Saßnitz als Marinestützpunkt (Teil 1, Zeitraum bis 1945)
Historischer Abriss über die Stadt Saßnitz und ihre Nutzung durch die Kaiserliche Marine und die Kriegsmarine bis 1945: Fährhafen, Manöverstützpunkt für Torpedoboote und Kleine Kreuzer, die Marinegarnison Dwasieden mit Schiffsartillerieschule und Schiffsstamm-Abteilung, Schnellboote 1944/45 sowie der britische Luftangriff vom 6. März 1945. Erster Teil eines zweiteiligen Beitrags; Teil 2 behandelt die Zeit nach 1945.
Für das Heft 7 der KSS-Reihe hatte uns Adolf Tippach einen Beitrag zur Entwicklung des Marinestützpunktes Hohe Düne, dem Heimathafen der 4. Flottille und damit auch von KSS der Projekte 50, 1159 und 133.1, geliefert. Prompt kam aus der Kameradschaft der Vorschlag, dass man doch so etwas auch über Saßnitz schreiben könnte. Schließlich waren hier von 1956 – 1965 die KSS der Projekte 50 und ab 1983 mit der 3. UAWSA auch KSS der Projekte 133.1 „zu Hause“. Gesagt, getan! Hätte ich geahnt, was da auf mich zukommt … Kaiserliche Marine, Reichsmarine, Kriegsmarine, nach 1945 Neuanfang unter ganz anderen Vorzeichen und dann Seepolizei, Volkspolizei See, Seestreitkräfte, Volksmarine. Bald stellte sich heraus, dass der Beitrag deutlich länger würde, als erwartet. Obwohl er nun eigentlich komplett vorliegt, habe ich mich entschlossen, in diesem Heft mit einem Teil 1 nur die Zeit bis 1945 abzuhandeln. In der Broschüre des nächsten Jahres wird sich dann der umfangreichere Teil 2 mit der Zeit nach 1945 befassen.
Ich bin ehrlich: Trotz des Umfanges, so richtig „rund“ sehe ich mein Arbeitsergebnis noch nicht. Was Kaiserzeit, Weimarer Republik und das Dritte Reich betrifft, da gibt es noch sehr viele weiße Flecken. Die Zeit reichte einfach nicht aus, um alle Quellen aufzustöbern, die über diese Perioden ausführlich Auskunft geben könnten. Für den Hafen ergaben sich weder eine Gesamtübersicht aller hier tätigen Marinedienststellen noch Hinweise zu Militärbauten in diesem Bereich. Auch hätten ein paar mehr Fotos mit dem Nachweis von Einheiten der Kriegsmarine im Saßnitzer Hafen dem Beitrag gut getan.
Ganz anders die Abschnitte nach 1945. Sehr umfangreiches Material stellte einmal mehr Herr Bechert aus Berlin zur Verfügung. Fündig wurde ich auch in der Datensammlung einer Arbeitsgruppe ehemaliger SHD-Angehöriger (namentlich sei hier nur Herr Küßner genannt), die sich mit der Geschichte der Volksmarine befasst. Hätte man alle Umstrukturierungen, Umbenennungen und Umnummerierungen erfasst, von denen auch Saßnitz als Stützpunkt und alle dort liegenden Einheiten betroffen waren, dann hätte der Leser wohl schnell die Übersicht verloren. Ich habe mich deshalb nur auf die wichtigsten Veränderungen und auf besonders drastische Einschnitte konzentriert. Trotzdem sind auch dabei Fehler nicht auszuschließen. Was für die Zeit nach 1945 noch fehlt, sind brauchbare Fotos von der Dienststelle Dwasieden und solche über Schiffsbelegungen im Hafen.
Bei einer rein sachlichen Auflistung von Ereignissen besteht immer die Gefahr, dass ein solcher Beitrag den Leser schnell ermüdet. Um den Text etwas aufzulockern, habe ich für die Zeit nach 1945 Zeitzeugen gesucht und gefunden, die einzelne Abschnitte in Saßnitz persönlich miterlebt und ihre Erinnerungen zu Papier gebracht haben. Mein Dank geht hier an Uli Korn, Manfred Kretzschmar, Dieter Liebenau, Uli Mädel und Dr. Stavorinus. Bitte nicht böse sein, Kameraden und Freunde, wenn ihr nun erst im nächsten Heft zu Wort kommt. Freundliche Unterstützung bei meinen Recherchen erhielt ich vom Fischerei- und Hafenmuseum in Saßnitz, vom Marinemuseum Dänholm, von Herrn Ralf Lindemann, Autor des Buches „Das weiße Schloss am Meer“ und von Herrn Uwe Krentzien, einem Kenner der Saßnitzer Ortsgeschichte. Schwierig aber nicht ergebnislos gestaltete sich die Suche nach Bildmaterial. Soweit die Urheber zu ermitteln waren, liegt deren Genehmigung zur Verwendung vor. Sollte sich jemand übergangen fühlen, dann bitte ich hier schon um Verständnis und Entschuldigung. Altersbedingt lässt die Qualität einiger Fotos stark zu wünschen übrig. Damit muss man wohl leben.
Alles in allem, mehr als ein Anfang kann mein Beitrag nicht sein. Es wäre schön, wenn aus unserer Leserschaft weitere Hinweise zu Marineaktivitäten in Saßnitz – auch zur Zeit bis 1945 - kämen und wir damit die Entwicklung dieses Stützpunktes immer vollständiger dokumentieren könnten. Bevor es aber an die Marineaktivitäten geht, soll erst einmal der Stadt Saßnitz selbst Referenz erwiesen werden.
