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Episoden und Gedanken

Erinnerungen eines Matrosen

Auszüge aus den Erinnerungen von Dieter Gaasenbeek, der 1960 bis 1963 als E-Mess-Gast im GA-II des KSS „Friedrich Engels“ diente: Einstellung in die Seestreitkräfte, Grundausbildung in Parow mit dem „Gerd'schen Marathon“, Fachausbildung in Kühlungsborn, Ankunft bei der Flottille in Sassnitz, die Schlafplatznot mit Hängematte und Klappkoje sowie das Backen und Banken an Bord mit Backschafter, Kartoffelnetz und „Barkasse“.

Anmerkung der Redaktion: Dieter Gaasenbeek diente 1960 bis 1963 auf dem KSS „Friedrich Engels als E-Mess-Gast in der Oberrichtgruppe des GA-II. Aus diesem Personalbestand wurde auch der BÜ-Gast für den HBS gestellt. In Nebenfunktionen war Dieter als Pantry der Offiziersmesse, Gefechts-Sanitäter und Filmvorführer tätig. Logisch, dass es da viel zu erzählen gibt. Hier einige Auszüge aus seinen Erinnerungen

Meine Einstellung in die Seestreitkräfte

Die Entscheidung über meinen Einsatz in der Armee unseres Landes fiel in meine Lehrzeit. Ich erlernte den Beruf eines Werkzeugmachers von 1957 bis 1960 in Sonneberg. Im Ausbildungsbetrieb VEB Elektroinstallation Oberlind war ich zunächst vorgesehen für eine Ausbildung als Elektriker. Als ich aber die ersten Monate der Grundausbildung absolviert hatte, stellten meine Lehrausbilder fest, dass ich zu „Größerem“ berufen, war als „Strippen“ zu ziehen. Offensichtlich hatten meine Hände mehr Geschick. So wurde meinem Vater vorgeschlagen, den Lehrvertrag in eine Lehre als Werkzeugmacher umzuändern. Diese Entscheidung, die mein Vater mit mir gemeinsam besprach und der wir dann auch zustimmten, sollte für meine weitere Entwicklung von Bedeutung sein.

Matrose Dieter Gaasenbeek. Quelle: Autor
Matrose Dieter Gaasenbeek. Quelle: Autor Broschüre Teil 10, Seite 27Bildnachweis des Heftes: Grafiken Titelblatt: Hans Beyer — Fotos: D. Flohr, H. Niemann, D. Gaasenbeek, N. Mäder, H. Franke, M. Kretzschmar

Noch bevor ich meine Abschlussarbeit und Prüfung im August des Jahres 1960 abschloss, wurde mir die Frage gestellt, bei welcher Waffengattung ich meinen Dienst in der NVA versehen möchte. Begeistert war ich von den Luftstreitkräften und wollte dort eigentlich als Bordmechaniker tätig werden. Doch aus diesem Traum wurde nichts, und so entschloss ich mich, ein Angebot bei den „Seestreitkräften“ wahrzunehmen. Die Vorbereitungen begannen bereits im Monat Juni, also zwei Monate vor meinem eigentlichen Lehrabschluss. Da der Bewerberkreis offensichtlich sehr groß war, mussten alle Bewerber eine Aufnahmeprüfung absolvieren. Dazu erfolgte ein Sammeltransport von Hildburghausen nach Gera. Es wurden Prüfungen in drei Disziplinen vorgenommen: Kenntnisse in Deutsch, Mathe und Geographie waren gefragt. Bis auf kleine Fehler in Deutsch und Mathe, die nicht die Bewertung beeinflussten, gab es in Geographie einen kaum wieder gut zu machenden Fehler. Meine Kenntnisse in Geographie waren gut, und ich konnte fast alles beantworten, aber wo Kap Arkona liegt, das wusste ich nicht. Meine Prüfer waren darüber sehr erstaunt und verziehen mir meine Unwissenheit mit der Bemerkung, dass der Prüfling sicher diese Wissenslücke mit dem Einsatz als Matrose für immer schließen werde. So sollte es denn auch sein.

