum“ hat er dann, inzwischen zum Flottillenstab versetzt, selbst gegeben.
1990 – das Ende der Volksmarine stand unmittelbar bevor – machte sich die damalige Brigadeführung Gedanken, was wohl aus dem von uns selbst so liebevoll gestalteten Traditionszimmer in der Stabsbaracke und den dort aufbewahrten Erinnerungsstücke an die KSS Projekt 50 und 1159 werden sollte. Es ging auch um zwei Modelle beider Schiffe. Schließlich fragte man den „alten“ Brigadechef um Rat. „Sicher und am besten aufgehoben ist das alles bei Horst Wilhelm“, hat er wohl gesagt. Also wurden in einer Nacht- und Nebelaktion erst einmal alle Exponate aus der Dienststelle gebracht und so vor dem Zugriff fremder Mächte gerettet. Die Schiffsglocke hatte Bernd Huke schon vorher im Seesack durch das KSS-Tor transportiert. Man kann heute anders über diese Aktion denken, Fakt ist aber, dass vieles, was in Dienstzimmern und Traditionskabinetten der Volksmarine aufbewahrt wurde, später unkontrolliert in irgendwelchen dunklen Kanälen auf Nimmerwiedersehen verschwand.
Als mir die Nachricht von der Rettungsaktion übermittelt wurde, dauerte es keine 48 Stunden und die Spezialverlegung der Exponate aus dem Garagengebiet von Markgrafenheide nach Thüringen war abgeschlossen. Nach kurzer „Werftliegezeit“ – beim 1159er Modell bestand Reparaturbedarf – erhielt auch dieses Schiff, so wie beim Modell des Projektes 50 schon vorhanden, eine ordentliche Vitrine. Neue Glasscheiben brachten beide Schiffe besser zur Geltung. Außerdem wurden maßgeschneiderte Regalunterbauten angefertigt, die viele Exponate aufnehmen konnten. In diesem Auffüllzustand führte ich die Sammlung anlässlich des Familientreffens in Thüringen interessierten Kameraden vor. Mit Erfolg! Durch die Besichtigung animiert, lieferten später viele Kameraden spontan weitere Exponate an. So geriet auch die grüne Kartenrolle, die wir bei jedem Alarm an Bord des Führerschiffes schleppen durften, in meinen Besitz und ist mittlerweile wieder voll bestückt. Auch der Inhalt des eigentlich dazugehörigen „Gefechtskoffers“ – diverse Vorschriften, die der Führungspunkt an Bord brauchte – ist fast wieder vollständig. Angesichts der Kartenrolle erinnere ich mich an eine Vielzahl von gemalten „Bummis“ (Lage-, Entschluss- und Episodenkarten) und dabei besonders an die bei den Orkneys kraulenden, lachenden Minen, während eines Gemeinsamen Geschwaders durch Dieter Sperling („Straßenadler“) dort erfunden und erstmals in eine Karte hinein geschmuggelt. Sie zierten dann auch, nur dem Kundigen sichtbar, alle späteren Lagekarten, die von Bernd Huke und mir angefertigt wurden.
Und so kam mit der Zeit eines zum anderen. Eine Bestandsliste habe ich noch nicht. Es konnte auch noch nicht alles einen gebührenden Platz erhalten. Aber außer vielerlei Gerät befindet sich von den Bestenbüchern des Truppenteils über das Taktische Formular, vom Chronometer mit Tagebuch bis zum Flaggenstell mit Kommandozeichen Diverses im Bestand. Nicht alles ausschließlich von KSS. So besitze ich auch die Dienstflaggen der Kaiserlichen Marine, der Kriegsmarine des Dritten Reiches, der Volksmarine und der Deutschen Marine.
Manches Teil hat dabei auch eine eigene Geschichte. So zum Beispiel ein Hocker aus dem Artilleristendeck (Deck 5). Er erinnert mich an einen Anschiss, den ich als junger Leutnant und Waffenleitoffizier vom Diensthabenden des Schiffes erhielt. Das GA-II-Personal war nicht zum Frühsport herausgetreten. Also, Leutnant, ab nach Deck 5 und prüfe, was da wohl los ist. Dort fand ich folgende Situation vor: Der Niedergang war blockiert. Obermatrose H. hatte sich „Matrosen am Mast“ eingefangen. Einem alten Seemannsmittel für einen solchen Fall vertrauend, hatte er sich die befallene Körperregion am Vorabend mit echtem Diesel vom Maschinenabschnitt gepflegt und hoffte so auf Erfolg. Der hatte sich auch eingestellt, nur nicht so, wie erhofft. So saß der Obermatrose dann am Morgen auf einer Ecke dieses Hockers vor dem Niedergang, wo mehr Licht ins Deck fiel, und beschaute entsetzt und mit schmerzverzogenem Gesicht seine „edlen Teile“, die sich von der Form her in die Größe einer Pampelmuse und von der Farbe her wie eine Maltesische Postsäule verändert hatten. Die gesamte Artilleriebande stand um ihn herum und johlte vor Vergnügen. Ich konnte dann auch nur schmunzelnd dem I. WO, den der DdS inzwischen informiert hatte, Meldung machen. Der Frühsportausfall für Deck 5 wurde akzeptiert. Obermatrose H. verbrachte die nächste Zeit im Med-Punkt und wird zukünftig wohl auf solche „Hausmittel verzichtet haben.
Oder aber die originalen Spillspaken. Sie stammen aus Günter Görlitzens Keller. Dort standen sie, schon als Drechselholz vorbereitet, dann aber doch großzügig mir überlassen. So ließe sich bei einer Bestandsliste zu vielen Teilen eine eigene Geschichte erzählen. Und das werde ich wohl auch tun, wenn es mal zu so einer Liste kommen sollte. Derzeit habe ich noch echte Platzprobleme und ich habe noch keine endgültige Lösung dafür, alles so unterzubringen, dass es unverpackt besichtigt werden kann. Es fehlt auch noch ein Mast, auf dem man Flaggen und Signale setzen kann. Doch daran wird schon gearbeitet. Vielleicht gelingt es mir dann auch, meinem Nachbarn mit seiner FC-Bayern-Fahne den Schneid abzukaufen.
Zuletzt muss ich noch etwas Anderes an den Mann bringen. Das hier ist ja mein erster Beitrag zu unserer KSS-Broschüre. Und es stimmt wirklich: Wenn man sich erst einmal überwunden hat und die ersten Zeilen seiner Geschichte aufgeschrieben hat, dann läuft es fast von alleine weiter und ganz schnell kommen so ein paar Blätter zusammen. Nur Mut, Kameraden!
— Horst Wilhelm

Anmerkung der Redaktion: Horst schreibt zwar immer nur von „seemännischer Ecke“ oder „Kleinmuseum“ doch unseres Wissens nach dürfte es sich hier um das weltgrößte Spezialmuseum für die KSS Projekt 50 und 1159 der Volksmarine handeln. Als Teilnehmer der genannten Besichtigung anlässlich des Familientreffens in Thüringen möchten wir einige Reserven aufzeigen: Auf einen Feuerleitstand, der noch auf dem Hausdach Platz fände, wurde schon hingewiesen. Auf der kleinen Rasenfläche, wo der Grill stand, würde sich eine Hunderter gut machen und bei etwas Einschränkung des PKW-Verkehrs könnte man auf dem Hof noch einen Torpedorohrsatz aufstellen. Aber, liebe Kameraden, wir glauben, dass sich Horst auch über jedes kleinere KSS-Erinnerungsstück freut, das ihr entbehren könnt.
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