Saßnitz – kurzer Abriss der Stadtgeschichte
Im Gegensatz zu solchen Stützpunkten wie Warnemünde oder Peenemünde war Saßnitz nie ein „reiner“ Marinestützpunkt sondern in erster Linie ein ziviler Hafen der lediglich von Kräften und Mitteln der deutschen Marinen von der Kaiserzeit bis heute mehr oder weniger intensiv mitgenutzt wurde.
Und Saßnitz selbst? Erst 1957 erhielt die Gemeinde das Stadtrecht. Bis ins frühe 19. Jahrhundert war der Ort nur eine unbekannte kleine Fischersiedlung, die erst Mitte des gleichen Jahrhunderts allmählich als Modebad für Mittelschichten aus deutschen Binnenländern wie Preußen, Sachsen und sogar Bayern entdeckt wurde. Das von den Badegästen eingenommene Geld reichte aus, dass in den nun folgenden Gründerjahren die Jugendstil-Architektur der deutschen Ostseebäder auch in Saßnitz Einzug halten konnte. Zwischen 1889 und 1897 wurde ein kleiner, durch zwei Molen geschützter Hafen gebaut. Ab Mai 1897 existierte eine ständige Postdampferverbindung zwischen Saßnitz und Trelleborg. Das damit verbundene, schnelle Verkehrsaufkommen führte bereits 1898 zu ersten Überlegungen, eine Eisenbahn-Fährverbindung zwischen diesen beiden Städten einzurichten. Als 1903 eine solche Fährverbindung zwischen Warnemünde und Gedser in Betrieb ging und somit eine ernstzunehmende Konkurrenz für die Postdampfer entstand, wurde das schon angedachte Projekt durch die deutsche und schwedische Seite bestätigt.
Die für die Fährverbindung notwendigen Arbeiten begannen gleichzeitig in Saßnitz und Trelleborg. Die Häfen wurden ausgebaut und Aufträge zum Bau von Fährschiffen ausgelöst. Am 6. Juli 1909 fand mit großem Pomp – anwesend waren auch Kaiser Wilhelm II. und der schwedische König Gustav V. - die Eröffnung der so genannten „Königslinie“ statt. Je zwei schwedische und zwei deutsche Fähren begannen den Transport von Waggons und Passagieren. Bis 1912 wurde die Mole ausgebaut und zu ihren jetzigen Ausmaßen verlängert. Inzwischen hatte sich Saßnitz zum Seebad gemausert. Badebetrieb und der sich rasch entwickelnde Fährverkehr taten dem Ort sichtlich wohl. Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges registrierte man zum Beispiel 22.000 Badegäste, 30 Hotels und 12 Familienpensionen. Der Krieg unterbrach dann diese Entwicklung. Der Fährverkehr konnte aber aufrecht erhalten werden, sicherlich mit Einschränkungen. 1918 waren der Spuk zu Ende und das Kaiserreich durch die Novemberrevolution hinweg gefegt.
Da alle Fähren den Krieg unbeschädigt überstanden hatten, lief der Fährverkehr bald wieder regelmäßig. Schwere Nachkriegszeit und Inflation ließen Badegäste ausbleiben oder in andere Seebäder mit breiten Sandstränden wie Binz, Baabe oder Göhren abwandern. Etwas Fischerei, ein wenig Kreideabbau aber vor allem der Fährbetrieb hielten Saßnitz am Leben. Für letzteren erwies sich die fehlende Festlandanbindung der Insel Rügen bald als Nadelöhr. Eisenbahnwaggons und Passagiere mussten mit kleinen Schiffen von Stralsund nach Altefähr übergesetzt werden.

Das kostete Zeit und Geld. Man begann mit den Planungsarbeiten für eine feste Verbindung zwischen Stralsund und Rügen. Das Jahr des Baubeginns fiel mit Hitlers Machtergreifung zusammen. Nach drei Jahren Bauzeit wurde am 5. Oktober 1936 der Rügendamm „in Dienst“ gestellt. Es sollte nicht mehr lange dauern und Deutschland zog die Welt in den nächsten großen Krieg. Der Fährverkehr kam zum Erliegen. Zum Kriegsende hin wurden Saßnitz und auf Reede liegende Schiffe zunehmend Ziel alliierter Luftangriffe. Am 6. März 1945 zerstörten englische Bomber im mit Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten überfüllten Saßnitz Hunderte von Wohnungen, einen Teil der Hafenanlagen und forderten 900 Todesopfer. Kurz vor Kriegsende sprengte die Wehrmacht den Rügendamm, was die Besetzung der Insel Rügen durch die Rote Armee auch nicht mehr aufhalten konnte. Glück im Unglück für Saßnitz: So wie die ganze Insel Rügen wurde auch die Ortschaft kampflos übergeben.
Nur mühsam kam das Leben wieder in Gang. Alle Fährschiffe der Deutschen Reichsbahn mussten als Reparationen an die Sowjetunion abgegeben werden. Erst 1948 wurde wieder Fährverbindung zwischen Saßnitz und Trelleborg jedoch ausschließlich durch schwedische Fähren aufgenommen. Nach Unterbrechung wegen militärischer Bautätigkeit im Saßnitzer Hafen lief der Fährverkehr ab 1953 wieder regelmäßig. Es dauerte noch bis 1959, ehe mit der „SASSNITZ“ auch ein deutsches Fährschiff zum Einsatz kam und erst mit Indienststellung der „WARNEMÜNDE“ im Jahr 1963 wurde der Fährbetrieb völlig paritätisch durch Schweden und die DDR betrieben.
