Die „Oste“ – weißer Schwan der Ostsee
Dieter Sperling, 1969 Stabschef der KSS-Abteilung, erzählt, wie das Aufklärungsschiff „Oste“ der Bundesmarine bei einer Inspektion ein Seezielschießen der KSS störte und durch gezieltes Einnebeln mit Kesselqualm sowie ein Luftzielschießen vertrieben wurde. Jahre später traf er den damaligen Kommandanten der „Oste“ als Angelkutter-Eigner wieder.
Im Jahr 1989 gründete ich zusammen mit mehreren ehemaligen Marineoffizieren ein Touristikunternehmen, das sich mit Hafenrundfahrten und Meeresangeln beschäftigte. Da war es üblich, dass wir mit gleichartigen Unternehmen aus Häfen an der Küste von Schleswig-Holstein zusammentrafen und gemeinsam auf Dorsch oder Hering gingen. Man lag Bord an Bord und besuchte sich gegenseitig. So kam regelmäßig auch die „Alte Liebe“ aus Heiligenhafen, ein wunderschöner Angelkutter, nach Rostock oder wir trafen uns vor der dänischen Küste, im Großen Belt oder im Öresund. Ich freundete mich mit dem Kapitän und Eigner des Kutters an und wir fanden schnell eine gemeinsame Antenne nicht zuletzt wegen unserer gleichen Vornamen. Trafen unsere Schiffe zusammen, hieß es bald in den Anglerkreisen: „Aha, da kommen Dieter und Dieter“.
So kam es dann auch, dass wir voneinander gern wissen wollten, was der andere Dieter in seinem früheren Leben so getrieben hatte. Es stellte sich heraus, dass wir beide bei der Marine gedient hatten und beide mit dem Dienstgrad Fregattenkapitän im gleichen Jahr den Dienst quittiert hatten; der eine bei der Volks- der andere bei der Bundesmarine. „Und was war Deine Aufgabe bei der Marine?“ Nun konnten wir ja alles offen legen, ohne in den Verdacht zu kommen, militärische Geheimnisse zu verraten. Es stellte sich heraus, dass der andere Dieter u. a. Kommandant der „Oste“ war. Die „Oste“ war eines der damaligen Aufklärungsschiffe der Bundesmarine und wurde wegen ihres hellen Anstriches auch „Weißer Schwan der Ostsee“ genannt und das auch noch im Jahr 1969, als ich Stabschef der KSS-Abteilung wurde. In unserer Ereignistafel kann man unter dem Jahr 1969 auch folgendes lesen: „In der 4. Flottille erfolgt eine Inspektion durch das Ministerium für Nationale Verteidigung. Dabei wird auch die KSSA überprüft.“ Es stellte sich heraus, dass im Zuge dieser Inspektion wir beide damals schon einen sehr engen Berührungspunkt gehabt hatten. Aber der Reihe nach.
Die Inspektion lief im üblichen Rahmen ab. Es erfolgten Normenüberprüfungen an Land, so im Sport, im Schutz vor Massenvernichtungsmitteln und in der Spezialausbildung. Auch der Politunterricht wurde nicht verschont. Schießübungen mit Handfeuerwaffen waren abzulegen. Die Offiziere wurden in der taktischen Ausbildung überprüft. Um es kurz zu machen: Die KSS-Abteilung hatte alle Klippen umschifft und lag gut im Rennen. Die Note „2“ war angepeilt. Nun ging es darum, bei den Überprüfungen in See unter Beweis zu stellen, dass wir unser Handwerk beherrschten. Unter Führung des Chefs der Abteilung, Hermann Strecker, liefen die Schiffe „Ernst Thälmann“, „Karl Marx“ und „Friedrich Engels“ mit dem eingestiegenen Stab aus. Alles lief wie am Schnürchen. Die Aufgaben der U-Boot-Jagd waren bereits erfüllt. Höhepunkt sollte das Verbandsschießen auf See- und Luftziele sein. Für das Seezielschießen war das Übungsgebiet nördlich Rügen vorgesehen. Ein Schlepper mit zwei Scheiben lag bereits auf Position. Die Schiffe nahmen Kiellinie ein und liefen zur Ausgangsposition. Gefechtsbereitschaftsstufe 1. Alle Gefechtsstationen waren besetzt, die Geschütze geladen. Die elektronischen Anlagen hatten das Ziel aufgefasst. Da tauchte zwischen dem Verband und dem Schlepper die „Oste“ auf. „Nordpol – halb!“ das hieß Unterbrechung des Schießens. Die „Oste“ hielt sich beharrlich ziemlich nahe an Steuerbordseite auf Parallelkurs. Das führte schließlich zum Abbruch der Aufgabe. Der Schlepper wurde zurück zur Ausgangsposition befohlen. Neuer Anlauf, das gleiche Spielchen „Oste“ auf Parallelkurs. Was tun? Da kam mir eine Idee.