Am 1. August 1960 wurde ich wieder nach Gera und von dort aus mit einem großen Aufgebot an Bewerbern mit dem Zug nach Stralsund verfrachtet. Auf LKW fuhren wir weiter und blieben, was keiner ahnte, für Wochen hinter dem Zaun des Objektes Parow. Dort nämlich sollten wir den Grundschliff als Matrose erhalten. Das war schon „harter Tobak“ für all diejenigen, die aus der elterlichen Fürsorge und dem gemütlichen häuslichen Klima so plötzlich herausgerissen wurden. Bereits nach einer Woche waren vier Bewerber aus meinem Kreis Hildburghausen nicht bereit, sich diesen Anforderungen freiwillig zu stellen. Sie packten ihre Koffer und verließen Parow trotz intensiver Gespräche und Überzeugungsversuche der Vorgesetzten. Dieser Entlassungsentschluss sollte ihnen ein Jahr später gehörig auf die Füße fallen, als die FDJ- Regimenter einberufen wurden und anschließend die Wehrpflicht mit einem „Sold“ von 80.- M geleistet werden musste (man nannte sie 80-Mark-Schniepser). Wir sahen sie fast alle wiederkommen, aber auch wieder gehen während unserer Armeezeit.

Ich verpflichtete mich für drei Jahre für den Dienst auf einem Schiff der Seestreitkräfte. Das Motiv übrigens, welches mich zu meinem Ehrendienst motivierte, war nicht allein der Verteidigungswille, sondern auch die Tradition für einen Hildburghäuser, dass er das Braurecht nur erhalte, so steht es in der Chronik, wenn er gedient habe. Erst dienen, dann saufen! Bereits am 01.08.1960, also einen Monat vor Beendigung meiner Lehrzeit, wurde ich Angehöriger der NVA.

Grundausbildung Parow

Keiner ahnte auch nur im geringsten, was uns in Parow zur Grundausbildung erwartete. An einigen Beispielen will ich schildern, dass die Anforderungen sehr hoch waren und das besonders für einen, der gerade 18 Jahre geworden war.

Bekannt und berüchtigt war der so genannte Gerd`sche Marathon. Gerd deshalb, weil für seine Durchführung ein Obermeister Gerd verantwortlich war. Ein drahtiger, rothaariger, etwa dreißigjähriger Obermeister, der kein Pardon und keine Nachsicht kannte. Hervorzuheben ist, dass alles, was er verlangte, von ihm selbst vorgemacht und ausgeführt wurde. Dieser Marathon, ein absoluter Härtetest, begann zur normalen Dienstzeit nach dem Frühstück. Ein langer Fußmarsch führte bereits zu ersten Verschleißerscheinungen und Ermüdungen. Wir wurden in ein Sumpfgebiet geführt, in dem wir uns mehrere Stunden hangelnd, balancierend, auf allen Vieren bewegen mussten und das teilweise durch Schlamm. Oft musste gegenseitig Unterstützung gegeben werden, aber auch gutes Zureden untereinander war von Nöten. Am Ende war das Bordpäckchen blau völlig vom Schlamm verdreckt und durchnässt. So wurden wir nach dem Rückmarsch total erschöpft und entkräftet von Obermeister Gerd im Objekt Parow wieder abgeliefert. Nicht etwa, dass wir das verschmutzte Bordpäckchen einem Reinigungsdienst hätten übergeben können. Nein, es wurde unter der Dusche am Mann geschrubbt, bis es sauber war. Dann durfte man es auf der Leine trocknen. So wurde auch mit dem weißen Bordpäckchen verfahren. Übrigens ist die Bekleidung eines Matrosen zwar schön anzusehen, hat aber bei ihrer Mannigfaltigkeit auch ihre Tücken, von der wir als Matrosenbewerber noch keine Ahnung hatten. Das Umziehen, welches nach Zeit intensiv geübt werden musste, gehörte geradezu zur Ausbildung eines Matrosen. Welches „Gewand“ angelegt werden sollte, entschied der jeweilige Vorgesetzte. Ein Glück, dass der Matrose Stiefel trug und keinen Hosenstall schließen musste. Diese Umzieh-Übungsstunden bereiteten den Zug- und Gruppenführern immensen Spaß, denn sie konnten zwischen vielen Varianten wählen. Zunächst erfolgte die Bekanntgabe der jeweiligen Anzugsordnung, die mit dem „Wegtreten!“ in der Unterkunft auszuführen war, bis zum Befehl „Heraustreten!“, welcher das Ende des Umziehens bedeutete. Alles klappte mit der Zeit ganz gut, lediglich bei Alarm war die Zeit etwas zu kurz, und die bereits Angetretenen sahen oftmals sehr lustig aus. Ganz besonders war das bei Atomalarm der Fall. Entweder war die Uniform unvollständig oder wichtige Ausrüstungsgegenstände sowie Riemen und Gürtel hingen am Mann herunter. Der Anblick war teilweise katastrophal und verursachte bei den Könnern lautstarkes Lachen. Diese Übungsstunden wurden auch „Flagge Luzie“ genannt.

