Kurs Baltijsk
Hartwig Niemann, 1957 Kesselgast im GA-V des KSS 1-61, erinnert sich an die Fahrt nach Baltijsk zu einer Kommandostabsübung der Verbündeten Flotten, an seine Vorgesetzten und den Besuch auf dem sowjetischen Kreuzer „Ordzhonikidze“. Er schildert die Geschichte des Kreuzers – die Crabb-Affäre in Portsmouth 1956 und das Ende als indonesische „Irian“ – und das Wiedersehen mit den Kameraden der „GA-V-Fraktion“ im Traditionsverein Sassnitz.
Es war im Juni 1957 als wir als Einzelfahrer unter dem Kommando von Kapitänleutnant Hollatz mit KSS 1-61 Richtung Baltijsk (früher Pillau) dampften, um dort wohl als darstellende Kraft an einer Kommandostabsübung der Verbündeten Flotten des Warschauer Vertrages teilzunehmen. In Sassnitz zugestiegen war damals Kapitän zur See Wilhelm Ehm, Stellvertreter des Chefs des Stabes und Leiter der Abteilung Organisation im Kommando der Seestreitkräfte. Als damaliger Kesselgast im GA-V mit meiner Gefechtsstation ganz im „Schiffskeller“, habe ich ihn selbst allerdings nicht zu Gesicht bekommen.

An viele meiner damaligen Vorgesetzten und Kameraden kann ich mich noch gut erinnern. Vom Offizierskollektiv existiert noch ein Bild. Die für mich beeindruckendsten Personen waren natürlich unser Kommandant, dessen Gehilfe und mein LI:

Mein unmittelbarer Vorgesetzter war Obermaat Lück als Kesselmaat. Aus dem seemännischen Bereich möchte ich besonders Oberbootsmann Kurt Füldner hervorheben, eine ausgesprochene Respektperson und - damals noch möglich – als einziger an Bord Bartträger.

Aber zurück zur damaligen Fahrt. Ich kann mich noch gut erinnern: Es wurde recht turbulent bei den Handlungen in See und bei der Überfahrt nach Baltijsk. Wer nicht seefest war, musste ins Achterdeck umziehen, die anderen kamen ins Vorschiff. Einigen ging es gar nicht gut, sie kotzen - wie man so sagt – „wie die Reiher“. Es war der stärkste Seegang, den ich während meiner dreijährigen Fahrenszeit auf KSS 1-61 miterlebt habe. Kommandant Hollatz hat uns jedenfalls sicher in den Hafen von Baltijsk gebracht. Dort sind wir nämlich nach Beendigung der Übung eingelaufen und haben zwei Tage an der Pier gelegen.

1956 waren viele von uns als hoch qualifizierte Facharbeiter freiwillig noch in die Reihen der Volkspolizei See eingetreten und nun stolz darauf auf einem Küstenschutzschiff der Seestreitkräfte der DDR zu fahren. Der Zweite Weltkrieg war vielen von uns noch in guter Erinnerung, weil wir ihn am eigenen Leibe miterlebt haben. Die Deutsch-Sowjetische Freundschaft war 1956 ein fester Bestandteil unseres Gedankengutes. Nun liefen wir also in einen Hafen ein, in dem sich noch vor wenigen Jahren tragische Ereignisse abgespielt hatten, als die ostpreußischen Flüchtlinge Richtung Westen über das Eis flüchteten oder mit Schiffen der Kriegsmarine evakuiert wurden. Jetzt waren wieder deutsche Matrosen die jedoch einer ganz anderen Generation angehörten, hier in Pillau. Friedlich vereint mit den Matrosen der sowjetischen Seekriegsflotte nahmen wir gemeinsam an einer Veranstaltung teil, die nach Abschluss der Kommandostabsübung in Baltijsk stattfand. Für mich persönlich war das ein besonderes Ereignis. Auf dieser Veranstaltung saßen die höheren militärischen Dienstgrade nicht getrennt von den Matrosendienstgraden, sondern alle nebeneinander. Es war eine bunte Mischung bestehend aus deutschen und sowjetischen Offiziers- und Matrosenuniformen. Es gab damals noch ein gutes Nebeneinander und ein gutes Miteinander.
Wir konnten uns in Baltijsk völlig frei und ohne Einschränkung bewegen. Besonders beeindruckte mich der Kreuzer „Ordzhonikidze“. Für mich, mittlerweile mal gerade 19 Jahre alt geworden, war ein Besuch auf diesem Schiff ein Erlebnis der besonderen Art. Solch große Pötte kannte ich sonst nur von Bildern. Backen und Banken im Matrosendeck und eine Besichtigung des Maschinenraumes (alles picobello) waren Gegenstand des Besuches. Natürlich hatte ich zu dem Zeitpunkt, als ich im Juni 1957 auf dem Deck der „Ordzhonikidze“ stand, noch keine Ahnung, was sich als Episode des Kalten Krieges ein Jahr zuvor im englischen Hafen Portsmouth abgespielt hatte.