Dass Saßnitz aufzublühen begann, verdankte es vor allem einem anderen Wirtschaftszweig: dem Fischfang. Um die prekäre Ernährungslage der Nachkriegszeit zu lindern, war bereits 1946 ein spezieller Befehl der Sowjetischen Militäradministration ergangen, in welchem gefordert wurde, alle für den Fischfang geeigneten Fahrzeuge instand zu setzen bzw. neue zu bauen und ein Maximum an Fisch durch organisierten, gemeinsamen Fischfang anzulanden. Am 7. November 1949 wurde das Fischkombinat Saßnitz mit den beiden Einzelbetrieben Fischfang und Fischverarbeitung gegründet. Symbolisch liefen an diesem Tag zwölf 17-Meter-Kutter vom Dänholm kommend Saßnitz als künftigen Heimathafen an. Im kleinen Hafenbereich, der auf der Ostseite von Fähranlagen und nach Norden hin durch die an den Kreidehängen liegenden Bauten des Seebades eingeengt wurde, entstanden Gleisanschlüsse, Anlege- und Ladebrücken, Gerätehäuser und eine große Platteneis-Eisfabrik. Anfang der 50iger Jahre entstand aus dem Nichts, genau an der Stelle, wo auch das jetzige steht, ein für die damalige Zeit modernes Fischverarbeitungswerk. Angenehmer Nebeneffekt für die ansässige männliche Saßnitzer Jugend und die Matrosen aus den Anfängen der maritimen Kräfte der DDR: die gebotenen Beschäftigungsmöglichkeiten zogen viele Frauen und Mädchen nach Saßnitz. Für die Fischerei entstand auch eine Betriebsberufsschule mit Wohnheim und einer Kapazität von 200 Lehrlingen. So fanden immer mehr Menschen im Fischfang und in der Fischverarbeitung Arbeit. Wohnungen wurden gebraucht, Neubauten entstanden. Doch es sollte noch ein langer Weg sein, bis zur Saßnitzer Fischereiflotte auch moderne Frosttrawler und große Verarbeitungsschiffe stießen und Schiffe mit Heimathafen Saßnitz vor den Küsten Nordamerikas reichen Fang einbrachten.
Wenn man nach den Spuren des Wirkens von Seestreitkräften in Saßnitz sucht, dann stößt man immer wieder auf den im Osten gelegenen Ortsteil Dwasieden. Der Berliner Bankier Adolph von Hansemann, einer der reichsten Männer des Kaiserreiches, hatte 1871 einige Besitzungen des Gutsherrn Baron von Barnekow auf Jasmund erworben. Dazu gehörte auch das Dorf Lancken mit dem kleinen Buchenwald „Dwörsied“. Dem Bankier gefiel der idyllische Flecken über der Steilküste so gut, dass er 1873 den Entschluss fasste, sich hier ein Schloss errichten zu lassen. Den Bauauftrag erteilte er dem befreundeten Berliner Architekten Friedrich Hitzig, einem Schüler von Karl Friedrich Schinkel.

Der Autor Ralf Lindemann hat die Geschichte des Schlosses recherchiert. Seinem Buch „Das weiße Schloss am Meer“ kann man folgende Fakten entnehmen, die hier nur stichpunktartig, nicht wortwörtlich, wiedergegeben werden sollen:
Unerwarteter Aufwand verzögerte den Bau. Im Jahre 1876 nahte er dann schließlich seiner Vollendung und im Frühjahr 1877 war das Schloss soweit fertig gestellt. Rechtwinklig neben dem Schloss wurde ein Marstall erbaut. Er war so angelegt, dass Kutschen beim Befahren sich nicht gegenseitig in die Quere kamen. Der Schlosspark Dwasieden und das Schloss selbst waren zu Hansemanns Zeiten sehr gepflegt. Der Schlossherr hielt sich nicht an geometrisch geordnete Geländegestaltungen. So erfreute der Park seine Besucher durch sein natürliches Aussehen. Hansemann verstarb im Oktober 1903 im Alter von 77 Jahren. Den Erben wurde der inflationsbedingte, finanzielle Aufwand, der zur Erhaltung des Ensembles notwendig war, zu groß. Vergeblich versuchten sie, das Schloss 1928/29 zu verkaufen oder zu vermieten. Erst ab 1933 konnten dann einzelne Ländereien um das Schloss herum über einen Treuhänder an den Mann gebracht werden. Das Gebäude selbst verkaufte ein Hauptmann Gerd von Oertzen, der mit einer Enkelin von Hansemann verheiratet war, für 200.000 Reichsmark an die Stadt Saßnitz. 1935 übernahm die Kriegsmarine für 175.000 Reichsmark das Schloss. Nach 1945 wurde es den deutschen Behörden übergeben und diente als Flüchtlings- und Quarantänelager.
Den Namen „Dwasieden“ sollen das Buchenwäldchen, Schloss und die unmittelbare Umgebung direkt vom Bankier Hansemann erhalten haben. 1948 wurde das Schloss „als militärische Altlast“ gesprengt.
Übrigens: Seit 1993 wird die Stadt mit „ss“ geschrieben. Da sich meine Recherchen aber auf die Zeit bis 1990 beschränken, verwende ich durchgehend die alte Schreibweise mit „ß“.
1. Kaiserliche Marine in Saßnitz
Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 war die Kaiserlich Deutsche Marine samt ihrer schwarz-weißen Flagge aus der Marine des Norddeutschen Bundes hervorgegangen. Mit dem Flottengesetz von 1889 verfügte Kaiser Wilhelm II. die Modernisierung und den langfristigen Ausbau der Flotte sowie die dazu notwendige Personalentwicklung. Um die Jahrhundertwende gab es in der Flotte selbst drei Behörden: das Marinekabinett (Besetzung der Offiziersplanstellen), das Oberkommando der Marine (operative Führung) und das Reichsmarineamt (sicherstellende Aufgaben). Schwimmende Einheiten und Personal wurden den Stationen Kiel (Marinestation Ostsee) und Wilhelmshaven (Marinestation Nordsee) zugeordnet.