Das Backen und Banken war in Parow eine reine Katastrophe. Da es zum Essen grundsätzlich in Weiß ging, musste man sich immer in Bordpäckchen Weiß umziehen. Jeweils eine Kompanie (68 Mann) marschierte zum Speisesaal. Auf Kommando „Einrücken!“ musste man erst einmal lange an einem festen Platz einer langgestreckten Tafel stehen bleiben. Die Speisen waren bereits durch vorzeitig abgestellte Backschafter aufgetragen worden und man hätte gerne schon angefangen zu essen, aber das Signal war noch nicht gekommen. Endlich, nachdem alle Mannschaften eingerückt waren, ertönte das Kommando „Backen und Banken!“ Alle Hungrigen stürzten sich auf die servierte Portion und schlangen das Essen hinunter. Nach oftmals zu kurzer Zeit, der Teller war noch nicht einmal geleert, ertönte das schreckliche Signal „Alles auf! Raustreten!“ Erbarmungslos wurde dieses Raustreten durchgesetzt. Diese Praktiken führten dazu, dass man sich ein später zu verzehrende Essenreste, wie Fleisch, Wurst oder Obst, mitnahm.

In Parow lernten wir auch die Grußerweisung auszuführen. Zu grüßen war grundsätzlich jeder höhere Dienstgrad. Da wir alle als Matrosen eingestuft wurden, war bereits der Obermatrose ein Dienstgradhöherer. So bestand die Pflicht, ihn zu grüßen. Bei Zuwiderhandlung konnte der Dienstgradhöhere den Dienstgradniedrigeren mit den Worten „Kommen Sie mal zurück! Können Sie nicht grüßen?“ auffordern, seiner Grußpflicht nachzukommen. Das war für den Zurückgerufenen ein erniedrigender Gang. Diese übertriebene Forderung der Grußpflicht führte selbstverständlich auch zu manchen Kuriositäten. Eine Praxis war, dass man sich auf dem linken Ärmel ein Dienstgradabzeichen als Stabsmatrose befestigte, um so den Obermatrosen zu diesem erniedrigenden Rückgang aufzufordern. Eine weitere Art, diese Grußpflicht zu unterlaufen, war, dass man sich von einem Begleiter die eigene Grußpflicht mit erledigen ließ. Der Begleiter lief auf der rechten Seite, kam seiner Grußpflicht mit dem rechten Arm an seiner Kopfbedeckung nach, und mit dem linken Arm grüßte er für seinen links laufenden Begleiter indem er seinen linken Arm an dessen Kopfbedeckung legte. Wenn die Sache gut ging, und das war in den meisten Fällen so, hatten alle Grußpflichtigen einen riesigen Spaß. Beim Gruß ohne Kopfbedeckung kam es auch vor, den geforderten ruckartigen Schwenk des Kopfes nicht nach der Seite des zu Grüßenden, sondern nach der entgegengesetzten Seite zu vollziehen. Man entschuldigte sich zwar bei dem Vorgesetzten mit einer Geste der Unverständlichkeit, wie so etwas überhaupt passieren konnte, aber Spaß machte es schon auch, den jeweiligen Vorgesetzten ein Schnippchen geschlagen zu haben.

