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Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Episoden und Gedanken

Wie das KSS-Lied entstand

Hans Steike erzählt mit einem Augenzwinkern die Entstehungsgeschichte des KSS-Liedes: von der Idee im Januar 2004 vor der Warnemünder Fähre über das Dichten des Textes, die Melodie des Volksmusikers Fred Donner, dessen Tod, die Überarbeitung des Refrains durch Christian Körber, die Uraufführung durch die „Ostwarnower Sängerknaben“ am 22. Januar 2005 bis zur Aufnahme mit dem Rostocker Shanty-Chor „Luv un Lee“ im Januar 2007, die dem Teil 6 der Broschürenreihe als CD beigelegt wurde.

Die meisten derer, die im Besitz des Teiles 6 unserer KSS-Reihe sind, haben damit zugleich auch das KSS-Lied erworben, gesungen vom Rostocker Shanty-Chor „Luv un Lee“. Die wenigsten aber werden wissen, dass drei Jahre vergehen mussten vom ersten Gedanken an ein solches Lied bis zu dieser Aufnahme und dass sich in dieser langen Zeit um das kleine Liedchen Tragisches mit Lustigem vermischte. Hier nun die ganze Geschichte des KSS-Liedes, aufgeschrieben mit einem leichten Augenzwinkern.

Alles begann im Januar 2004 nach unserer jährlichen Mitgliederversammlung. Peter Müller, Schatzmeister unserer Kameradschaft, seine Gattin Bettina und ich fuhren gemeinsam nach Hause. In Nienhagen, zwischen Bad Doberan und Warnemünde gelegen, war ein Zwischenstopp nötig. Der Computer von Bettinas Vater streikte. Fred Donner hoffte, dass sein Schwiegersohn den PC wieder zum Laufen bringen könnte. Während Peter also mit schlauem Gesicht vor dem Bildschirm saß, stellte uns Fred sein neuestes Werk vor. Dazu muss man wissen, dass er ein begnadeter Volksmusiker war, der mit seiner Partnerin und seiner Ziehharmonika im Duo „Haide und Fred“ recht erfolgreich Meer, Matrosen und Mecklenburg besungen hat. Sogar in die Hitparade der Volksmusik von NDR1/Radio MV hatte es das Duo geschafft. Und was war nun sein neuestes Werk? Da gab es ein kleines Dorf nahe Parchim – den Namen habe ich leider vergessen – dessen 750jähriges Jubiläum anstand. Einen Text für eine Dorfhymne hatte man Fred zugeschickt und er hatte nun eine Melodie dafür geschrieben. Es war eine gelungene Komposition. Der Refrain reizte gleich zum Mitsummen. Schließlich hatte Peter die Reparatur beendet und wir setzten unsere Heimfahrt fort, bis vor der Stromfähre in Warnemünde die übliche Wartepause eintrat. Eine Weile herrschte verdächtiges Schweigen. Jeder von uns spielte wohl mit dem gleichen Gedanken bis es schließlich herausplatzte: „Warum hat eigentlich dieses kleine Nest ….., das kaum einer kennt, eine eigene Hymne und warum gibt es so etwas nicht für KSS??? Schließlich waren diese Schiffe doch in den Flottenhandbüchern vieler Länder erfasst und damit weltbekannt.“ Es war also vor der Warnemünder Fähre, wo erstmals der Gedanke für ein KSS-Lied ins Gespräch kam.