Erst nach der Wende, als ich mir Fotos aus meiner Dienstzeit anschaute, dabei auch wieder auf den Kreuzer stieß und ich mich im Internet über seinen Verbleib schlau machen wollte, bin ich hinter die damaligen Ereignisse gestiegen. Die meisten Informationen lieferte mir der englischsprachige Suchmodus. Auf Fotos des Kreuzers bin ich allerdings erst im Jahre 2008 gestoßen, als ich mich noch einmal intensiv mit dem Vorfall in Portsmouth befasst habe.
Worum ging es? Ein Flottenverband mit dem Kreuzer als Flaggschiff und in Begleitung von zwei Zerstörern hatte Chruschtschow und Bulganin zu einem Besuch nach England gebracht. Während die Schiffe in Portsmouth lagen, verschwand der englische Froschmann und ehemalige Commander der Navy spurlos unter ominösen Umständen. Erst viel später wurde seine Leiche – ohne Kopf – am Strand von Sussex gefunden. Bis heute hat die englische Seite die wahren Zusammenhänge dieses Vorfalls nicht offengelegt. Der englische Geheimnisschutz sieht vor, dass die vorhandenen Akten und Untersuchungs-Berichte erst im Jahre 2050 veröffentlicht werden dürfen. Das wiederum bietet Raum für die wildesten Spekulationen. Da ist von Unterwasserspionage durch die Engländer die Rede. Da sollen drei Matrosen eines Zerstörers einen Froschmann in der Nähe des Schiffskörpers des Kreuzers gesehen haben. Da gibt es ein angebliches Selbstbekenntnis eines ehemaligen Kampftauchers der „Ordzhonikidze“, der jenem Crabb das Handwerk gelegt haben will. Da soll Crabb von den Russen entführt worden sein. Da war davon die Rede, dass am Rumpf des Kreuzers Minen angebracht werden sollten und, und, und….. Am wahrscheinlichsten ist wohl wirklich Unterwasser-Spionage durch die Engländer. Im Internet findet sich auch eine Pressenotiz aus einer alten Ausgabe des „Spiegel“:
„Der Kommandant des Kreuzers hatte damals die Engländer verblüfft, als er trotz dunstigen Wetters einen Lotsen ablehnte und die ihm überreichte Spezialkarte der sehr schwierigen Gewässer von Portsmouth nicht eines Blickes würdigte. Er ließ das Schiff in erstaunlich spitzem Winkel manövrieren und steuerte es mit Hilfe einer automatischen Anlage zum vorgesehenen Liegeplatz. Das Manöver – für das die Dienstvorschriften der Royal Navy eine Stunde und 20 Minuten veranschlagen – dauerte nur 12 Minuten.
Man vermutete damals wohl, dass der Kreuzer unter Wasser besondere, neuartige Ortungstechnik hätte. Nachweisbar ist jedenfalls, dass der englische Auslandsgeheimdienst MI 6 bei der ganzen Sache seine Finger im Spiel hatte. Der illegale Einsatz (angeblich ohne Genehmigung des damaligen Premiers Antony Eden durchgeführt) lief dann wohl aus dem Ruder. Jedenfalls musste der Chef von MI 6 seinen Hut nehmen und der Chef des Inlandgeheimdienstes von MI 5 übernahm dessen Amtsgeschäfte.

