Geschwaderstimmung
Hans Steike, damals Chef der KSS-Brigade und Stellvertreter des Stabschefs, berichtet über das 6. Gemeinsame Geschwader der Verbündeten Ostseeflotten 1985 unter polnischer Führung: Vorbereitung und Hafenausbildung in Gdynia, die Fahrt durch Nordsee bis zu den Shetlands und Faröern mit U-Jagd-, Artillerie- und Luftzielschießen sowie den Wettbewerb um die Geschwaderpokale, bei dem die „Rostock“ den Artilleriepokal gewann. Abschließend blickt er auf seine späteren Geschwaderteilnahmen 1987 und 1990 zurück.
Turnusmäßig war im Jahr 1985 die polnische Seekriegsflotte (PSKF) mit der Planung und Durchführung des 6. Gemeinsamen Geschwaders der Verbündeten Ostseeflotten beauftragt. Mitte April begann die engere Vorbereitungsphase in Gdynia, an der auch kleine operative Gruppen der Baltischen Flotte (BF) und der Volksmarine (VM) teilnahmen. Wiedersehens-Freude bei der Begrüßung, denn wir kannten uns fast alle bereits von früheren Geschwadern. Besonders unter den wiederholt als Stabschefs des Verbandes oder als deren Stellvertreter eingesetzten Offizieren hatten sich die anfangs rein dienstlichen zu herzlich freundschaftlichen Beziehungen gewandelt. Mit Jan Sulek und Eugeniusz Mleczak von der PSKF oder Gaidis Seibots und Wassilij („Wassja“) Podeneshny von der BF hatte ich oft genug die Kammer geteilt und viele Stunden gemeinsame Seewache geschoben.
Nachdem uns Kapitän Gruchala, früherer Kommandant des Zerstörers „Warszawa“, jetzt Chef der Flottille in Gdynia und als Geschwaderchef vorgesehen, in Marschroute und Grobablauf eingewiesen hatte, ging es ans Detail. Episodenpläne waren zu erarbeiten, Formations- und Abwehrschemata zu bestimmen, Nachrichtenverbindungen festzulegen, Sicherstellungsmaßnahmen mit den nationalen Flotten abzustimmen, Luftdeckung für die Handlungen in der Ostsee zu organisieren, Ausbildungspläne für Seminare, Gruppenübungen und Kabinettsausbildung anzufertigen und, und, und. Bewährtes aus früheren Geschwadern wurde übernommen. Nicht immer ging es ganz friedlich zu. Besonders wenn Schwachstellen erkannt waren, konnte es schon zum heftigen Meinungsstreit kommen, bis sich die beste Lösung am Schluß durchsetzte. War diese erst gefunden, war auch aller Streit vergessen. Da uns die gewohnten Arbeiten gut von der Hand gingen, konnten wir uns auch die eine oder andere gemeinsame Freizeitmaßnahme leisten: Einladungen von den Familien unserer polnischen Gastgeber, Exkursionen in die nähere Umgebung von Gdynia am Sonntag, ein abendlicher Plausch bei einem Gläschen Wodka oder Kognak. Anfang Mai ging es mit dem ruhigen Gewissen nach Hause, daß das Vereinte Geschwader von der PSKF organisatorisch gut vorbereitet ist.
Am 24. Mai war ich bereits wieder in Gdynia eingetroffen und hatte in meiner Funktion als Stellvertreter des Stabschefs des Geschwaders auf dem Zerstörer „Warszawa“ eine Kammer bezogen. Seit dem ersten Geschwader 1980 hatte sich in der Führungsorganisation bewährt, dem SC je einen Stellvertreter aus der BF, PSKF und VM zu unterstellen. In See teilten sich im Zwei-Wachsystem der Chef und sein Stabschef die Führung des Verbandes. Dabei wurden sie in ihrer Wache durch einen der Stellvertreter des Stabschefs, die sich ein weniger anstrengendes Dreiwach-System leisten konnten, unterstützt. Ein kleiner Wermutstropfen für mich: Anstelle meines ursprünglich avisierten Freundes Wassja reiste von der BF ein mir unbekannter Fregattenkapitän an, der noch nicht über Geschwadererfahrung verfügte und überhaupt etwas verklemmt wirkte.