Nun musste erst einmal ein Text her. Es gab ja keine „Zirkel schreibender Matrosen“ mehr, die man damit hätte beauftragen können. Also musste ich selbst zum Dichter mutieren. Drei KSS-Typen gab es in der Volksmarine. Da bieten sich doch drei Strophen an! Man müsste gleich am Anfang jeder Strophe erkennen, welches Schiff gemeint ist. Die Antriebsanlage! Kesselraum und Gasturbine – das sind eindeutige Hinweise auf Projekt 50 bzw. 1159. Eben so eindeutig sind drei Diesel für Projekt 133. Und dann sollte der Text für jeden KSS-Typ eine eindeutige Episode beschreiben, etwas Typisches, was auf diesen Schiffen passierte. Und der Refrain? Da müsste dann auf jeden Fall Warnemünde erscheinen und KSS und etwas, was sich auf KSS reimt. Stress! Klar, Stress gab es öfter. Das waren so die ersten Gedanken, die mir als „Dichter“ durch den Kopf schwirrten. Es folgten einige schlafarme Nächte, in denen Zeilen gereimt, verworfen, verbessert, angenommen und am nächsten Morgen gleich im Computer festgehalten wurden. Und immer wieder wurde am bereits fertig geglaubten Text gefeilt. Nun erst konnte ich richtig würdigen, welch große Leistung meine Dichterkollegen Goethe oder Schiller mit solchen Werken wie „Osterspaziergang“ oder der „Die Glocke“ vollbracht haben. Irgendwann stellte sich das Gefühl ein, dass ich mich mit dem Ergebnis zu Peter trauen konnte. Der fand den Text gar nicht so übel und nahm gleich mit seinem Schwiegervater Verbindung auf. Fred war Feuer und Flamme. Ein Treffen wurde vereinbart, dabei der Text durchgesprochen und ein paar Gedanken zur Melodie geäußert. Sie sollte auf jeden Fall auch für raue, gesangsungeübte Männerkehlen geeignet sein. Es verging vielleicht ein Monat, bis bei Peter das nächste Treffen stattfand und Fred uns das Ergebnis als Tonkassette überreichte. Die Strophenmelodie - einfach prima. Es war fast ohne Veränderungen die Version, die auch heute noch gesungen wird. Aber der Refrain! Da war wohl der Künstler mit Fred durchgegangen. Gewiss, eine schöne Melodie, aber für uns kaum zu beherrschen. „Fred, das muss etwas einfacher werden, vielleicht so …“ Ich traute mich, ihm ein paar Töne vor zu summen. Fred murmelte etwas von Gesetzen der Musik, die man beachten müsse, griff dann aber doch zu seiner Ziehharmonika und begann zu improvisieren. „Ja“, meinte er, „so etwa könnte es gehen. Ihr hört wieder von mir.“ Dazu sollte es aber nicht mehr kommen. Ganz unerwartet überfiel ihn eine heimtückische, schwere Krankheit. Fred wehrte sich tapfer. Schon schien es, er könnte sie besiegen. Am Ende aber verlor er diesen Kampf. Fred war auch meiner Frau und mir ein guter Freund gewesen. Erst als unsere Trauer etwas abgeklungen war, wagte ich, wieder an das KSS-Lied zu denken. Wir hatten noch Freds Tonkassette, Vorstellungen, was verändert werden sollte, aber niemanden, der es auch tun konnte. Da kam der Zufall zur Hilfe.

Die „Ostsee-Zeitung“ berichtete – es könnte im Juli 2004 gewesen sein – über den 75. Geburtstag des Leiters des Blasorchesters der Hansestadt Rostock. Das war kein geringerer als der letzte Leiter des Stabsmusikkorps der Volksmarine, Musikdirektor und Fregattenkapitän a. D. Walter Hoffmann. Ob das eine Lösung für das KSS-Lied sein könnte? Erst einmal war Walter (da er mir später das Du angeboten hat, nenne ich ihn ab jetzt bloß noch mit Vornamen) gar nicht zu finden. Kein Eintrag im Rostocker Telefonbuch. Vielleicht kommt man über das Blasorchester weiter? Im damaligen Rostocker Telefonbuch auch kein Eintrag. Ob das Hanse-Sail-Büro helfen kann? Es konnte! So fand ich erst einmal das Blasorchester und dort bekam ich die Auskunft, dass Walter unter dem Namen seiner Lebensgefährtin im Telefonbuch steht. Aber einfach so anrufen? Mit meinem Namen kann er doch bestimmt nichts mehr anfangen und wie er jetzt wohl zu seiner Dienstzeit steht? Wer weiß! Es gibt doch so einige, die sich für meine Begriffe etwas zu sehr gewendet haben. Manche ja um ganze 180 Grad, regelrecht verdreht. Im Telefonbuch ist auch die Anschrift aller Teilnehmer gelistet. Walter bekam also ein kurzes Schreiben auf offiziellem Kameradschafts-Briefbogen, ein paar Auskünfte darüber, was wir so treiben, einen Hilferuf und die aktuellste KSS-Broschüre. Das Schreiben schloss sinngemäß so, dass ich mich in nächster Zeit telefonisch mit ihm in Verbindung setzen werde. Was dann auch geschah. Wenige Zeit später saßen wir uns in seiner Wohnung gegenüber. Gott sei Dank! Er war der alte geblieben und sofort bereit, uns zu helfen. Christian Körber, ein ehemaliger Angehöriger des Stabsmusikkorps, sei der Mann, der uns retten könnte. Die Verbindung würde er selbst organisieren.

