Zum Inhalt springen
Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Amüsantes

Wie ein KSS zum Fischdampfer wurde

Während einer Navigationsbelehrungsfahrt der „Friedrich Engels“ in die Nordsee ankert das Schiff in der Jammerbucht vor Skagen. Der angelnde Verpflegungsmeister zieht zur Verblüffung der Besatzung Dorsch um Dorsch an Bord, worauf die ganze Freiwache mit improvisierten Angeln fischt – beim zweiten Stopp auf der Rückreise beißt allerdings kein einziger Fisch mehr.

Die Küstenschutzschiffe der ersten Generation waren vielfältig einsetzbar und so konzipiert, dass sie die verschiedensten Aufgaben auch unter komplizierten Bedingungen erfüllen konnten. Trotz dieser Vielfältigkeit gehörte Fische fangen mit Sicherheit nicht zum Aufgabenspektrum dieser Schiffe. Wie ein KSS trotzdem zum Fischdampfer wurde, soll hier kurz erzählt sein.

Die „Friedrich Engels“ hatte die Aufgabe zu einer Navigationsbelehrungsfahrt in die Nordsee zu laufen. Zur Versorgung und Heizölübernahme war ein Treffen mit dem Tanker westlich von Skagen in der Jammerbucht vorgesehen. Wir waren gut im Zeitplan und so ankerte das Schiff lange vor der geplanten Versorgung auf vorgegebener Position. Bis zum Längseitsgehen des Tankers verblieben mehrere Stunden. Die Sonne lachte und die Freiwache nutzte die wenigen Stunden der Freizeit, um sich an Oberdeck zu sonnen.

Unser Verpflegungsmeister - ein leidenschaftlicher Angler - hatte die glorreiche Idee diese Zeit zu nutzen, um die Fischgründe der Jammerbucht zu ergründen. Bereits die Vorbereitung der Angelgeräte geriet zu einem Spektakel mit viel Spott, Hohn und noch mehr guten Ratschlägen von Dutzenden selbsternannten Experten und sonstigen Fachleuten. Niemand konnte sich vorstellen, dass diese Aktion irgendwelche Ergebnisse bringen würde. Hochseeangeln war in der DDR unbekannt und wie sollte ein Angler, der sonst seine Würmer in Binnengewässern badete, hier in unbekannten Meeresgewässern Erfolg haben. Unbeeindruckt von all diesen Besserwissern richtete mit stoischer Ruhe unser oberster Verpflegungschef seine Gerätschaften. Das erste Eintauchen des Hakens in das klare Nordseewasser wurde mit ironischer Begeisterung verfolgt, an dämliche Bemerkungen mangelte es wahrlich nicht. Es dauerte nur Sekunden, bis die Lästermäuler verstummten. Die Pose hatte kaum die Wasseroberfläche erreicht, als sie blitzartig in die Tiefe verschwand. Ungläubig starrte unser Fourier auf das Wasser, dann erwachte der Angler in ihm und zur Verwunderung aller zappelte Augenblicke später ein beachtlicher Dorsch auf dem Oberdeck.

Man konnte denken, dass Volksmarine-Matrosen noch nie einen Fisch gesehen hatten. Alle Freiwächter strömten herbei und bestaunten dieses Prachtexemplar von einem Dorsch. Kaum war die Angel wieder im Wasser, wiederholte sich der Erfolg. Ein noch größerer Fisch hatte angebissen und landete ebenfalls auf dem Oberdeck. Als sich die Anzahl der gefangenen Fische dem Dutzend näherte, kam Bewegung in die faulenzende Truppe der Freiwache. Die Jägermentalität, die ja in jedem Menschen schlummern soll, erwachte. Jedes brauchbare Stück Draht wurde zum Angelhaken gebogen und der sonst so geizige Smadding erbarmte sich und spendierte etliche Meter Leine. Man sollte es nicht glauben, aber auch mit diesen primitiven Gerätschaften ließen sich die Fische überlisten und lagen alsbald neben ihren Leidensgefährten auf dem Deck unseres Schiffes. Erst das Kommando „Schiff klarmachen zur Treibstoffübernahme“ beendete das illustre Treiben an Bord der „Friedrich Engels“.

Stunden später, der Fang war geschlachtet und der Kombüse übergeben worden, verließen wir die Jammerbucht und nahmen Kurs auf die norwegische Küste. Wenige Meilen vor Bergen gingen wir auf Westkurs und liefen entlang des 60. Breitengrades in Richtung Shetlandinseln. Das Wetter war ruhig, von der NATO war weit und breit nichts zu sehen und so drehten sich die Gespräche immer wieder um diesen sensationellen Fangerfolg vor der dänischen Küste. Besonderes Interesse rief die Tatsache hervor, dass auf der Rückreise wieder ein Versorgungsstopp in der Jammerbucht vorgesehen war. An diesem Stopp entzündeten sich nun die Fantasien. Neue Angelgeräte wurden konstruiert, die Köderfrage kontrovers diskutiert, der wahrscheinliche Fang verteilt und die Kunstbegabten unter den Anglern planten bereits die Produktion von Ketten und Armbändern aus irgendwelchen festen Knorpeln, die sich im Dorschkopf befinden sollen.

Inzwischen hatte die „Friedrich Engels“ den Nullmeridian überquert und lief mit Südkurs entlang der schottischen Ostküste. Wir passierten Aberdeen und sahen Stunden später weit in der Ferne die Lichter von Edinburgh. Die Information, dass wir unseren Kurs geändert hatten, nun mit Ostkurs liefen und irgendwo weit hinter der Kimm Dänemark liegt, belebte die Fischfangvorbereitung merklich. Als am folgenden Tag endlich die Jammerbucht erreicht wurde und der Anker aus der Klüse rauschte, hatte das endlose Warten ein Ende. Die Jagd auf den Fisch konnte beginnen. Dutzende Angeln oder was man dafür hielt, sollten reichen Fang garantieren. Aber irgendwie musste sich die Aktion mangels Geheimhaltung unter den Fischen herumgesprochen haben. Als nach einer Stunde immer noch kein einziger Dorsch angebissen hatte, wurden die Gesichter der Enthusiasten immer länger. Enttäuschung und die Erkenntnis, dass es diesmal kein Fisch geben würde, machte sich breit. Die Nacht sank hernieder und noch immer standen einige Unentwegte auf den Seitengängen und machten sich gegenseitig Mut. Aber weder das Mutmachen, noch neue Köder und auch nicht das Verlängern oder Verkürzen der Angelleine lockte auch nur einen einzigen Fisch herbei. Die Jammerbucht war an diesem Tag eine einzige fischfreie Zone. Gerüchte, dass wir dies dem bbK (bitterbösen Klassenfeind) zu verdanken hatten, haben sich bis heute nicht bestätigt. So blieb es bei dem einen Mal, dass unser stolzes KSS zum Fischdampfer wurde und wir, unbesehen von Fangquoten, unseren Anteil an dem Reichtum des Meeres - Petri sei Dank - an Deck hieven konnten.

— Dieter Liebenau

Verwandte Beiträge

Nach oben