Ein Teil der Ausbildung, wenn auch der kleinere, wurde im Wasser durchgeführt. Für mich war das insofern problematisch, da ich zwar mit dem 15./ 16. Lebensjahr erst richtig schwimmen lernte, aber ein riesiges Problem mit dem Hineinspringen hatte. Kopfsprung („Köpfer“) war bei mir absolut nicht drin und geradehinein („Weibersprung“) auch nur von einem Startblock. Hier sollte sich bewahrheiten, was alte Seefahrer feststellten. Thüringer sind die besten Seeleute, weil sie bei Schiffbruch oder Seenot bis zum Schluss alles unternehmen, um das Schiff zu retten, nur um ja nicht ins Wasser springen zu müssen. Wir mussten alle (ca. 20 Mann) jeder auf einen Dalben im Hafen klettern, uns an den Händen fassen und dann auf Anstoß des ersten sich im Intervall ins Wasser ziehen lassen. Der Dalben ragte etwa ein bis zwei Meter aus dem Wasser. Da meine Schwäche allgemein bekannt war, schlich ich mich auf die letzte Position und verabredete, dass der Vorletzte mich bitte nicht ins Wasser hineinziehen solle. Diesem mir unbekannten Matrosen bin ich dafür heute noch dankbar. Für eine später bestandene Mutprobe, die in der Rostocker Schwimmhalle von einem 5m Turm nach Belieben ins Wasser zu springen, habe ich heute noch keine schlüssige Erklärung.

Spezialausbildung/Fachausbildung in Kühlungsborn

Nach der Grundausbildung in Parow folgte die Fachausbildung in Kühlungsborn. Mit Seesack und Zug ging es von Stralsund nach Kühlungsborn. Ich kann nicht mehr sagen, wie viele Matrosen dort in einem Schlafsaal untergebracht wurden. Es waren beidseitig Kojen aufgestellt und dazu auch für jeden ein kleiner Schrank. Hier wurden wir für die spezifische Arbeit an Bord - die Laufbahn - ausgebildet. Ich gehörte zur Artillerie, einer seemännische Laufbahn. Wenn ich richtig informiert bin, war Arie etwas, was jeder auf einem Kriegsschiff ausführen konnte. Scherzhafte Aussagen über betreffende Einstellungsgespräche lauteten so: “Können Sie lesen?“ „Nein!“ „Können Sie schreiben?“ „Nein!“ „Haben Sie Haare auf der Brust?“ „Ja!“ „Gut, dann kommen Sie zur Artillerie“! Etwas Geschick und Kraft gehörten noch dazu und vielleicht auch noch die Verträglichkeit des Pulvergestanks. So wurde man zum „Arie-Dunsel“. Ansonsten waren keine weiteren Anforderungen an diese Männer gestellt. Eine derartige herabwürdigende Beurteilung wurde nicht bei den auszubildenden Navigatoren, den Funkern und Signälern und den Matrosen des Feuerleitsystems vorgenommen. Das war, so die übliche Rede an Bord, die Intelligenz des Schiffes.

Es gab in Kühlungsborn keine wesentlichen Ereignisse, an die ich mich erinnere, außer an den „Schimanskihügel“. Dort wurde ein Steinberg von allen Matrosen geschaffen, die vor meiner Zeit Frühsport durchführten. Es soll ein hoher Offizier gewesen sein namens Schimanski, der diesen Steinhaufen wachsen ließ, indem er von jedem Frühsportler verlangte, einen auf dem Weg liegenden Stein aufzunehmen und diesen am Ende jedes Frühsportes dort abzulegen. Eine beachtliche Erhebung wurde auf diese Weise geschaffen. Schimanski (oder so ähnlich) hat sich damit auf eigenartige Weise ein Denkmal setzen lassen.

In unserer Unterkunft, ich kann mich noch gut erinnern, waren meine Fertigkeiten im Nähen gefragt. Wir wurden dort alle mit den unterschiedlichsten Laufbahnabzeichen ausgestattet, die auf den linken Ärmel der Bluse und dem Kolani aufgenäht wurden. Meine diesbezüglichen Fertigkeiten aus dem Nadelunterricht der Grundschule und die Tatsache, dass ich meiner Mutter hin und wieder bei ihren Näharbeiten über die Schulter geschaut hatte, waren sehr gefragt bei denen, die diesbezüglich nichts zustande brachten. Ich hatte an diesen Tagen voll zu tun.

Der absolute Höhepunkt in Kühlungsborn war wöchentlich einmal das Duschen. Zugweise wurde geduscht. Der Duschraum war ein größerer Raum, an dessen Decke Duschbrausen fest angebracht waren. Zum Duschen wurde immer eine gewisse Anzahl Matrosen eingelassen. Das Wasser wurde zentral für alle Duschen einheitlich auf- bzw. abgedreht. In einer nicht festgelegten Zeit konnte „Mann“ sich nass machen, einseifen und abbrausen. Da nicht für jeden eine Brause zur Verfügung stand, passierte es, dass der Eingeseifte nicht zum Abbrausen kam, weil das Wasser abgestellt wurde und die nächste Einheit bereits vor der Tür stand. In den seltensten Fällen wurde dann noch mal Wasser nachgeschoben, oft nur, weil der Protest unüberhörbar war.