Schon am nächsten Wochenende war ein Signal von Christian auf dem Anrufbeantworter. Wir trafen uns bei ihm zu Hause in Lütten-Klein. Nach kurzem Abtasten stand fest: Wir lagen auf einer Welle. Christian ist Mitglied im Shanty-Chor „Luv un Lee“ (das sollte sich später als ganz, ganz wichtig erweisen) und spielt dort Keyboard. Nachdem Freds Kassette verklungen war und ich ihm meine Vorstellungen zum Refrain vorgebrummt hatte, ging es an die Arbeit. Er spielte die Melodie Zeile für Zeile auf seinem Keyboard nach, hörte das Ergebnis kritisch ab (dabei spielte das Instrument wie von Geisterhand ganz von selbst), veränderte hier etwas, setzte da eine Note hinzu, fragte nach meiner Meinung, und dann war sie fertig, die Melodie unseres KSS-Liedes. Irgendwie war alles gleich in seinem Computer gelandet, kam als Notenblatt aus dem Drucker und als fertige Scheibe aus dem CD-Laufwerk wieder heraus. Bei der Heimfahrt musste dann der CD-Player im „Nissan“ unentwegt die Melodie des KSS-Liedes abspielen und das natürlich ordentlich laut.

Mittlerweile war es Herbst geworden und Zeit darüber nachzudenken, wie Lied und Kameradschaft zusammengebracht werden könnten. Die Mitgliederversammlung im Januar 2005 bot sich als möglicher Termin an. Selbstverständlich müsste es gesungen werden! Und so formierte sich heimlich das Quartett der „Ostwarnower Sängerknaben“: Gerd Kleinschmidt als Solist, Peter, Siggi Prinz und ich als die Refrainsänger. Inzwischen war ja auch der andere, der lustige Text nach dem Motto Pleiten, Pech und Pannen entstanden. Eingeübt wurde nur die heroische Variante und das auf ziemlich unprofessionelle Weise. Von der CD wurden vier Kassetten gezogen und jeder Sänger erhielt eine nebst Textblatt ausgehändigt. Die Aufgabe: Jeder übt für sich das Lied ein. Wenige Tage vor der Mitgliederversammlung traf sich das Quartett nur ein einziges Mal bei mir zu Hause. Zuerst einigten wir uns auf einen gleichen Standard, denn jeder hatte so seinen eigenen Gesangsstil entwickelt. Dann wurde gemeinsam gesungen, solange, bis wir das Ergebnis für aufführungsreif hielten. So übel muss es gar nicht geklungen haben, denn es gab trotz kräftigen Gesanges weder Beschwerden von den Nachbarn noch Aufkündigung des Mietvertrages durch den Vermieter, der sich damals noch Bundesvermögensamt nannte. Nach der Probe erhielt jeder die Auflage, individuell weiter zu üben und vorsichtshalber auch einmal die lustige Variante zu singen.