Im Internet findet sich die lapidare Bemerkung: „Ab 1889 gab es in Saßnitz eine Niederlassung der kaiserlichen Marine“ Punkt. Leider war nicht zu ermitteln, welcher Art diese Niederlassung war und welche Aufgaben sie zu erfüllen hatte. Es waren auch keinerlei Angaben darüber zu finden, ob die kaiserliche Marine ständig oder zeitweise Schiffe in Saßnitz stationiert hatte.
Ein Besuch von Kriegsschiffen ist für das Jahr 1899 dokumentiert. Im Fischerei- und Hafenmuseum Saßnitz findet man eine Meldung aus dem „Rügenschen Kreis- und Anzeigeblatt“ vom 3. September 1899:
„Lootsenhülfe für Kanonenboote Heute früh trafen die beiden gepanzerten Kanonenboote „Scorpion“, Commandant Corvetten-Kapitän Dübel und „Natter“, Capitain-Lieutnant von Blutheim unter Führung des ersteren aus See ein und wurden von der Pinasse der Hafenverwaltung in den Hafen geführt, nachdem die Schiffe durch Flaggensignale Lootsenhülfe verlangt hatten. Da das während des Vormittags ungünstige Wetter zum Nachmittag besser wurde, war bald lebhafter Verkehr zu den an der Mole liegenden Fahrzeugen, deren Betreten nach Beendigung des Dienstes gestattet war und deren Einrichtungen von der Mannschaft bereitwillig erklärt wurden. Großes Interesse erregte das Buggeschütz, das die Hauptwaffe ist; außer demselben führen die Schiffe noch einige kleinere Schnellfeuergeschütze und Revolverkanonen.“
Dieter Liebenau fand in einem Buch von 1905 mit dem Titel „Die neuesten Erfindungen“ die Abbildung einer Nachrichtenstation in der Nähe des Saßnitzer Hafens (Abbildung auf der nächsten Seite). Außer diesem Bild sind im Buch leider keine weiteren Angaben zu dieser Funkstelle zu finden. Da aber aus dem weiteren Text des Buches hervorgeht, dass von allen genannten Funkstationen nur eine einzige – und zwar die Funkrichtung zwischen dem Feuerschiff „Elbe I“ und der Lotsenstation Kuxhaven (so die damalige Schreibweise) – nicht vom Militär betrieben wurde, kann die abgebildete Funkstation getrost der Kaiserlichen Marine zugeordnet werden. In dieser Schlussfolgerung wird man durch die Bemerkung im Text bestärkt, „dass beim Übermitteln von Nachrichten durch Funken auf See schon recht günstige Resultate erzielt wurden“.

Mit Sicherheit kann davon ausgegangen werden, dass Saßnitz als eine Art Manöverstützpunkt genutzt wurde. Dafür gibt es verschiedene Hinweise. So ist in der Geschichte des Kleinen Kreuzers „AMAZONE“ nachzulesen, dass er 1904 und 1905 als Führerschiff der 1. Torpedoboots-Flottille eingesetzt war und dass dieser Verband vom 4. April bis zum 21. Mai 1905 Übungen vor Saßnitz durchführte. Einen weiteren Beleg liefert das Jahr 1910. Ebenfalls bei einer Übung rammte das Torpedoboot S-122 den Kreuzer S.M.S. „MÜNCHEN“. Im Bericht heißt es, dass dabei das Torpedoboot so schwer beschädigt wurde, dass es nach Saßnitz geschleppt werden musste. In der Struktur der Kaiserlichen Marine waren Torpedoboote in Flottillen eingeteilt. Jede Flottille bestand aus einem Führerboot und zwei Halbflottillen mit jeweils fünf Booten.

Es ist erwiesen, dass auch Schiffe bis Kreuzer-Größe im Hafen festmachen konnten. Auf einer zeitlich nicht genau einzuordnenden Fotografie mit leider altersbedingt schlechter Qualität ist am rechten Bildrand ein Kriegsschiff mit vier Schornsteinen zu erkennen, von der Größe her ein Kleiner Kreuzer (Abbildung auf der nächsten Seite). Vier Schornsteine waren typisch für die Kleinen Kreuzer der Magdeburg-Klasse und den noch etwas größeren Nachfolgetyp der Karlsruhe-Klasse. Die Magdeburg-Klasse konnte auf eine Länge von 139 Metern bei einem maximalen Tiefgang von 5,70 Metern verweisen. Im Vergleich dazu war das Fährschiff „PREUSSEN“ 113,8 Meter lang und hatte einen Tiefgang von 5 Metern. Ein Kleiner Kreuzer der Gazelle-Klasse (z. B. die „AMAZONE“) brachte es „lediglich“ auf 104,4 Meter bei 5,20 Metern Tiefgang. Als Zwei-Schraubenschiffe waren die Kleinen Kreuzer auch für einen relativ engen Hafen wie Saßnitz ausreichend manövrierfähig.