Am 27. Mai ab 10 Uhr liefen die beteiligten sowjetischen und deutschen Einheiten in Gdynia ein: zwei KSS Projekt 1235 („Bodry“, „Drushny“), die Tanker „Scheksna“ und „Jachroma“, das KSS „Rostock“, die KSS Projekt 133 „Lübz“ und „Bützow“, der Tanker „Usedom“ und der Versorger „Kühlung“. Im Stützpunkt lagen bereits die Einheiten der PSKF: der Zerstörer „Warszawa“ als Führerschiff sowie die Hilfsschiffe „Piast“ (Bergungsschiff) und „Hydrograf“ (Aufklärer). Die Kommandanten und Kapitäne erhielten die Geschwaderdokumente ausgehändigt. Nach dem Begrüßungsmeeting, zu dem die Besatzungen auf der Pier angetreten waren, ging es sofort an das Studium der übergebenen Dokumentation, denn planmäßig begann am 28. vormittags die gemeinsame Hafenausbildung.
Diese Ausbildung fand an den folgenden vier Tagen in Form von Einweisungen, Gruppenübungen mit und ohne Nachrichtenmitteln oder als Überprüfungen statt. Die Ausbildungsteilnehmer wechselten je nach Thema. Während der Geschwaderchef mit den Kommandanten der Kampfschiffe und den Kommandeuren des GA-II und GA-III die Episoden mit Waffeneinsatz durcharbeitete, beschäftigten sich die Kapitäne der Hilfsschiffe mit den geplanten Versorgungsvarianten. Für die Durcharbeitung des gemeinsamen Verbandsfahrens hatten sich die Kommandanten und Kapitäne mit ihren Navigationsoffizieren bzw. Steuermännern verstärkt, koppelten in einem großen Saal an provisorisch zusammengestellten Arbeitstischen die einzelnen Manöver auf der Karte aus und demonstrierten vor dem kritischen Geschwaderkommandeur mit Modellschiffchen peinlich genau jede ihre Handlungen. Parallel liefen Funkübungen der Nachrichtenabschnitte im KW- und UKW-Bereich. Besonderer Wert wurde auf die Beherrschung der Sicherheitsbestimmungen beim Waffeneinsatz gelegt. Insgesamt schlugen sich auch die Kommandanten der erstmalig am Geschwader teilnehmenden KSS 133 in allen diesen Runden achtbar.
Da die zentralen Ausbildungsmaßnahmen vorrangig den Kommandeursbestand und die Nachrichtenabschnitte betrafen, blieb den Besatzungen neben Ausbildung an Bord und Wartung etwas Zeit für gegenseitige Schiffsbesichtigungen und organisierte Exkursionen in die Stadt.
An einem ausbildungsfreien Abend blies „Jurek“ (Jerczy Wojczyk, Kommandant der „Warszawa“) zum inoffiziellen Sammeln. Eingeladen waren alle Kommandanten, alte Geschwaderhasen aus der Hilfschiffsabteilung sowie der Stabschef und seine Stellvertreter. Solche Abende als Ausgleich zum harten Ausbildungstag waren gute Tradition. Sie festigten alte Freundschaften und halfen den Neulingen - diesmal waren es die Kommandanten der „Lübz“ und „Bützow“ - Fuß zu fassen. Hatte man sich während der Ausbildung bereits vom fachlichen Können des anderen überzeugt, lernte man sich nun auch persönlich näher kennen. Erinnerungen, Neuigkeiten und kleine Geschenke wurden ausgetauscht. Alles Förmliche fiel ab. Je mehr das eine oder andere Gläschen die Sprachbarrieren lockerte, desto lustiger wurde es. Selbst Dietrich Widuckel, gestandener Kapitän des Volksmarine-Tankers „Usedom“ versuchte sich in Russisch. Das Wichtigste an solchen Treffen war wohl, daß sie mithalfen, Vertrauen zu schaffen, daß man sich menschlich näher kam und später – während der Handlungen in See - wußte, wer auf der Brücke des anderen Schiffes stand und daß auf ihn unbedingter Verlaß war.
