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Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Amüsantes

Der Bär ist los

Während der Modernisierung der „Ernst Thälmann“ und „Karl Marx“ in Kronstadt 1962 liefen zwei Zerstörer der Nordmeerflotte ein, die einen echten Braunbären als Maskottchen an Bord hatten. Dieter Sperling erzählt von den beiden illegalen Landgängen des Bären – am Wachturm der geschlossenen Stadt und im Bäckerladen.

Es war das Jahr 1962, die Zeit als die „Ernst Thälmann“ und die „Karl Marx“ zur „bolschoj remont“ in Kronstadt lagen. Das heißt, unsere Zeit war fast abgelaufen. Wir hatten das Dock verlassen und am Ausrüstungskai festgemacht. Der größte Teil der Standerprobungen lag hinter uns und wir bereiteten uns auf die Seeerprobungen vor. Die Besatzungen waren bereits so weit aufgefüllt, dass es losgehen konnte. Da liefen zwei Zerstörer der Nordmeerflotte in Kronstadt ein. Auf ihrer weiten Reise hatten sie auch in Rostock zu einem Flottenbesuch Station gemacht. Als die Besatzungen jetzt in Kronstadt Schiffe aus der befreundeten DDR sahen, war das Erstaunen erst einmal groß aber bald fanden die ersten freundschaftlichen Begegnungen statt. Der Besuch in Rostock muss für die blauen Gardematrosen ein riesiges Erlebnis gewesen sein, denn sie waren begeistert von der Stadt und ihren Einwohnern, besonders auch von den „djewuschki“, was sie mit Fotoaufnahmen belegen konnten. Und es kam immer wieder die Frage: „Kennst Du die oder die?“ Unsere Lords antworteten höflich mit „Nein“, um hinterher zu bekennen, einige der Damen aus vorhergehenden Werftaufenthalten in Rostock durchaus noch in angenehmer Erinnerung zu haben. Ein Zoobesuch war ebenfalls dokumentiert. Da ritten Matrosen auf Elefanten und tummelten sich im Streichelzoo. Auch wir Offiziere fanden uns zu manch fröhlicher Stunde zusammen. Ich freundete mich mit einem der I. WO’s an, bekleidete ich doch auf der „Karl Marx“ die gleiche Dienststellung allerdings h. c. also zusätzlich zu meiner eigentlichen Funktion als GA-I-Kommandeur. Der echte I. WO wurde erst später eingeflogen.

Auf diesem Zerstörer hatten sie ein außergewöhnliches Maskottchen, nämlich einen echten Braunbären und um diesen geht es in dieser Geschichte. Er wurde als Besatzungsmitglied betrachtet, hatte seinen Schlafplatz in einem Chap an Backbord-Seite Höhe Bootsdeck und wurde von zwei Matrosen betreut. Er verhielt sich auch wie ein Besatzungsmitglied und kannte zumindest die Kommandos für „Stillgestanden!“ und „Rührt euch!“ Beim Heraustreten zur Morgen- oder Abendmusterung trottet er als letzter Mann an seinen Platz am Ende der Antreteordnung. Dort setzte er sich auf seine Hinterbacken. Bei „Smirno!“ richtet er sich auf und verharrte in dieser Pose bis „Wolno!“ kam. Dann sackte er zusammen und saß wieder auf dem Hinterteil. Er hatte an Bord auch Aufgaben zu verrichten. So nahm er an jeder Verpflegungsübernahme teil. Da war er „behilflich“, indem er gründlich die Verpflegungssäcke untersuchte, bis er mit seiner feinen Nase den richtigen gefunden hatte. Den versuchte er dann mit aller Macht über die Stelling an Bord zu bekommen. Man half ihm dabei, von dem Sack ließ er aber nicht ab. Der I. WO zeigte mir dann den Grund dieser Hartnäckigkeit. In diesem Sack befand sich unter anderem auch Zucker und auf diesen war das vernaschte Tier aus. Dann warfen wir einen Blick ins Bärenchap. Da saß er auf seinem Hintern, zwischen den Vordertatzen einen Zuckerhut und schleckte und lutschte was das Zeug hielt. Die Verpflegungsübernahme war aber auch der einzige Landgang, der ihm ohne Leine erlaubt war. Ansonsten wurde er von seinen beiden Wärtern einmal am Tag auf der Pier und im nahen Park angeleint Gassi geführt.

