Zum Inhalt springen
Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Amüsantes

Gefährlicher Liegeplatz

Im Januar 1966 kollidiert das KSS „Karl Marx“ beim Auslaufen aus dem Pinnegraben im Warnemünder Seekanal mit einem Minol-Binnentanker, dessen Abdruck im Vorsteven dem Schiff den Spitznamen „Lachende Fregatte“ einbringt. Das Arbeitsfloß der Neptunwerft-Arbeiter, in der Mittagspause direkt unter den Außenbordsöffnungen der Toiletten vertäut, wird anschließend übel „verziert“.

Nach meinen Erinnerungen müsste es im Januar 1966 gewesen sein, als das KSS „Karl Marx“ mit einem Minol-Binnentanker kollidierte. Zum Glück gab es nur „Blechschaden“.

Das Schiff befand sich auslaufend im Pinnegraben, ein schmales, flaches Fahrwasser, das den Stützpunkt Warnemünde mit dem Seekanal, dem Hauptfahrwasser der Ansteuerung Rostock, verbindet. Der Ausguck meldete im Seekanal noch Höhe Übersee-Hafen ebenfalls auslaufend eine mit Schüttgut beladenen Schute und im Fahrwasser der Warnowwerft einen Minol-Tanker beim Ablegemanöver. Eigentlich keinerlei Gefahr für das KSS. Brummi, so der Spitzname des Kommandanten, ließ ein Kurz mit der Dampfpfeife geben, um anzuzeigen, daß er über Steuerbord in das Hauptfahrwasser eindreht. Das Manöver auf engstem Raum war nur mit Backsen, hier BB-Maschine voraus und Stb-Maschine zurück, zu schaffen.

Als die „Karl Marx“ gerade langsam andreht, läuft der kleine Tanker von der Werft aus unerwartet in das Hauptfahrwasser mit Kurs Überseehafen ein. Damit hat er urplötzlich Vorfahrt gegenüber dem KSS, das mit dem Vorschiff bereits schräg im Seekanal, mit dem Heck aber noch im Pinnegraben liegt. Was tun? Ein Zurück-Manöver geht nicht mehr, dann gerieten die Schrauben des KSS außerhalb des Pinnegrabens auf Grund. Bleibt als Lösung also nur, die Fahrt aus dem Schiff zu nehmen. Das gelingt aber nicht mehr. Das KSS erwischt den Tanker, der auch noch auszuweichen versucht, mit dem Vorsteven an dessen Bb-Seite. Die Bordwand des Tankers drückt sich etwa 1 ½ m über der Wasserlinie tief in den Bug des KSS ein. So ernst wie die Sache auch ist: Als man nach dem Festmachen den Schaden betrachten kann, sieht der Abdruck des Tankers im Vorsteven aus, wie ein weit geöffneter, herzlich lachender Mund. Das Schiff hat kurzzeitig seinen Spitznamen weg: „Lachende Fregatte“.

Wenige Tage später erscheinen Arbeiter der Neptunwerft, um den Reparaturumfang zu bestimmen. Sie haben ein großes Arbeitsfloß mitgebracht, um alle Messungen am Steven bequem ausführen zu können. In der Mittagspause vertäuen sie das Floß an der Pier, geschützt durch das Vorschiff des KSS. Daß dadurch genau über dem Floß mehrere Außenbords-Öffnungen im Schiffskörper liegen, findet kaum Beachtung.

Als die KSS des Projektes 50 entwickelt wurden, spielte Umweltschutz noch keine große Rolle. In der Volksmarine werden auf den KSS zwar Küchenabfälle in Mülltonnen gesammelt, für Abwasser aller Art und die asiatischen Hockklosetts gibt es aber keine Lösung. Alles wird direkt in Neptuns Reich entsorgt - auch im Stützpunkt! Ausgerechnet an jenem Tag gab es Nudeln. Zusammen mit dem Abwaschwasser lassen einige faule Backschafter auch die letzten Nudelreste in den Toiletten verschwinden. Diese sind gerade in der Mittagspause für ihren eigentlichen Zweck, das kleine oder große Geschäft, besonders stark frequentiert. Immerhin hatten die Schiffe rund 150 Mann Besatzung.

Als nach der Mittagspause die Werftarbeiter ihr Floß wieder benutzen wollen, fallen sie fast in Ohnmacht. Das Arbeitsmittel ist „verziert“ mit vielen braunen Häufchen unterschiedlichster Konsistenz, die zusätzlich mit Toilettenpapier, Nudelresten und Abwaschwasser garniert sind. Das Ganze sieht nicht nur unappetitlich aus, es duftet auch so. Logisch, daß sich der Meister lautstark beim Kommandanten beschwert. Aber wem soll der die Schuld geben? Die Werftarbeiter konnten nicht wissen, wozu die Außenbords-Öffnungen dienen. Die innerhalb des Schiffes handelnde Besatzung konnte aber auch nicht ahnen, daß das Werftfloß genau unter die Toiletten-Abflüsse verholt hatte. Mit Feuerlösch-Schläuchen reinigt die Besatzung erst einmal das Floß, während der Kommandant mit einigen Gläschen Klaren das Werftpersonal beruhigt. An den folgenden Arbeitstagen achteten die Werftarbeiter peinlich genau darauf, daß ihr Floß nicht noch einmal einen so gefährlichen Liegeplatz am KSS einnahm.

— Hans Steike

Verwandte Beiträge

Nach oben