Dann kam der Aufführungstag am 22. Januar 2005. Absichtlich hatten wir beim Kameradschaftsabend bis 21 Uhr mit unserem Auftritt gewartet. Die Geheimhaltung hatte wirklich mal funktioniert. Noch wusste niemand, was da abgehen sollte. Das Buffet war gestürmt, die ersten Gläschen hatten im Saal für die notwendige Lockerheit gesorgt. Es konnte losgehen! Nun, die meisten unserer Kameraden haben es ja miterlebt: die Ankündigung des Liedes, das gemeinsame Üben des Refrains und schließlich die Welturaufführung eines KSS-Liedes unter aktiver Beteiligung aller Anwesenden. Mit diesem Erfolg hatten wir nicht gerechnet. Als Zugabe musste sogar noch die lustige Textvariante herhalten und das völlig ohne vorheriges gemeinsames Proben des Quartetts. Im Interesse der Hotel-Möbel wurde die Übung dann aber rechtzeitig beendet, denn zuletzt wurde so kräftig im Takt auf die Tischplatten geschlagen, dass man um sie fürchten musste. Das hätte gerade noch gefehlt. Das KSS-Lied als Schadensverursacher, eventuelle Heraufsetzung der Prämie der Vereinshaftpflicht und das bei unserem schmalen Budget!

Mal abgesehen davon, dass in der KSS-Reihe Teil 4 Notenblatt und Text abgedruckt waren und die CD-Variante der Broschüre sogar die Melodie enthielt, wurde es um das KSS-Lied wieder ganz ruhig. Zu Hause legte ich mir zwar ab und zu die CD in den Computer und erfreute mich an der Melodie, war ich alleine, sang ich auch mal mit, aber irgendwie lag das KSS-Lied im Dornröschenschlaf. Ich werde wohl nicht der einzige gewesen sein, bei dem das so war. Später dann – während einer Reha-Kur in Plau am See – erlebte es wenigstens bei mir persönlich fröhliche Wiederauferstehung. Es war ein herrlicher Oktober, der regelrecht zum Wandern einlud. Ich fühlte mich sowieso ziemlich wohl und hatte nur wenig Pflichtmaßnahmen in meinem Patientenbuch. So marschierte ich jeden Tag Kilometer um Kilometer durch den Wald am Ufer des Plauer Sees entlang. Mal in Richtung des Städtchens Plau, mal in Richtung Bad Stuer. Das ist da, wo jetzt ein Seniorenheim für Bären eingerichtet ist. Da die Kur ja auch einen gewissen Erfolg haben sollte, wurde nicht gebummelt, sondern links – zwo – drei – vier, kräftig marschiert. Das machte sich am besten mit einem zünftigen Liedchen auf den Lippen. Also dudelte ich das KSS-Lied vor mich hin, wieder und immer wieder, probierte verschiedenen Tonlagen aus und bemühte mich besonders um die Beherrschung der 7. Zeile. Ihr wisst schon, das ist die, wo es so hoch geht, zum Beispiel bei „Zwöö-hölf Salven donnern in die Nacht“. Da habe ich heute noch so meine Probleme. Trotzdem, als die Kur zu Ende war, hatte sich das KSS-Lied so eingeprägt, dass ich Text und Melodie wohl mein Leben lang nicht mehr vergessen werde. Sollte also einer der Leser mal eine Kur verpasst bekommen: Unbedingt das KSS-Lied mitnehmen!

Gelegentlich fragte auch einmal dieser oder jener unserer Kameraden nach, was denn aus dem Lied geworden sei. Ich konnte immer nur mit den Schultern zucken. Aber ganz allmählich reifte der Entschluss, dass es endlich einmal eine richtig schöne Aufnahme geben müsse. Aber wie? Wir selbst hatten ja weder das stimmliche Potential noch ordentliche technische Möglichkeiten. Moment mal, war Christian nicht bei „Luv un Lee“? Ob da vielleicht was zu machen wäre? Christian machte mir Mut und versprach, meinen Wunsch den Verantwortlichen des Chores vorzutragen. Parallel dazu fragte ich vorsichtig bei unserem Schatzmeister nach, was das Budget für so eine Aktion denn so hergeben würde.