Dann 1914, Ausbruch des 1. Weltkrieges. Eine nach Saßnitz beorderte „Landsturmkompagnie“ sollte den Hafen schützen. Die gleiche Aufgabe hatte wohl ein in Dwasieden stationierter Scheinwerferzug. Auch eine Nachrichtenstelle der Marine findet wieder Erwähnung. In der Saßnitzer Stadtgeschichte wird berichtet, dass die Fährschiffe zu Minenlegern umgerüstet wurden, der Fährverkehr aber nur kurzzeitig zum Erliegen kam. Das zeigt sich auch in Handlungen der Kaiserlichen Marine. So ist einerseits belegt, dass das Fährschiff „DEUTSCHLAND“ nach Kriegsbeginn als Hilfsminenleger in der östlichen Ostsee und im finnischen Meerbusen zum Einsatz kam, andererseits zeigt die Geschichte des Kleinen Kreuzers „UNDINE“, dass der Fährverkehr schon bald wieder aufgenommen wurde. Denn dort ist nachzulesen, dass der Kreuzer ab 1915 u. a. auch Sicherungsaufgaben auf der Fährlinie Saßnitz-Trelleborg durchführte. Dabei wurde die „UNDINE“ am 7. November nordöstlich Arkona bei der Eskortierung des Fährschiffes „PREUSSEN“ von einem britischen U-Boot versenkt.

Zur Sicherung der Fährverbindungen kamen daraufhin die Kleinen Kreuzer „MEDUSA“ und „AMAZONE“ zum Einsatz. In der Regel handelten die Kleinen Kreuzer der Gazelle-Klasse gemeinsam mit Torpedobooten. Auch die „UNDINE“ war auf ihrer letzten Fahrt von einem Torpedoboot (V154) begleitet worden. Man kann davon ausgehen, dass im Zusammenhang mit der Sicherung der Fährverbindungen die Torpedoboote den Hafen Saßnitz auch während des Krieges als Manöverstützpunkt angelaufen haben. Selbst für die Kreuzer wäre das – wie bereits erwähnt – durchaus möglich gewesen.
Von 1915 bis 1918 fand unter Einbeziehung des neutralen Schwedens und bei Nutzung des Saßnitzer Hafens mehrmals ein Austausch von Schwerverwundeten statt. Grundlage war ein entsprechendes Abkommen zwischen den Krieg führenden Mächten. Ein damaliger Bericht vermeldet, dass insgesamt 26.855 Mann (3.787 Deutsche, 22.643 Österreicher, 425 Türken) auf dem Seeweg in Saßnitz ankamen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Kaiserliche Marine bei solchen Transporten Sicherungsaufgaben wahrzunehmen hatte. Im Zusammenhang mit dem Verwundetenaustausch ist für den 7. April 1916 ein Besuch der Kaiserin in Saßnitz belegt. In einem zeitgenössischen Bericht des Saßnitzer Redakteurs Durschnabel heißt es dazu auszugsweise:
„Der Hofzug lief auf dem Hauptbahnhof ein, die Kaiserin entstieg ihm und begab sich gleich zu ihrem Platz in der Empfangshalle… Jedes Schiff brachte ungefähr 200 Verwundete mit unter denen nur 20 – 30 Deutsche, die anderen Österreicher waren… Zwischen dem Schiff und der Kaiserin verkehrten zwei Verbindungsoffiziere, die bei jedem Verwundeten, der heraufgeführt oder getragen wurde, Namen, Staatsangehörigkeit und Regiment ansagten. Die Kaiserin gab jedem die Hand und einen kleinen, an einer Ansichtskarte befestigten Blumenstrauß mit den Worten „Willkommen in der Heimat!“ …Und so ging es weiter, zwei volle Stunden hindurch, ohne dass die hohe Frau von dem Stuhl, den man neben sie gestellt hatte auch nur einmal Gebrauch machte. Völlig erschöpft, in Tränen gebadet, wurde sie von ihren Kammerfrauen schwankend zum Zug geführt, der gleich darauf wieder die Heimreise antrat.“
Ach, wie rührend! Von solchen Ereignissen abgesehen, gab es in Saßnitz über den gesamten Kriegsverlauf keinerlei direkte militärische Feindeinwirkungen, dafür aber wohl kleinere Auswirkungen der Novemberrevolution von 1918. Es existieren mehrere Fotos aus dem Jahr 1919, die Torpedoboote in Flottillenstärke festgemacht an der Saßnitzer Mole zeigen. Dazu machte das Gerücht die Runde, dass die Marineführung durch Verteilung ihrer schwimmenden Einheiten in kleinere Gruppen weiteren aufständischen Aktionen von Matrosen vorbeugen wollte.

Die dem Kaiserreich folgende Periode der Weimarer Republik kann hier übersprungen werden. Für die offiziell vom 1. Januar 1922 bis zum 30. Januar 1935 bestehende Reichsmarine wurden keinerlei Hinweise auf Marineaktivitäten in Saßnitz gefunden.
2. Kriegsmarine in Saßnitz
Saßnitz als Marinedienststelle im komplizierten Strukturgefüge der Kriegsmarine mit seinen teilweise operativen und truppendienstlichen Doppelunterstellungen zu finden, war ziemlich kompliziert. Am übersichtlichsten erwies sich noch das vom Deutschen Marinearchiv für den Zeitpunkt September 1939 dokumentierte Strukturschema. Demnach waren dem Oberkommando der Kriegsmarine das 1. Flottenkommando, die Marinegruppenkommandos Ost und West und die beiden Marinestationen der Nordsee und der Ostsee direkt unterstellt. In der Struktur der Marinestation der Ostsee findet sich der „Küstenbefehlshaber Pommern“, verantwortlich für den Küstenabschnitt ab Darss bis zur polnischen Grenze. Diesem Küstenbefehlshaber war wiederum ein „Kommandant für den Abschnitt Rügen-Hiddensee“ (gleichzeitig Inselkommandant von Rügen) unterstellt. Einige Namen sind bekannt:
- Sept. 1939 bis Nov. 1939 Kapitän zur See Rollmann
- Nov. 1939 bis Okt. 1941 Kapitän zur See Schmidt
- Okt. 1941 bis Aug. 1943 Kapitän zur See Kleine
- Aug. 1943 bis Okt. 1944 Kapitän zur See Schmolling
Bis Oktober 1941 wurde diese Funktion in Personalunion vom Kommandeur der 13. Schiffsstamm-Abteilung in Saßnitz-Dwasieden wahrgenommen. Leider gibt es kein weiterführendes Strukturschema, aus dem detailliert alle Marinedienststellen im Abschnitt Rügen-Hiddensee – und damit auch die in Saßnitz - aufgeführt werden.