Wie das so ist. Jedes Lebewesen hat seinen Drang, auch mal etwas alleine zu unternehmen, ohne vorgeschrieben zu bekommen, wo es langgehen soll. Diesen Freiheitsdrang verspürte wohl auch unser Bär. Obwohl mit Landgangsverbot belegt und streng bewacht, gelang es ihm eines nachts, sich von Bord zu schleichen. Der Stellingsposten hatte wohl ein kleines Nickerchen gemacht. Der Bär machte sich nun auf, Kronstadt und seine Umgebung zu erkunden. An Kronstadt hatte er wohl weniger Interesse aber umso mehr für die Umgebung. Er war nun mal ein Naturkind und kein Stadtmensch. Die Natur fand für ihn dann am Zaun, der die geschlossene Stadt umgab, ein jähes Ende. Verärgert darüber trottet er brummend am Zaun entlang, bis er auf den nächsten Wachturm stieß. Darauf saß ein Mütterchen mit Karabiner und hielt Wache vor unerwünschten Ein- oder Ausdringlingen. In seinem Groll begann der Bär am Wachturm zu rütteln. Die erschrockene Alte rief über ihr Kurbeltelefon den Wachhabenden an: „Diensthabender, hier ist ein Bär, ein Bär!“ Die Alte spinnt, dachte sich der Diensthabende. Wo soll hier wohl ein Bär herkommen. Na, vielleicht hat sie einen leichten in der Krone. Also quittierte er mit „Ja, ja, verstanden!“ - und legte auf. Erst nach weiteren angstvollen Anrufen vom Wachturm merkte er, dass wohl doch etwas Wahres an der Sache sein muss. In der Zwischenzeit war das Verschwinden des Bären auch auf dem Schiff bemerkt worden und Suchkommandos schwärmten aus. Eines traf mit dem zum Turm eilenden Trupp der Wache zusammen und konnte nun zielstrebig den Hochstand ansteuern. Der Bär wurde eingefangen und zurück an Bord gebracht. Wie das Mütterchen den Schreck überstanden hat, ist nicht bekannt. Sie muss aber ganz schön in Panik gewesen sein und soll sogar Warnschüsse abgegeben haben. Das hatte den Bären wohl noch mehr erzürnt und er muss nahe daran gewesen sein, den Wachturm zu zerlegen. Ergebnis der Aktion: Der Bär erhielt von den Oberen der Garnison und vom Chef des Kommandantendienstes, Kapitänleutnant Michailow, persönlich absolute Landgangssperre ausgesprochen. Die unaufmerksame Schiffswache wurde bestraft und die Stelling ab sofort mit Doppelposten besetzt. Das sollte wohl ausreichen, solche Vorkommnisse in Zukunft auszuschließen.

Doch es kam noch schlimmer. Der Freiheitsdrang unseres Bären war ungebrochen. War das erste Ausbüxen noch bei Nacht passiert, geschah der zweite illegale Landgang am helllichten Tag. Wie der Bär vom Schiff gelangen konnte, wusste nur er alleine. Die Doppelposten schwörten Stein auf Bein, sie wären immer auf Posten gewesen. Vor der Bestrafung rettete sie das aber nicht. Hatte der Bär bei seinem ersten Landgang mehr die Umgebung erkundet, interessierte e sich nun für die Stadt selbst. Vielleicht hatte er auch noch den unüberwindlichen Zaun im Gedächtnis. Nachdem der Bär bereits einige Fußgänger arg erschreckt hatte, spürte seine feine Nase einen süßen Geruch. Dem konnte er nicht widerstehen und so landete er in einem Bäckerladen mit vielen, herrlich süßen Torten, diese kleinen viereckigen Dinger mit Schwänen drauf oder Rosen und sonst was für Verzierungen. Er also zu einem Eingang rein, die Kunden zum anderen raus. Die Verkäuferinnen flüchteten sich in die hinteren Räume. Nun war er alleiniger Herrscher über all das süße Zeug. War das ein Schmaus! Genüsslich räumte er ohne Rücksicht auf Verluste Regal für Regal aus und ließ es sich schmecken. Natürlich waren inzwischen alle wichtigen Stellen in Kronstadt alarmiert: „Der Bär ist los und diesmal im Bäckerladen.“ Das Verschwinden des Bären war mittlerweile auch an Bord bemerkt worden. Suchtrupps waren unterwegs. Völlig geknickt kam der I. WO des Zerstörers zu mir. Er befürchtete das Schlimmste für den Liebling der Besatzung. Doch wenig später brachten die beiden Bärenführer den Ausreißer unbeschadet zurück. Friedlich trottete er zwischen den Matrosen dahin. Vom braunen Fell an der Vorderfront war nicht mehr viel zu erkennen. Alles war von Tortenmehl bedeckt und von Cremeresten beschmiert. Als der I. WO dem Sünder grimmig „Smirno!“ befahl, baute sich der Bär vor ihm in seiner ganzen Größe auf. Ich hatte fast den Eindruck, dass er grinste und sagen wollte: „Na, wie habe ich das gemacht?“ An Bord gebracht wurde der Bär erst einmal kräftig mit dem Strahlrohr abgeduscht.

Die Order vom Stab in Kronstadt war nun eindeutig: Entweder der Bär wird nun sicher an Bord gehalten, oder er kommt in irgendeinen Tierpark in der Nähe. Wie es mit ihm endete, weiß ich nicht. Die Zerstörer kamen ins Trockendock und wir gingen auf Probefahrt. Als I. WO’s waren wir nun in den verschiedenen Bereichen voll ausgelastet und hatten keine Zeit mehr für weitere Treffen.

— Dieter Sperling

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