Ende November kam dann der erste Kontakt mit „Luv un Lee“ zustande. Nach kurzer Irrfahrt im Fischereihafen hatte ich den Probenraum gefunden und stieß auf einen – anders kann ich es nicht ausdrücken – lustig-lockeren, einfach sympathischen Haufen von Männern, die meisten so in meinem Alter. „Luv un Lee“ ist von der Rechtsform her ein eingetragener Verein. Der Vorsitzende, Klaus Fabian; machte ebenfalls einen ganz umgänglichen Eindruck. Schnell wurde ein Preis ausgehandelt, mit dem wir beide leben konnten. Klaus machte gleich darauf aufmerksam, dass im Dezember wegen der vielen Auftritte in der Vorweihnachtszeit keine Möglichkeit mehr sei, das KSS-Lied einzuüben. Das könnte dann erst ab Anfang Januar passieren. Na, dachte ich bei mir, hoffentlich kriegen die das bis zu unserer Mitgliederversammlung noch in den Griff. An den zweiten entscheidenden Mann, den musikalischen Leiter des Chores, Dr. Hans-Jürgen Papenfuß, war an diesem Abend kein Herankommen. Etwas gestresst blätterte er pausenlos in einem Wust loser Blätter herum und machte daraus kleine Häufchen, die er immer wieder umsortierte. Unter seiner Leitung begann dann auch die Probe, nachdem jeder sein Häufchen Notenblätter erhalten hatte. Erst später verstand ich seine Anspannung: der eigentliche Chorleiter, Andre Trautmann, war nicht anwesend, und Dr. Papenfuß musste dessen Part mit übernehmen. Ich durfte bei der nun folgenden Probe zuhören, bei der vorrangig maritim geprägte Weihnachtslieder auf dem Programm standen. Es war nicht nur ein Ohrenschmaus, sondern für mich auch äußerst interessant, mal hinter die Kulissen eines solchen Chores schauen zu dürfen.

Am 4. Januar fand die erste Probe des KSS-Liedes statt. Jetzt lernte ich auch Andre Trautmann kennen. Er ist am Volkstheater beschäftigt und war Mitglied des Erich-Weinert-Ensembles der NVA gewesen. War letzteres nicht ein gutes Omen für unser KSS-Lied? Zuerst einmal begannen allerlei Stimmübungen. Mit „wonne-wonne-wonne-wonne-won“ und „wo-ho-ho-ho-ho-lig“ durchsang man verschiedene Stimmlagen und kletterte die Tonleiter hoch und runter. Manches klang für den Laien recht lustig, vor allem die Konsonantenübung p-t-k, p-t-k….. erinnerte irgendwie an die Geräusche einer alten Dampflokomotive, die auf dem Bahnhof auf das Abfahrtssignal wartet. Dann sollte es endlich losgehen. Ich hatte gebeten, etwas zum Text sagen zu dürfen. Ein Lied singt sich vielleicht leichter, wenn man weiß, worüber und was man da singt. Bei diesem Vortrag passierte eine kleine Panne. Ich wollte mich ja so kurz wie möglich fassen. In der Annahme, dass jeder schon den Text vor sich hat, verzichtete ich auf einen flüssigen Vortrag. Ich bezog ich mich nur auf einzelne Passagen des Textes und machte bei Insiderbegriffen auf die jeweilige Zeile aufmerksam. Ich merkte schnell, dass ich nicht so richtig ankam. Seltsam. Als der Chorleiter die Probe beginnen wollte, klärte sich alles auf. Die Masse war noch gar nicht im Besitz von Notenblatt und Text gewesen und konnte mir deshalb nicht so recht folgen. Interessant dann auch, wie so ein Lied entsteht. Ob es immer so gehandhabt wird, weiß ich nicht. Beim KSS-Lied lief es wie folgt ab: Zuerst wurde der komplette Text der ersten Strophe vorgesprochen (meine Aufgabe), vermutlich wegen Betonung oder so. Als nächstes hörte sich der Chor die komplette Melodie an. Das Keyboard startete, Gitarre und Schifferklavier fielen ein. Anschließend wurde Zeile für Zeile musikalisch geübt, bis schließlich die Strophe geschlossen gesungen werden konnte. Der erste Gesang – Männer von „Luv un Lee“, verzeiht mir – das war ja ein Trauermarsch. Wir haben zwar früher immer scherzhaft behauptet, Marine, Luft und Feuerwehr gehören nicht zum Militär, aber das KSS-Lied, das sollte schon ein schmissiges Soldaten- und Marschlied werden. Die Männer trugen aber keine Schuld. Auf dem Notenblatt hatte sich hinter den letzten Ton jeder Zeile ein Pünktchen verirrt und deshalb musste der Ton lang ausgesungen werden. Dass das so nicht geht, hatte Andre Trautmann gleich erfasst. Ein paar kleine Veränderungen an den Noten und schon klang das Lied ganz passabel. In der gleichen Art und Weise wurde dann die zweite Strophe angegangen. Schade, dass ich vorzeitig von der Probe flüchten musste. Aber der Vorstand unserer Kameradschaft hatte leider für den gleichen Tag ebenfalls eine Beratung angesetzt.