Der operative Einsatz der Flottenkräfte erfolgte aber nicht auf dieser Linie. Schlacht- und Panzerschiffe, Kreuzer, U-Boote, Zerstörer, Torpedo- und Schnellboote (man könnte sagen die „Stoßkräfte“) gab das Flottenkommando nicht aus der Hand und führte sie über den Befehlshaber der Panzerschiffe, den Befehlshaber der Aufklärungsstreitkräfte und den Führer der U-Boote. Für die in der Ostsee stationierten Minenleg- und Minenabwehr-Streitkräfte, Vorposteneinheiten und U-Boot-Jäger gab es auf der gleichen Kommandoebene wie die der drei Küstenbefehlshaber (Pommern, westliche und östliche Ostsee), einen „Befehlshaber der Sicherung der Ostsee“. Im Org.-Schema von 1939 sind alle ihm unterstellten Flottillen genannt. Auf der Internetseite des Deutschen Marinearchivs kann man sich durch die einzelnen Flottillen klicken, ohne allerdings Spuren nach Saßnitz zu finden.
Eine weitere Unterstellungslinie, in der Saßnitz wenigstens auftaucht, führt über die so genannten „Kriegsmarinedienststellen“. Davon gab es zu Kriegsbeginn vier: Bremen, Hamburg, Stettin und Königsberg. Diese Dienststellen waren speziell für den Hilfsschiffsbereich, für die Verbindungen zur Handelsschifffahrt und für die Organisation von Truppen- und Nachschubtransporten geschaffen worden. In diesen Fachaufgaben und in Personalfragen unterstanden sie direkt dem Oberkommando der Kriegsmarine, in allen Angelegenheiten des täglichen Dienstes (auch „truppendienstlich“ genannt), dem Kommandeur der übergeordneten Marinestation. Auf dieser Linie wurde Saßnitz als eine Neben- oder Zweigstelle der Kriegsmarinedienststelle Stettin geführt. Aber auch hier keinerlei weitere Hinweise auf untergeordnete Marinebehörden oder –einheiten.
Ergebnis dieser Recherchen, bestätigt auch vom Marinemuseum Dänholm: Für die Zeit vor dem 2. Weltkrieg konnte keinerlei Beleg darüber gefunden werden, ob Kampfschiffe der Kriegsmarine ständig oder zeitweilig in Saßnitz stationiert waren. Dafür kommt jetzt aber Dwasieden ins Spiel.
Nachdem im Jahre 1935 die Kriegsmarine das Areal gekauft hatte, verwandelte sich das Schlossgelände Dwasieden in die – wie es damals hieß – „schönste und modernste deutsche Marinegarnison“. Kasernen, Stabs-, Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude entstanden. Ein Heizwerk und eine Exerzierhalle wurden gebaut, ein Exerzierplatz an der Stelle angelegt, wo heute die Berufsschule in Saßnitz-Dwasieden steht. Das Schloss blieb dem Offizierskasino vorbehalten.
Am 26. März 1936 wurde in der neuen Dienststelle mit Hissen der Reichskriegsflagge eine Entfernungsmess-Unterabteilung der Schiffsartillerieschule Kiel eingerichtet. Daraus entstand 1938 die 3. Abteilung der o. g. Schule und ab 1. Oktober 1943 die Schiffsartillerieschule III. Ein Ausbildungspolygon mit verschiedenen E-Mess-Geräten befand sich im Hafenbereich am Fuße der Steilküste. Das E-Mess-Schulschiff „STETTIN“, ein umgerüsteter, ehemaliger Passagierdampfer der Swinemünder Dampfschiffahrts-AG, diente der praxisnahen Ausbildung in See.

Am 2. Dezember 1937 kam die IV. Schiffsstamm-Division damals noch in direkter Unterstellung des 2. Admirals der Ostsee nach Dwasieden und führte dort bereits sechs Tage später ihre erste Rekrutenvereidigung durch. Mit Bildung des „Schiffsstammregimentes der Ostsee“ (Standort Stralsund) wurde die Division in 4. Schiffsstamm-Abteilung umbenannt und dem Regiment unterstellt. Aufgabe der Schiffsstamm-Abteilungen war die militärische und seemännische Grundausbildung der neu eingestellten Marineangehörigen. Im Herbst 1938 erfolgte die Umbenennung des Stralsunder Regimentes zum „1. Schiffsstamm-Regiment“. Damit im Zusammenhang wurde die unterstellte Einheit in Dwasieden fortan als 13. Schiffsstamm-Abteilung geführt. 1941 verlegte die 13. Schiffsstamm-Abteilung von Saßnitz nach Libau. Die frei gewordenen Kapazitäten bezog die 2. Abteilung der Schiffsartillerieschule Kiel. Diese Abteilung war aus der Lehrgruppe Schießausbildung hervorgegangen und bildete ab 1. Oktober 1943 die Schiffsartillerieschule II.