Am 1. Juni früh ab 06.30 Uhr beginnt das Auslaufen der Einheiten hinter Räumgeleit und an den Flanken gesichert durch polnische U-Jäger. Eines der bundesdeutschen Aufklärungsschiffe erwartet uns bereits an der Grenze der polnischen Territorialgewässer. Kapitän Gruchala verbirgt seine nervöse Anspannung auf der Brücke hinter fast preußisch wirkendem militärischem Auftreten, denn das im Hafen theoretisch durchgearbeitete muß nun in der seemännischen Praxis bestätigt werden. Verbandsfahren der Kampf- und Hilfsschiffe, Geleitsicherungsformationen, Training der Versorgung mit den Hilfsschiffen in Fahrt und vor Anker, die Organisation der Beobachtung und Abwehr im Verband, Befehls und Meldesprache – alles kommt auf den Prüfstand. Polnische MIGs decken den Luftraum über dem Geschwader und greifen die „gegnerischen“ Jagdbomber der Zieldarstellung an. Gelingt denen der Durchbruch, befiehlt der Geschwaderkommandeur den imitierten zentralisierten oder – bei Angriffen aus mehreren Richtungen gleichzeitig – den dezentralisierten Einsatz der eigenen Bewaffnung. Gründliche Vorbereitung und intensive Hafenausbildung zahlen sich aus. Es gibt keine ernsthafte Panne.
Während bereits am Vorabend die Hilfsschiffe in Richtung Großer Belt abgelaufen sind, üben die Kampfschiffe am 3. Juni im Tauchgebiet 054 südlich von Bornholm das Entfalten von der Marsch- in die Suchformation und die U-Boots-Kontrollsuche. Mit einem polnischen U-Boot wird das Auffassen und Halten des Kontaktes, die Kontaktübergabe zwischen den Schiffen und der Einsatz der UAW-Bewaffnung trainiert. Die hydroakustischen Bedingungen sind mies. Die sich erwärmende Ostsee hat Sprungschichten gebildet. Trotz der Erfahrungen ihres Kommandanten, Fregattenkapitän Günter Senf, hat die „Rostock“ schlechte Karten. Dem polnischen Zerstörer geht es nicht besser. Beide Schiffe verfügen über keine absenkbare Hydroanlage, die sich unter die Sprungschicht fahren ließe. Die beiden sowjetischen KSS nutzen ihren Vorteil. Im Gegensatz zu den beiden KSS Pr. 133 die dazu auf Stopp gehen müssen, können sie ihre absenkbaren Anlagen auch in Fahrt einsetzen. Alle ihre Übungswasserbomben werden vom U-Boot als Treffer registriert. Die „Rostock“ geht leer aus. Wer den Ehrgeiz des Kommandanten kennt, weiß, wie Günter Senf jetzt zumute ist. Hatte sein Schiff doch bei der letzten Geschwaderteilnahme 1983 den Pokal für das bestes UAW-Schiff gewonnen.