Ernst wurde es dann am 11. Januar. An diesem Tag sollte gleich nach Abschluss der letzten Probe das Lied aufgenommen werden. Der Raum hatte sich völlig verändert. Mehrere Mikrofone standen vor drei Sitzreihen für den Chor. Kabel schlängelten sich durch den Raum, verbanden die etwas antiquierte Aufnahmetechnik und lieferten den Strom. Alles endete im Vorraum, wo Christian an einem Mischpult diverse Hebelchen hin und her schob, in der Hoffnung, dadurch vielleicht ein optimales Klangerlebnis auf eine Tonkassette zu locken. Nach dem schon geschilderten „Wonne“, „wohlig“ und „p-t-k“ wurde das Lied geübt, geübt und geübt. Dann der erste Aufnahmeversuch. Die Technik wurde zugeschalten. Sofort hing ein tiefes, lautes Brummen im Raum, was eine hektische Störungssuche auslöste. Als möglicher Verursacher der Rückkopplung geriet sogar der völlig unschuldige Kühlschrank in Verdacht und wurde probeweise abgeschaltet. Der Gittarist rettete den Abend. Er steckte einfach mal einen Stecker in eine andere Steckdose und stellte so ganz zufällig – oder war es gar Können? - Phasengleichheit her. Dafür durfte er ab sofort den Ehrentitel „Hausmeister“ führen. Das Brummen war jedenfalls verstummt und die Aufnahmen konnten beginnen. Mitgezählt habe ich nicht, aber es waren einige. Zuerst stimmte die Lautstärke zwischen Chor und Musik nicht. Die Mikrofone wurden umgestellt. Die Sitzreihen lösten sich zu Grüppchen um jedes Mikrofon auf. Der nächste Gesangsversuch war Klasse – kam aber leider nicht auf der Kassette an. Ein weiterer gelungener Versuch entpuppte sich erst beim Abspielen als Niete – ein Handygeräusch hatte die Aufnahme versaut. Einigen Chormitgliedern schlug das schlechte Gewissen. Sie stürzten zu ihrer Garderobe und schalteten die Handys ab. Weitere Versuche folgten und fielen durch. Erste Anzeichen von Resignation zeigten sich. Sogar von Verschiebung der Aufnahmen auf einen anderen Tag war die Rede. Also einfach war es an diesem Abend für die Männer von „Luv un Lee“ wirklich nicht. Ein letzter verzweifelter Versuch – und das Lied war im Kasten. Allen fiel ein Stein vom Herzen. Mir auch.

Am Folgetag erhielt das KSS-Lied noch einen kleinen Ansagetext und dann drückte mir Christian drei CD’s mit dem fertigen Lied in die Hand. Der schwierigste Teil war gemeistert, der Rest nur noch ein Kinderspiel. Manne Köhler kombinierte das KSS-Lied mit dem sechsten Teil unserer Broschüre auf einer einzigen CD und für die Liebhaber der Druckvariante der KSS-Reihe wurden einige CD’s nur mit dem Lied bereitgehalten. Wenn man schon keinen Computer zu Hause hat, ein CD-Player findet sich bestimmt. Und so konnte das KSS-Lied zum Kameradschaftsabend am 20. Januar 2007 – zwei Jahre nach seiner Uraufführung – seine fröhliche und bejubelte Wiederauferstehung feiern. Damit es nicht wieder stirbt, sollte man es sich ab und zu ruhig anhören. Und leidet jemand wirklich mal unter Strapazen und Stress – dann einfach nur singen. Es hilft bestimmt, das Lied von KSS.

— Hans Steike

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