Bereits im Jahr 1940 hatte der Kommandeur der Schiffsartillerieschule seinen Dienstort von Kiel nach Dwasieden verlegt. Zu diesem Zeitpunkt unterstanden ihm die beiden bereits genannten Abteilungen, eine weitere in Kiel und ein Schulverband, der aus Ausbildungsschiffen und Hilfsfahrzeugen bestand. Ob es stimmt – wie auf einer Internetseite nachzulesen ist – dass Saßnitz der Haupthafen des Schulverbandes war, sei dahingestellt. Sicher ist, dass das E-Mess-Schulschiff „STETTIN“ fest in Saßnitz stationiert war und logisch wäre auch, dass andere Schiffe des Verbandes zur Sicherstellung der Dwasiedener Abteilungen bzw. Schulen öfter im Saßnitzer Hafen festmachten.
Dass der Stützpunkt Saßnitz als Manöverstützpunkt genutzt wurde, ist erwiesen. So ist zum Beispiel auf im Internet stehenden Fotos ersichtlich, dass Boote der 1. U-Boot-Flottille (U-Flottille „Weddingen“, stationiert in Kiel) bei ihren Ausbildungstörns in der Ostsee zwischen 1935 und 1938 mehrmals den Hafen anliefen. Auch in der Geschichte des Schlachtkreuzers „SCHARNHORST“ findet sich ein Hinweis auf Saßnitz. So heißt es dort:
„Der Bau des Schiffes hatte über Gebühr lange gedauert, allein zwischen Stapellauf und Indienststellung lagen rund 27 Monate. Schon hieran lässt sich erkennen, dass den Werftkapazitäten durch den forcierten Aufbau der Kriegsmarine Grenzen gesetzt waren. Der im Januar 1939 vollzogenen Indienststellung folgten erste Monate intensiver Erprobungen und Ausbildung in der Ostsee mit kurzen Aufenthalten in Pillau, Memel, Saßnitz und wiederholt in Kiel.“
Bei Saßnitz dürfte es sich aber um die Reede gehandelt haben. Für den Hafen war der Kreuzer wohl zu groß. Nicht aber für Sicherungs- und Hilfsschiffe, die gewöhnlich eine solche Erprobung begleiten.

Manche Saßnitzer Hafendienststellen entdeckt man rein zufällig. Da ist im Internet von einem Friedrich-Wilhelm Maes die Rede. Und dann erfährt man, dass besagter Herr Maes am 16.04.1940 auf dem Fährschiff “DEUTSCHLAND” in Saßnitz ankam und fortan zum „Sonderkommando der Hafenüberwachungsstelle“ gehörte. Die gab es also auch! Auf ähnlichem Weg stieß Manfred Kretzschmar auf das „Hafenkommando Saßnitz“. Er hatte sich für die Geschichte des Loggers „KRIMHILD“ interessiert, der ab 1949 als MS „REIHER“ beim SHD fuhr. Dabei fand er heraus, dass der Logger im Frühjahr 1945 zu der o. g. Saßnitzer Kriegsmarine-Einheit gehörte. Mosaiksteinchen ja, aber leider kein geschlossenes Strukturschema der im Hafenbereich tätigen Marine-Dienststellen. Kein Zufall: Aus Recherchen des Marinemuseums Dänholm ist ersichtlich, dass es ab 1. Januar 1944 eine „13. Marineersatzabteilung“ gab, die aus der „Marinestammkompanie Saßnitz“ hervorging. Das klingt aber schon wieder mehr nach Dwasieden.
Im September 1944 hatte Finnland kapituliert. Die Kriegsmarine musste ihr Sperrsystem im Finnischen Meerbusen aufgeben und sowjetische U-Boote konnten jetzt wesentlich leichter in die Ostsee vordringen. Die erhöhte U-Boot-Gefahr hatte zur Folge, dass die Fährverbindung Saßnitz-Trelleborg am 26. September jetzt auch von schwedischer Seite endgültig eingestellt wurde (deutsche Schiffe durften schon seit Juni 1943 keine schwedischen Häfen mehr anlaufen). Im Herbst 1944 tauchten aber weiterhin schwedische Schiffe in Saßnitz auf. Ihre Mission: Austausch von Gefangenen zwischen den westlichen Alliierten und Deutschland. Diese Aktion ist wenig bekannt und es gibt dazu auch keine verlässlichen Zahlen. Erwiesen ist aber, dass auf diesem Wege auch einige Gefangene des Afrika-Korps zurück nach Deutschland gelangten und gegen Besatzungen von über Deutschland abgeschossenen, alliierten Flugzeugen „eingetauscht“ wurden.
Ab Ende 1944 besonders aber im Frühjahr 1945 bekam Saßnitz die Folgen des Krieges direkt zu spüren. An der Ostfront hatte der große Rückzug begonnen. Unaufhaltsam rückte die Rote Armee vor und das Flüchtlingsdrama aus den deutschen Ostgebieten nahm seinen Anfang. Nach Swinemünde wurde Saßnitz der wichtigste Ostsee-Zielhafen für Flüchtlings- und Verwundetentransporte über See. Fortan wurden Hafen und Reede ständig von Transport- und Sicherungsschiffen genutzt. Für größere Schiffe, die den relativ kleinen Hafen nicht direkt anlaufen konnten, musste die Ausschiffung im Pendelverkehr erfolgen. Nach Ludwig Dinklage/ Jürgen Witthöft „Die Deutsche Handelsflotte“ landeten in Saßnitz insgesamt 210.072 Menschen an. Den Schutz des Hafens und der Reede vor Luftangriffen sollten mehrere Batterien der im Januar 1945 aufgestellten Marine-Flakabteilung 227 übernehmen. Eine der modernsten war die im unmittelbaren Hafenbereich stationierte Marine-Flakbatterie Krampas mit vier 10,5mm-Geschützen, einer leichten Flakstellung mit zwei 2cm-Oelikon, mehreren MG-Ständen, Funkmess-Station Typ „Würzburg“, E-Mess-Gerät und Horchstationen in Mukran und auf Arkona.