Neben diesem Pokal wurde im Geschwader der Wettbewerb um das „Beste Kampfschiff“, den Artilleriepokal und um das „Beste Hilfsschiff“ geführt. Die tägliche Auswertung des Wettbewerbes zwischen den Kampfschiffen war Stabschef-Sache. Noch in lustiger abendlicher Hafenrunde hatte Jan Sulek vorgeschlagen, die „Warszawa“ für den Artillerietitel von vornherein zu „setzen“, da sie ja mit 130 mm über das größte Kaliber verfügte. Dieser Vorschlag fand auf deutscher und sowjetischer Seite keine Anerkennung. Spaß beiseite! Das Geschwader bewies, daß Wettbewerb tatsächlich leben konnte, wenn man ihn vor Überladung, Formalismus und hohlen Losungen bewahrte. Da brachte jeder genügend schlechte nationale Erfahrungen mit und das lehrte uns, nur solche Kriterien in die Bewertung einzubeziehen, die trotz unterschiedlicher Technik und Bewaffnung der Schiffe abrechen- und vergleichbar waren und die deshalb von den Besatzungen auch angenommen wurden. Beim jedem faktischen Artillerieschießen waren die Zeit bis zur ersten Salve, der störungsfreie Ablauf, die Anzahl der Treffer oder die Ablagen der Salven am Ziel eindeutig zu ermitteln. Einschläge weitab vom Ziel und Verstöße gegen Sicherheitsbestimmungen ließen sich schlecht kaschieren, wenn Geschwaderführung und „Konkurrenz“ das schießende Schiff mit Argusaugen beobachteten. Nach jeder Artillerieaufgabe wurde den Besatzungen das Zwischenergebnis bekannt gegeben und am Ende des Geschwaders ergab sich das beste Artillerieschiff. Das wurde 1985 übrigens das KSS „Rostock“.
Für das „Beste Schiff“ zählten alle Noten der Aufgaben des faktischen Waffeneinsatzes, die Bewertung jeder einzelnen Geschwaderepisode, die Handlungen bei der Aufgabenerfüllung als Wachschiff des Verbandes, das Ausführen von Manövern und das Halten der genauen Position in der Verbandsformation, die Schnelligkeit der Herstellung der Schlepp- bzw. Schlauchverbindungen bei Versorgungsaufgaben mit den Hilfsschiffen oder die Erfüllung besonderer Aufgaben, zum Beispiel von Aufklärungseinsätzen, die den Schiffen befohlen werden konnten. Da bediente man als Stellvertreter des Stabschefs während der vierstündigen Seewache das UKW-Verbandsnetz, übermittelte die Befehle des Chefs oder Stabschefs an die Schiffe, überwachte deren Ausführung, nahm Meldungen entgegen, kontrollierte in unregelmäßigen Abständen das Einhalten der zugewiesenen Positionen im Verband und machte sich gleichzeitig seine Notizen, was zur morgentlichen Lage auszuwerten sei – auch in Richtung Wettbewerb. Eine Schande war, wenn unter Bereitschaftsstufe 2 das diensthabende Wachschiff ein Luftziel unbemerkt zum Verband durchbrechen ließ. Nach einer solchen Schlappe gab es kaum noch eine Chance für den Pokal des besten Kampfschiffes. Der „Rostock“ blieb diese Schmach zwar erspart, am Ende reichte es trotzdem „nur“ für Platz 2.
Jede Nacht spreche ich auf einem extra geschaltenen, gedeckten Informationskanal die offiziellen Wertungen des Geschwaderchefs und meine eigenen Beobachtungen an den Führungspunkt unseres Brigadestabes durch, der von der Rostock aus die Volksmarineteilnehmer unterstützt. Von dort werden die Auswertungen an die Kommandanten weitergeleitet und diese informieren bei sich bietender Gelegenheit die Besatzungen. So und über Bordfunk oder Wandzeitung weiß jeder ziemlich genau, wo sein Schiff steht, welche Leistungen der Besatzung besondere Anerkennung fanden und was noch bemängelt werden mußte.