Der Wind stand günstig in Richtung der „Oste“. Sollte der Aufklärer beim nächsten Anlauf wieder so nahe Parallelkurs laufen, könnte man ihn durch Einnebeln vielleicht vertreiben. So geschah es dann auch. Befehl an die taktische Nummer 3: „Turbogebläse der Kessel herausnehmen!“ Fritz Naumann, der dort als Kommandant fuhr, wollte das nicht glauben. Rauchloses Fahren gehörte zur Seemannsehre und eine Rauchfahne galt als Schande für jeden Kommandanten. Erst nach Wiederholung des Befehls ließ sich Fritz dazu hinreißen, ihn zu befolgen und war wenig später begeistert von dem Erfolg. Fetter, schwarzer Qualm trieb in Richtung der „Oste“. Befand sich zu Beginn des Manövers ein Teil der Besatzung des Aufklärers noch an Oberdeck, war der verschwunden, als das Schiff nach voraus aus der Qualmwolke kroch. Nach achteraus wäre klüger gewesen, denn nun war unsere taktische Nummer 2 an der Reihe und reagierte sofort ohne besonderen Qualm-Befehl. Als der „weiße Schwan der Ostsee“ jetzt auftauchte, war von der Farbe „weiß“ nicht mehr viel zu sehen. Mit voller Fahrt versuchte die „Oste“ aus dem Gefahrensektor zu entkommen. Nun folgte die nächste Überraschung. Befehl: „Wendung zugleich nach Backbord um 90 Grad! Klar zum Luftzielschießen!“ Nach Ausführung des Manövers wurde die Leuchtrakete gestartet und die 37mm-Flakwaffen hämmerten auf den aufgehenden Leuchtfallschirm los. Die „Oste“ lag zwar nicht mehr im gefährlichen Sektor aber immerhin noch achteraus. Das reichte denen! Jetzt hatte man endgültig genug von der KSS-Abteilung. Die „Oste“ drehte ab und lief Richtung Heimat, ziemlich verölt und wohl auch ohne brauchbare Ergebnisse.
Nun konnten wir in aller Ruhe das Seezielschießen in Angriff nehmen. Es wurde ein voller Erfolg, die Scheibe völlig zerlegt. Die Seeausbildung wurde mit „sehr gut“ bewertet. Das brachte der Abteilung insgesamt die Abschlussnote „gut“ ein und trug auch zum guten Gesamtergebnis der Flottille bei.
Und nun zurück zum anderen Dieter. Er war nämlich damals Kommandant der „Oste“ gewesen und konnte sich noch gut an diese Episode erinnern. Sein Kommentar nach so vielen Jahren, die dazwischen lagen: „Ihr wart das? Alle Achtung! War intelligent gemacht.“ Er erzählte noch, dass die Besatzung nach dem Einlaufen in ihren Heimathafen versucht hatte, das Schiff mit Schrubbern, Tweideln und allerlei Reinigungsmitteln von dem schwarzen, klebrigen Belag zu befreien und die weiße Farbe wieder zum Glänzen zu bringen. Es half alles nichts. Selbst „Meister Propper“ stieß an seine Grenzen. Schließlich erhielt die Oste einen marinegrauen Anstrich, vom Marinekommando in Glücksburg als „Tarnmaßnahme“ kaschiert.
— Dieter Sperling
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