Landgang in Sassnitz
Dieter Gaasenbeek beschreibt die Regeln des Landgangs in Saßnitz Anfang der 60er Jahre: die Landgangsmusterung in Ausgangsuniform „K1“ mit Knotentuch und Mützenbändern, das Tanzlokal „Stubbnitz“ mit den Mädchen aus dem Fischkombinat und die auf Rügen bekannte „Eva von Lanken“.
Der Landgang war streng geregelt und richtete sich nach dem Dienstgrad, den Dienstaufgaben der jeweiligen Wache und auch nach persönlicher Führung. Es konnte also durchaus sein, dass wir nicht an Land durften, obwohl wir mit unserer Wache, die sich nach Steuerbord- oder Backbordwache einteilte, eigentlich frei hatten. Es ging trotzdem nicht, weil besondere dienstliche Aufgaben das verhinderten oder ein Vorgesetzter Landgangsverbot als disziplinarische Maßnahme verhängt hatte.

Ausgangsuniform war immer die „K1“ mit Exkragen und Knotentuch mit Schleife. Bevor man das Schiff verlassen konnte, musste man zur Landgangsmusterung heraustreten und wurde vom Oberbootsmann (Smadding) oder einem Wachhabenden gemustert. Begutachtet wurde die Uniform auf Sitz und Sauberkeit und besonders die exakt gebundene Schleife auf dem Knotentuch. Die Mütze musste straff gespannt sein und die Mützenbänder die vorgeschrieben Länge haben. Das hieß: Die frei hängenden Mützenbänder wurden über die Mütze nach vorne ins Gesicht geschlagen und durften dort nur bis zur Nasenspitze reichen. Einige Matrosen waren der Ansicht, dass sie besonders seemännisch aussehen würden, wenn diese Mützenbänder lange am Rücken herumflatterten. Die Landgänger wurden außerdem auf ordentlichen Haarschnitt, saubere Hände einschließlich Fingernägel und vorhandenes Taschenzubehör kontrolliert. Dazu gehörte ein sauberes Taschentuch, ein wenig Geld und ein Kamm. War das alles in Ordnung durfte man zum Landgang wegtreten. In rasenden Schritten stürmte alles über die Stelling von Bord. Wo ging man hin?
Die „Stubbnitz“ war für meine Begriffe ein seriöses Tanzlokal. Es lag auch nicht so weit vom Hafen entfernt und es ging verhältnismäßig gesittet zu. Natürlich waren viele Matrosen dort eingekehrt mit der Absicht, einen Tanzabend zu erleben. Tänzerinnen waren auch anwesend, denn das Fischkombinat Saßnitz beschäftigte Mädchen aus der ganzen Republik. Dennoch war es nicht ganz einfach, eine, die man sich gerade ausgesucht hatte, auch zum Tanzen zu bekommen. Man beobachtete genau, wenn der Geiger seine Geige unter das Kinn legte. Dann musste man in den Startlöchern stehen, um so schnell wie möglich auch die Ausgesuchte aufzufordern. Kam man zu spät oder bekam man sogar einen Korb, dann war der Rückgang auf den Platz außerordentlich peinlich. Für einzelne noch Unerfahrene gab es in solchen Situationen eine scheinbare Rettung. Sie suchten sich eine noch nicht Aufgeforderte zum Tanzen aus. Unter diesen Sitzengebliebenen war auch oft „Eva von Lanken“. Eva war, so die scherzhafte Aussage von den erfahrenen Matrosen, die einzige Adlige auf Rügen, weil sie den Titel „von“ besaß. Sie war aber in Wirklichkeit aus Lanken, einem kleinen Dorf unweit von Saßnitz. Eva war nicht mehr die jüngste und auch nicht die attraktivste weibliche Person auf dem Tanzboden. Sie hatte oftmals auch ihr Strickzeug bei, um sich die Langeweile zu vertreiben. Für einen Neuling auf dem Tanzboden war es daher sehr peinlich, wenn er an Eva geriet. Alte Signäler-Hasen feudelten sich dann mit den eingewinkelten Armen und mit den Fingern die unmöglichsten, spöttischsten Bemerkungen zu. Sicher ist es Eva manchmal auch gelungen, Begleiter zu finden, die sie bis in ihr Bett bringen durften. Von wenigen dieser Begleiter erfuhr man, dass sie nichts gegen den Geschlechtsverkehr an sich hatte, „wenn du ficken willst, denn fick“, aber sie berühren oder gar im genitalen Bereich anzufassen, verbat sie sich ernsthaft und entschieden mit den Worten: “An de Puns fassen, dat gewt et näch!“ Diese Tatsache machte Eva zwar interessant, aber keineswegs begehrlicher. Ihr Ruf hatte sich im Bereich der Marine Saßnitz weit herumgesprochen und war eigentlich vielen bekannt. Dennoch passierte es immer wieder, dass sich einer in ihrem Netz verfing. Da hilft nur das landläufige Argument, dass Frauen nach jedem Glas Bier immer schöner werden
Die Mädchen aus dem Fischkombinat, die natürlich auch nur wie wir zur Unterhaltung an diesem Tanzabend in der Gaststätte waren, hatten eine Besonderheit an sich. Wenn man mit ihnen tanzte und zwar so eng, wie es zu dieser Zeit noch üblich war, konnte man im Haar der Tänzerin erriechen, welche Soße gerade auf dem Band im Kombinat verarbeitet wurde, um die Fische darin einzulegen. Da roch es einmal nach Tomaten-Paprika-Tunke oder auch nach Senfsoße. Hatte diese Tänzerin eine helle Bekleidung an, so war am Ende des Tanzabends an den drei hervorstehenden Körperteilen einer Frau leichte Verschmutzungen zu erkennen. Diese wurden von der Ausgeh-Uniform des Tänzers verursacht, die - obwohl unter einer Plastiktüte im Deck aufgehangen - nie ganz staubfrei war, na und sicher auch nicht genügend gereinigt wurde.
— Dieter Gaasenbeek
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