Ob der Chef der Dienststelle, der in einem Einfamilienhaus vor den Toren des Objektes wohnte, wusste, wie seine Matrosen duschen dürfen, weiß ich nicht. Aber sicher bin ich mir, wenn wir ihm das hätten schildern dürfen oder können, wäre er damit nicht einverstanden gewesen. Diese Ausbildung wurde erfolgreich abgeschlossen und jetzt ging es auf zur Flotte.

Einsatz in der Flottille

Nach der Grundausbildung in Parow und der Spezialausbildung in Kühlungsborn waren wir alle gespannt, was uns nun bei der Flotte erwartete. Mit Seesack bepackt, ging die Fahrt von Kühlungsborn nach Sassnitz. Vom Bahnhof aus konnten wir bereits die Weite der Ostsee überschauen, denn der Bahnhof lag - wie die Stadt - etliche Meter höher als der Hafen. Begleitet wurde unser Trupp von einem jungen Unterleutnant zur See.

Als wir einige Meter in Richtung Hafen gelaufen waren, kamen uns drei Matrosen entgegen. Sie fielen auf durch laute Gespräche und undefinierbaren Gesang. Klar war für uns, dass dieses Verhalten untypisch war, noch dazu am hellerlichten Tage. Bei der Begegnung mit uns waren wir alle gespannt, wie sich der uns begleitende junge Offizier in dieser Situation verhalten werde. Es kam zu einer Zurechtweisung der eindeutig Angetrunkenen, die sich daraus aber nichts machten. Diese Situation eskalierte so weit, dass der Unterleutnant einem kräftigen Matrose am Arm hing und dieser ihn hoch hob. Sprachlos standen wir da. Dieser Zwischenfall war uns äußerst peinlich. Unverrichteter Dinge marschierten wir weiter, und der junge Unterleutnant erklärte uns, dass es die Aufbruchstimmung unter den Entlassungskandidaten sei, die zu solcher Undiszipliniertheit führe. Erstmalig machten wir die Erfahrung, dass ein Offizier auch nur einer von vielen ist und nicht, wie uns in den Kasernen vermittelt wurde, eine kleine Gottheit.

Endlich waren wir im Hafen angekommen und vor uns lagen vier riesige Kriegsschiffe, die ich zuvor in meinem Leben noch nicht gesehen hatte. Es versammelten sich immer mehr Ankömmlinge, und der Vorplatz füllte sich beachtlich. Keiner von uns wusste, auf welches Schiff er aufsteigen werde. Natürlich war auf diesem Vorplatz ein riesiger Tumult, aber zugleich auch aufgeregte Spannung. Endlich wurde per Lautsprecher die Einteilung verlesen, wer auf welches Schiff kommen würde. Bereits hier begann für mich ein Missgeschick, das nicht das erste bleiben sollte. In dem Getümmel von Verabschiedungen, Zurufen, Aufrufen, Gelächter aber auch Gejohle, hörte ich nur noch Fragmente meines Namens, ohne verstanden zu haben, welchem Schiff ich jetzt zugeteilt wurde. Ob es an mir lag, weil ich nicht aufgepasst hatte oder abgelenkt war, kann ich nicht mehr sagen. Ein Vorgesetzter versprach mir aber, diese Pleite am Ende der Einteilung zu klären. So geschah es, dass ich als letzter auf das Schiff 702 kam.

Mannschaftsdeck mit Hängematte über der Back (ohne Bildunterschrift)
Mannschaftsdeck mit Hängematte über der Back (ohne Bildunterschrift) Broschüre Teil 10, Seite 30Bildnachweis des Heftes: Grafiken Titelblatt: Hans Beyer — Fotos: D. Flohr, H. Niemann, D. Gaasenbeek, N. Mäder, H. Franke, M. Kretzschmar