Belegen lässt sich, dass ab 1944/45 ständig Schnellboote bis zur Flottillenstärke, in Saßnitz stationiert waren. Neben Kampfeinsätzen zur Unterstützung der Ostfront und zur Sicherung von Geleiten bzw. Einzelschiffen wurden in den Schnellboot-Verbänden auch ausländische Verbündete an Schnellboot-Technik ausgebildet. So trafen zum Beispiel am 15.06.1944 in Saßnitz vier finnische Besatzungen ein, die die Boote S 64, S 83, S 99 und S 117 übernehmen sollten. Ebenfalls zur Abgabe an das verbündete Rumänien waren die Boote S 86, S 89, S 92 und S 98 vorgesehen. Ob die Boote an Finnland tatsächlich noch ausgeliefert wurden, ist fraglich. Die prekäre militärische Lage zwang Finnland im September zu einem Waffenstillstandsabkommen mit der Sowjetunion und die Bordnummern von mindestens zwei der genannten Boote tauchen 1945 unter den von der Kriegsmarine eingesetzten Sicherungsschiffen bei Evakuierungen wieder auf. Auch die für Rumänien bestimmten Boote blieben im Besitz der Kriegsmarine. Sie befanden sich bereits auf der Donau, als die politische und militärische Entwicklung zum Stopp dieser Aktion führte. Nach kurzem Aufenthalt in der Donauflottille verlegten die Boote wieder zurück in die Ostsee.
Am 06.03.1945 wurde Saßnitz das Ziel eines RAF Luftangriffs. Nach einer längeren Schlechtwetter-Periode Ende Februar, die kein Ausschiffen ermöglichte, lagen Anfang März besonders viele Evakuierungs- und Sicherungsschiffe im Hafen und auf Reede. Erst am 4. März flaute der Wind ab und die Dünung beruhigte sich. Der Pendelverkehr konnte wieder aufgenommen werden. An diesem Tag zog bei ausgezeichneter Sicht in großer Höhe, außerhalb der Flak-Reichweite und gut an seinen Kondensstreifen erkennbar, ein Aufklärer seine Kreise. Es ergingen weder Befehle zur Dezentralisierung der Kräfte noch zu besonderer Bereitschaft der Luftabwehr. Am Abend des 6. März griffen 191 Lancaster-Bomber und sieben Mosquitos die mit Flüchtlingen überfüllte Stadt, den Hafen und die auf Reede liegenden Schiffe an. Es hatte keinerlei Vorwarnung gegeben und bei Auslösung des Vollalarms befanden sich die ersten Bomber bereits über Jasmund. Das Flotten-Torpedoboot T-36 vermerkte in seinem Logbuch um 22.52 Uhr die ersten Leuchtbomben und von 22.55 bis 23.35 mehrere Angriffswellen, die sich auf Hafen- und Reede konzentrierten, aber auch die Ortschaft nicht verschonten. Zum Einsatz kamen vor allem Sprengbomben. Die Besatzung von T-36 will auch den Abwurf von Fallschirm-Fernzündungsminen beobachtet haben. Die Kriegsmarine verlor das im Fährbett liegende Verwundetentransportschiff „ROBERT MÖHRING“, Von dem brennenden Wrack wurden 353 Tote, 380 Verwundete und 22 Flüchtlinge geborgen.

Der auf Reede befindliche Zerstörer „Z-28“ erhielt mittschiffs zwei Bombentreffer, brach auseinander und sank. Dabei kamen 150 Mann der Besatzung um. Verlustig ging auch mindestens der U-Jäger 1119 (in anderen Berichten ist von zwei U-Jägern die Rede) und mehrere kleinere Hilfsschiffe. Bekannt ist außerdem, dass die Stützpunktanlagen der im Aufbau befindlichen 11. Schnellboots-Flottille von Bomben getroffen wurden. Neben diesen rein militärischen gab es auch mehrere Verluste an dienstverpflichteten, zivilen Schiffen. Zahlreiche Schäden wurden an Hafen- und Eisenbahn-Anlagen registriert. Besonders tragisch auch der Tod von Hunderten von Flüchtlingen, die in Zügen im Hafengebiet auf ihren Abtransport gewartet hatten. Nachdem am 7. März ein Teil der Hafenanlagen notdürftig instand gesetzt war, wurde das Ausschiffen von Flüchtlingen wieder aufgenommen. Wegen der Minengefahr – bei einem Ankermanöver auf Reede war am Nachmittag das Passagierschiff „HAMBURG“ nach zwei Minentreffern gesunken - kamen anfangs ausschließlich hölzerne Fahrzeuge (Rettungsboote, Fischkutter) zum Einsatz. Erst in den Folgetagen sorgten Räumkräfte der Kriegsmarine wieder für Sicherheit auf der Reede und in der Ansteuerung.
Nur zwei Monate später fiel ganz Rügen kampflos in die Hände der Roten Armee. Der letzte Inselkommandant hatte sich noch rechtzeitig auf dem Seeweg in Richtung Kiel abgesetzt. Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland bedingungslos. Das Kapitel Kriegsmarine in Saßnitz war damit beendet.
— Hans Steike
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