Nach Beendigung des UAW-Trainings passieren die Kampfschiffe am Abend des 4. Juni mit Westkurs das Bornholmsgat. Die „Lübz“ und die „Bützow“ laufen weit auseinandergezogen aber in sicherer UKW-Reichweite vor dem Verband Aufklärung. Vor dem Fehmarnbelt verabschieden sie sich. Sie werden erst am 16. Juni in der Mecklenburger Bucht wieder zu uns stoßen. Vor dem Großen Belt übernimmt eine dänische Fregatte unsere Begleitung. Am Abend des 5. Juni treffen wir auf der Versorgungsposition vor Skagen ein, wo uns die Hilfsschiffe bereits zur Treibstoffübergabe erwarten. Am 6. Juni läuft die Hilfsschiffsabteilung Richtung Shetlands ab. Weiter im Tagebuchstil:
07.06. 12.00 Uhr Ablaufen der Kampfschiffe und UAW-Kontrollsuche im Skagerak. Auf der Position, auf der im 2. Weltkrieg das polnische U-Boot „Orzel“ versenkt wurde, wird ein kleines Zeremoniell inszeniert. Die Schiffe nehmen engste Dwarslinie ein. Unter Abspielen der polnischen Nationalhymne wird der See ein Kranz zum Gedenken an die gefallenen Seeleute übergeben.
08.06. Marsch durch die Nordsee, U-Boot-Suche, Training verschiedener Abwehrformationen, imitierte Raketen- und Artillerieangriffe auf Bohrinseln. Da es Nacht ist und wir wenigstens 40 Kabel entfernt bleiben, dürften die Bohrinsel-Besatzungen nichts von unseren bösen Absichten mitbekommen haben. Irgendwann verabschiedet sich unser dänischer Begleiter und übergibt an eine englische Fregatte. Jan Sulek macht mich auf einen Brauch aufmerksam, der auf der „Warszawa“ gepflegt wird: Heute sei deren „wöchentlicher Vitamintag“. Was sich dahinter verbirgt, klärt sich bald auf. Knoblauchzehen werden verteilt. Ein unverwechselbare Duft durchzieht das ganze Schiff. Da ich mich rausgehalten habe, spüre ich das besonders intensiv. Am schlimmsten ist es in der engen Vier-Mann-Kammer. Ich muß an die frische Luft. Schlußfolgerung: nächstes mal auch zufassen, obwohl ich nicht gerade ein Freund so konzentrierten Knoblauchverzehrs bin.
09.06. 09.15 Uhr Überlaufen des Nullmeridians, kleine Taufzeremonie auf den Schiffen. Gegen 12.00 Uhr Ankern bei den Shetlands. Die Hilfsschiffe erwarten uns bereits. Versorgung mit Treibstoff und Trinkwasser.
10.06. Nach der Passage Orkneys/Shetlands Seezielschießen. Dazu bringt die „Rostock“ die „Elefanteneier“ aus. Das sind aufblasbare Winkelreflektoren, tonnenähnliche Gebilde, die senkrecht im Wasser stehen. Bei Seegang ist das Auffassen mit Funkmeß nicht einfach, da die Reflektoren mehr zur Täuschung der Luftaufklärung dienen sollen und deshalb nach oben hin weit besser reflektieren als nach der Seite. Nacheinander setzt jedes Schiff zuerst die Hauptkaliber, dann die Flakwaffen ein. Die englische Fregatte – über UKW vor dem Waffeneinsatz gewarnt - hält sich diszipliniert abseits. Eine Lehre aus dem Vorjahr, als ein westdeutsches Begleitschiff trotz Warnung in den schießenden Verband einlief und einige Treffer abbekam? Nach Beendigung des Schießens prescht der Engländer mit voller Fahrt auf die Reflektoren zu. Er wird sie doch nicht klauen wollen? Mit einem klugen Manöver zwingt ihn die „Rostock“ zum Ausweichen und ist vor ihm da.