Auf dem stolzen Schiff angekommen, stellte ich fest, dass ich nicht nur der Letzte war, sondern auch einer zu viel. Man hatte für mich keine Koje, keine Backskiste und auch kein abschließbares Fach. Diese Situation ergab sich aus der Tatsache, dass einige Matrosen noch an Bord waren, die zur Übergabe eine gewisse Zeit noch verbleiben mussten. Es blieb keine andere Möglichkeit für mich, als in einer Hängematte zu schlafen. Keiner der an Bord Anwesenden musste auf diesem Schiff in einer Hängematte schlafen, nur ich. Diese Situation wäre gar nicht so schlimm gewesen, wenn ich nicht bis dahin fast ausschließlich auf dem Bauch geschlafen hätte. Die Hängematte, die übrigens über unserer Back gezurrt wurde, war nicht ordentlich zu spannen und so hing sie durch wie ein nasser Sack. Im allgemeinen schläft man als junger Mensch überall, aber in dieser Lage war es mir unmöglich, und ich war am nächsten Morgen regelrecht gerädert. Drei Nächte hielt ich das aus, dann konnte ich nicht mehr. Ich suchte krampfhaft nach einer Möglichkeit, wie ich besser nachts über die Runde kommen könnte. Mein Einfallsreichtum war erfolgreich, und ich traf mit einem Neuankömmling eine Vereinbarung. Dazu muss man wissen, dass es auf dem KSS drei Arten von Schlafplätzen gab. Die erste bestand aus Backskisten. Dann gab es noch die unteren und die oberen Klappkojen. Ich vereinbarte mit dem Nutzer einer unteren Klappkoje, noch unter dieser Koje, also auf dem Boden des Decks, meine Matratze aufzuschlagen. Es gab keinen in unserem Deck, der mich davon abhielt, alle hatten volles Verständnis. Die üblichen Schlafbewegungen waren in dieser beengten Lage ganz wesentlich eingeschränkt. Auf der Seite zu schlafen war nicht möglich, da ich bei jeder Bewegung der Klappkoje einen heftiger Anstoß erhielt und umgekehrt war das Wenden auch schlecht möglich, weil ich dabei den „Obermann“ störte. So vergingen einige Wochen, bis sich die Situation für mich dann zu meinem großen Vorteil änderte. Doch zuvor gab es noch eine schwere Verletzung. Da es in den Nächten schon beachtlich kalt wurde, machte es sich erforderlich, die Decks zu heizen. Also schickten die Stoker (Maschinisten) nachts durch die Dampfheizungen in mehreren kurzen Abständen heißen Dampf. Keiner konnte wissen, dass ich ausgerechnet mit meinem Hinterteil an einer Stelle der Dampfleitung anlag, an welcher keine Isolierung mehr vorhanden war. Die Schmerzen waren unvorstellbar. Wochenlang laborierte ich an dieser Brandwunde, bis sie endlich verheilte. Eines hatte ich allerdings mit meiner Ausdauer und den erlittenen Schmerzen erreicht: die Sympathie meiner Decksmitglieder und die Zusicherung, eine der besten Kojen zu bekommen, wenn die „Alten“ vom Dampfer sind. So sollte es denn auch werden. Diese Koje musste eine der oberen sein. Es kam nicht selten vor, dass sich Matrosen nach einem süffigen Landgang übergeben mussten, welches für den unteren Kojeninhaber äußerst unangenehme Folgen hatte. Sie sollte sich außerdem an einem größeren Platz befinden, um bei Alarm nicht im Gedränge handeln zu müssen. Und sie sollte in der Nähe eines Niederganges sein, um schnell das Deck verlassen zu können. Diesen Anforderungen wurde meine Koje gerecht. Unbedingt hinzufügen muss ich noch, dass diese obere Klappkoje mein Schlafverhalten bis zum jüngsten Tag geprägt hat. Denn jede Klappkoje, so auch meine, wurde tags an Ketten nach oben geklappt und zum Schlafen in die Waagerechte heruntergelassen. Diese Ketten waren in Höhe der Knie und der Schulter befestigt. Ich gewöhnte mir an, beim Schlafen in der Seitenlage immer die Kette in Schulterhöhe mit der Hand des angewinkelten Oberarmes zu erfassen. Das resultierte auch aus Sicherheit bei Seegang. Und so schlafe ich heute noch. Meine Töchter amüsierten sich immer mit der Bemerkung: „Du mit deinem Affenarm“. Nachtschränkchen, Stühle und Sessel müssen dafür herhalten, um diese Stellung zu garantieren.