Das weitere Schicksal dieses Schiffes ist wohl eher als tragisch zu bezeichnen. Eine freie Übersetzung aus dem Englischen mit Auszügen aus einem Beitrag des Historikers Alexander Pavlov gibt dazu Auskunft:
„Am 5. August 1962 wurde die „Ordzhonikidze“ nach Surabaya (Indonesien) verlegt. Im Rahmen einer feierlichen Zeremonie wurde sie dort in „Irian“ umbenannt. Sie wurde das Flaggschiff der Marine Indonesiens. Offensichtlich war die neue Besatzung mit dem Kreuzer total überfordert. Er wurde soweit heruntergewirtschaftet, dass er schon 1964 kaum noch effizient einsetzbar war. Es wurde beschlossen, die „Irian“ in Wladiwostok reparieren zu lassen. Die sowjetischen Matrosen, die mit der Reparatur des Schiffes beauftragt wurden, waren über den verwahrlosten Zustand des Schiffes entsetzt. Die Sowjetunion erfüllte damals vollständig alle Reparaturen so, wie sie vertraglich vereinbart waren. Im August 1964 wurde die „Irian“ in Begleitung eines sowjetischen Zerstörers wieder nach Surabaya überführt. Als sich 1965 die politischen Verhältnisse in Indonesien änderten und Suharto die Macht übernahm, lag die „ Irian“ in Surabaya und wurde als Gefängnis für die Gegner des neuen Regimes genutzt. 1970 wurde die „Iran“ auf eine Sandbank gesetzt und 1972 wurde sie verschrottet.“
Ich weiß nur das eine – und das ist keine Spekulation - als wir 1957 in Baltijsk waren, lag die „Ordzhonikidze“ gut vertäut an der Pier in Baltijsk und wir konnten sie als deutsche Matrosen besichtigen. Heute ist alles Vergangenheit. Es gibt sowohl die 1- 61 (die spätere „Ernst Thälmann“) als auch die „Ordzhonikidze“ schon lange nicht mehr. Auf beiden Schiffen fuhren einmal Menschen in dem festen Glauben zur See, einen kleinen Beitrag für die Erhaltung des Friedens zu leisten. Jetzt stehen die Nachfolge-Generationen in der Verantwortung.
Nach über 50 Jahren traf ich viele meiner Mitkämpfer wieder. Dazu hatte mir der Zufall verholfen. Im Cafe „Cordula“ in Rostock hatte ich einen Hinweis erhalten, dass es eine Marinekameradschaft KSS Warnemünde geben sollte. Ich suchte Verbindung und traf auf einen mir bis dahin unbekannten Hans Steike. Nachdem er meine Dienstzeit erfragt hatte, klärte er mich auf, dass es außerdem noch den „Traditionsverein KSS-Brigade Sassnitz“ gibt, wo die ganz alten Hasen organisiert sind und wo ich vielleicht mehr meiner ehemaligen Kameraden finden könnte. Ich sollte da mal rein riechen und wenn es mir dort nicht gefällt, könnte ich mich jederzeit wieder an die Warnemünder wenden. Durch diesen uneigennützigen Hinweis bin ich sicher im Hafen des Sassnitzer Traditionsvereins gelandet. Hier traf ich tatsächlich viele Kameraden wieder, die damals mit in Baltijsk waren. Mittlerweile sind wir eine richtige kleine „GA-V-Fraktion“, angeführt von meinem früheren LI, Ulrich Mädel, und weiterhin bestehend aus den Kameraden Karl-Heinz Cichos, Wolfgang Fiss, Karl-Heinz Breitentein, Klaus Maaß, Rolf Wallmann, Albert Dreibrodt und Hartwig Niemann. Die kameradschaftlich-engen Bindungen aus der damaligen Zeit sind unverändert geblieben. Das ist ein schönes Gefühl, vor allem auch deshalb, weil wir heute alle noch der gleichen Meinung sind, damals auf dem richtigen Kurs gelegen zu haben mit unserer freiwilligen Überzeugung: Nie wieder Krieg! Wir treffen uns seit einigen Jahren einmal jährlich, klönen miteinander und tauschen unsere Erlebnisse aus. Bei solch einer Gelegenheit erfuhr ich von Uli Mädel auch die Hintergründe der damaligen Baltijsk-Fahrt. Und das brachte mich schließlich auf die Idee zu diesem Beitrag. Gut, dass es die KSS-Broschürenreihe der Marinekameradschaft KSS Warnemünde gibt und man so die Möglichkeit erhält, seine Erlebnisse und Gedanken vielen ehemaligen KSS-Fahrern verschiedener Generationen mitzuteilen.

— Hartwig Niemann
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