11.06. Gegen 00.30 Uhr nordöstlich der Faröer Luftzielschießen. Dazu nehmen die Schiffe eine Kiellinie mit 2 Kbl Abstand ein. Auf Befehl des Geschwaderchefs stellt die „Rostock“ eine Fallschirmleuchtrakete FLG-5000 so neben den Verband, daß alle Schiffe gleichzeitig das Feuer eröffnen können. Feuererlaubnis sowie die Rakete aufleuchtet. Die „Rostock“ ist am schnellsten. Die Salve liegt deckend. Dann brüllen die 30mm-Gatlings der sowjetischen KSS los und stellen eine leuchtende Eisenstange in den Himmel. Am langsamsten reagiert das Führerschiff. Kapitän Gruchala blafft auf polnisch Jurek an. Der steckt es weg. Was soll er auch tun? Nach dem Schießen entfalten wir uns in Suchformation und greifen aus zwei Richtungen unsere Hilfsschiff-Abteilung an, die jetzt ein „gegnerisches Geleit“ mimen muß.
12.06. 18.00 Ankern vor den Shetlands, Versorgung. Der Kapitän der „Scheksna“ lädt die Geschwaderführung in die Sauna des Tankers ein. Eine Wohltat, nachdem wir in den letzten Tagen kaum aus den Klamotten gekommen sind. Jan Sulek ist sauer, denn der Geschwaderchef läßt seinen Stabschef zur Aufrechterhaltung der Führung auf der „Warszawa“ zurück.
13.06. Gemeinsame Überfahrt mit der Hilfsschiffs-Abteilung durch die Nordsee Richtung Ost, Geleitsicherung, operativer Zick-Zack zum Ausweichen vor U-Booten, Angriffe durch raketentragende Fernfliegerkräfte der sowjetischen Nordflotte, verschiedene Einlagen an die Kampfschiffe zur Überprüfung der Abwehrbereitschaft.
14.06. 20.00 Ankern vor Skagen. Der Engländer läuft ab. Zwei dänische Raketenschnellboote inspizieren den Verband. Die Motorbarkasse der „Warszawa“ fährt unsere Schiffe ab und sammelt Gefechtsskizzen, Lagekarten und die Auswertung der Artillerieaufgaben ein. Wir machen uns sofort an die Analyse.
15.06. Versorgung. Zu einer Zwischenauswertung werden die Kommandanten zur „Warszawa“ befohlen. Viel Kritisches ist nicht zu sagen. Im Gegensatz zum Geschwaderbeginn hat sich der Chef in den letzten Tagen sichtlich entspannt, kann sogar scherzen. Wieder Vitamintag! Diesmal greife ich mir auch ein paar Zehen. Ich weiß zwar nicht, wie ich dufte, aber der Knoblauchgeruch auf dem Schiff und in der Kammer erscheint mir weniger störend als am ersten Vitamintag.
16.06. 12.00 Großer Belt einlaufend. Bei ruhiger See passieren wir diese Meerenge und den Fehmarnbelt. Die Bundesmarine übernimmt wieder unsere Begleitung.
17.06. 08.00 Ankerposition vor Swinouscjie. Die „Bützow“ und die „Lübz“ sind nachts beim Passieren von Warnemünde wieder zu uns gestoßen. Die Abschlußübung soll ihnen nicht erspart bleiben.
18. u. 19.06. Für die Abschlußübung haben die Polen alle Register gezogen. Es scheint, sie haben ihre gesamte Flotte und alles, was fliegen kann, mobilisiert. In Kurzform rollen die bisherigen Episoden nochmals ab: Fahren hinter Räumgeleit, Angriffe von Raketen-und Torpedo-Schnellbooten, UAW-Kontrollsuche, Bekämpfung eines U-Bootes mit Übungswasserbomben, Versorgung in Fahrt, Abwehr von Jagdbombern und Kampfhubschraubern. Zum Abschluß Artillerieschießen auf Luftsack. Ein vorgesehener Übungsanflug wird gestrichen. Feuererlaubnis beim ersten Anflug. Mit einem Bilderbuch-Schießen der 30mm sichert sich die „Rostock“ endgültig den Artilleriepokal.