Backen und Banken an Bord

Gegessen wurde grundsätzlich an einer Back unter Deck. An jeder Back saßen sechs Matrosen. Drei auf der Klappkoje und drei auf der Backskiste. Gegessen wurde zu festgelegten Zeiten. Verantwortlich für das Essen an jeder Back war der Backschafter. Dieser von der gesamten Back ausgewählte Matrose war immer für eine gewisse Zeit, in der Regel eine Woche, verantwortlich dafür, dass die Backsmitglieder ein Essen auf dem Backstisch hatten. Morgens und abends war das kein Problem, aber zum Mittagstisch mussten die Backschafter einige Vorbereitungen treffen

Kombüse auf KSS Pr. 50. Quelle: N. Mäder
Kombüse auf KSS Pr. 50. Quelle: N. Mäder Broschüre Teil 10, Seite 31Bildnachweis des Heftes: Grafiken Titelblatt: Hans Beyer — Fotos: D. Flohr, H. Niemann, D. Gaasenbeek, N. Mäder, H. Franke, M. Kretzschmar

Wenn es beispielsweise am nächsten Tag Kartoffeln geben sollte, so mussten diese von den Matrosen der Back geschält werden. Die Organisation war ganz einfach. Der Backschafter holte dazu in einem Netz mit dem Nummernschild der jeweilige Back aus der Kartoffellast die Menge Kartoffeln, von der er glaubte, dass sie von seinen Mitessern am nächsten Tag verspeist würden. Diese Kartoffellast befand sich im Vorschiff. Im Hafen ein ganz normales Prozedere, aber auf See bei einem heftigen Wellengang, bei dem der Dampfer so richtig stampfte, war das ein sehr beschwerlicher Weg. Manche mochten diesen Weg nicht gehen, da einem das Essen vorzeitig aus dem Hals kommen konnte. Fand sich keiner für diesen Gang, so gab es am nächsten Tag auch zur Speise keine Kartoffeln. Dazu muss ich sagen, dass es für den Verzicht auf Kartoffeln auch noch andere Gründe gab. Zum Beispiel, wenn der Landgang oder der Kneipengang für die Backsmitglieder wichtiger war als das Schälen. In diesen Fällen wurde an der Kombüse kein Kartoffelnetz in den bereitgestellten Wasserbottich abgegeben und so konnte am nächsten Tag an der Kombüse auch kein Kartoffelnetz aus dem Kessel empfangen werden. An dieser Back, so war man sich einig, wurde eben, „Karo einfach“ gegessen. So nannte man das Essen, das dann nur mit Brotresten anstelle Kartoffeln verspeist wurde. Oftmals erbarmte sich aber auch der Backschafter, setzte sich ganz alleine hin und erledigte für seine Mitglieder diese Schälpflicht.

Jede Back war mit einem Zubehör ausgestattet, die den Backschafter befähigte, alle Arten von Speisen von der Kombüse bis zur Back zu transportieren. Sie wurde Barkasse genannt und war aus Aluminium gefertigt. Sie bestand aus einer großen Barkasse, welche die Form eines großen Latexeimers hatte. Eine kleinere Barkasse passte in gleicher Form in die große hinein. Neben der kleinen Barkasse stand der „Scheinwerfer“, ein hochwandiger runder Topf. In die große Barkasse kamen die Kartoffeln. Sie wurde auch nach dem Backen und Banken als Spülschüssel verwendet. In die kleine Barkasse kam die Suppe. In den Scheinwerfer kamen Salate oder Gemüse. Die Soße und das Fleisch wurden im Deckel der großen Barkasse transportiert. Da der Backschafter nur zwei Hände hatte, kam es vor, dass er mehrmals gehen musste oder von einem Backsmitglied unterstützt wurde. Ich erinnere mich noch daran, dass ich fast jeden Niedergang einmal abgestürzt bin. Aber eine Meisterleistung vollbrachte ich, als ich mit einem Barkassendeckel in der Hand unseren Decksniedergang hinunter segelte, unten aber mit der Soße und dem Fleisch ohne Verluste unversehrt landete. Übrigens, so ein Sturz verursachte ein ganz schreckliches und außerordentliches Mitleid erregendes Geräusch, welches aufmerksam von allen im Unterdeck verfolgt wurde. Diese Abstürze wurden meistens mit dem Warnruf „Wahrschau“ verkündigt.

— Dieter Gaasenbeek

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