Am 20.06. ab 13.30 Uhr laufen alle Einheiten wieder in Gdynia ein. Die Kommandanten liefern die Gefechtsskizzen der Abschlußübung ab. Erst einmal Ruhe für die Besatzungen aber Arbeitsspitze für den Geschwaderstab: Auswertung der Abschlußübung, Komplettierung der Lagekarten und Erarbeitung der Meldung des Geschwaderkommandeurs. Endlich, früh gegen 03.00 ist Kapitän Gruchala mit dem Ergebnis zufrieden und entläßt uns.
Der 21.06. steht ganz im Zeichen der Auswertung. Der Geschwaderchef meldet dem Chef der PSKF in Anwesenheit führender Vertreter der BF, der VM und des Vereinten Oberkommandos Ablauf und Ergebnisse des Geschwaders. Die deutsche Seite erntet Kritik wegen Mängeln bei der Luftdeckung während der Handlungen in der Verantwortungszone der Volksmarine. Ein Problem, das wir aus der täglichen Praxis kennen. Solange die Schiffe unter der Deckung der Fla-Raketen-Abteilungen handeln, klappt die Organisation. Für die Anforderung von Luftdeckung durch Jagdflieger sind die Dienstwege immer noch zu lang und zu holprig.
Am 22.06. vormittags dann Abschlußmusterung mit den Besatzungen. Die Wettbewerbspokale werden den Kommandanten überreicht. „Bestes Kampfschiff“ und „Bestes UAW-Schiff“ hat sich die BF gesichert. Der Artilleriepokal fährt für ein Jahr nach Warnemünde. Jureks „Warszawa“ geht leer aus. Wer es noch nicht bei früheren Geschwadern erhalten hat, nimmt das Abzeichen für Große Fahrt der PSKF in Empfang nehmen. Nicht wenige Angehörige unserer KSS-Brigade tragen mittlerweile stolz alle drei dieser begehrten Fernfahrer-Abzeichen: das der BF, der PSKF und das der Volksmarine. Ein letzter Empfang durch den Geschwaderchef im Klubhaus der Flottille, sein Dank an alle Teilnehmer, einige wenige Toaste und dann heißt es Abschied nehmen von guten Freunden.
In diesem Moment ahne ich noch nicht, daß meine Zeit der regelmäßigen jährlichen Geschwaderteilnahme abgelaufen ist. Mit der Übergabe der Funktion des Chefs der KSS-Brigade an meinen Stabschef und Übernahme einer Funktion im Flottillenstab, bin ich im Folgejahr erst einmal nur Mitplaner der Geschwaderhandlungen im Verantwortungsbereich der 4. Flottille. 1987- die Volksmarine führt wieder – freue ich mich, daß man mich zum Stabschef des Geschwaders „reaktiviert“ und ich so einige der mir in guter Erinnerung gebliebene Kommandanten, Kapitäne und Stabsarbeiter aus allen drei Flotten wiedertreffe.
Mein letzter Geschwaderkontakt 1990 ist weniger erfreulich. Die Ereignisse in der DDR und das Verlegenheitsgeschwader, das seine Handlungen auf die Ostsee beschränkt, sind keine guten Vorzeichen für zukünftige gemeinsame Handlungen. Als Verbindungsoffizier für den Kommandeur der nationalen Gruppe der BF muß ich an Bord eines sowjetischen KSS erleben, wie Abrüstungsminister Eppelmann ausgerechnet während der Abschlußübung in der Arkonasee nacheinander die Einheiten mit einem nicht angekündigten Besuch schockt. Wer hat ihm das bloß eingeblasen? Großreinschiff, Messingputz, Ehrengruppe, Seite pfeifen, Aktentaschenträger um den Minister, die Kommandanten als Bärenführer – mit einer Abschlußübung und dem alten Geschwadergeist hatte das alles schon nichts mehr zu tun.
— Hans Steike
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