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Amüsantes

Patenschaft im Härtetest

Von Hans SteikeKSS-Broschüre Teil 3Zeit: 1960er/1970er Jahre

Das KSS „Ernst Thälmann“ pflegte neben der Patenschaft mit dem Schwermaschinenbau-Kombinat in Magdeburg eine enge Verbindung zur LPG „Ernst Thälmann“ in Ziesendorf und Papendorf. Hans Steike schildert, wie der Kommandant den unbeliebten Härtetest als Vorwand nutzte, um mit über 100 Mann Besatzung einen Tag lang Steine von den LPG-Feldern zu sammeln, ein Kinderfest zu gestalten und mit den Bauern zu feiern – und kommentiert ironisch spätere Nachwende-Dokumentationen über die NVA.

Patenschaften dienten, im offiziellen Sprachgebrauch etwas hochtrabend formuliert, der „engen Verbindung zwischen NVA und Bevölkerung der DDR“. Im Grunde genommen erfüllten sie diese Aufgabe aber auch tatsächlich. Die KSS vom Projekt 50 hatten sehr renommierte Paten: Kombinate und Großbetriebe der DDR. So war das KSS „Ernst Thälmann“ zum Beispiel mit dem Schwermaschinenbau-Kombinat „Ernst Thälmann“ in Magdeburg liiert. Zu staatlichen Feiertagen wurden Delegationen ausgetauscht. Zum Jahreswechsel schickte der Patenbetrieb Päckchen und half beim Aufzeichnen der Gruß- und Wunschsendung des Bordfunk-Studios für die 50% der Besatzung, die Weihnachten oder Silvester nicht das Glück hatten, in Urlaub fahren zu können. Die FDJ-Organisationen hielten enge Verbindung und unterrichteten sich gegenseitig über Erfolge in Produktion bzw. Ausbildung. Nicht nur Maschinisten fanden nach ihrer Bordfahrzeit Arbeit im SKET, wie das Kombinat abgekürzt hieß.

Aber ehrlich gesagt: Vom Schiff aus betrachtet, fühlte man sich immer mehr als Nehmender denn Gebender. Schon die finanziellen Möglichkeiten waren zu unterschiedlich. Und die Entfernung zwischen Kombinat und KSS ließen nur gelegentliche und personell begrenzte gemeinsame Maßnahmen zu. Was wundert es, daß man von Bord aus, nach zusätzlichen, geeigneten Partnern in Stützpunktnähe Ausschau hielt. Die waren auch bald gefunden. In den Gemeinden Ziesendorf und Papendorf, im unmittelbaren Umfeld von Rostock gelegen, war eine LPG namens „Ernst Thälmann“ tätig. Verbindung wurde hergestellt. Man beschnupperte sich, fand sich gleich sympathisch und besiegelte das mit einem Patenschaftsvertrag.

In der Folgezeit zeigt sich, daß der Vertrag sein Papier wert ist. Man kann sich gleichberechtigt gegenseitig unter die Arme greifen. KSS unterstützt die LPG mit Personal beim Kindergarten- und Spielplatz-Bau, macht Ernteeinsätze und hilft der GST-Gruppe bei der vormilitärischen Ausbildung. Die Singegruppen proben gemeinsam. Interessierte Dorfbewohner erhalten Gelegenheit, das Patenschiff zu besichtigen. Die LPG ihrerseits revanchiert sich mit kleinen materiellen und finanziellen Zuwendungen bei Bordfesten oder der kulinarischen Gestaltung von Feiertagen. Sie übernimmt auch die meisten der für die Patenarbeit notwendigen Personentransporte. Für die Besatzung fallen immer einige Karten ab, wenn die LPG Kulturalarm hat und Theater-Veranstaltungen besucht.

Logisch, daß nach der Wende auch sofort die LPG’n zerschlagen werden mussten. Wo kommen wir denn da hin, wenn Bauern-Brigaden regelmäßig ins Theater gehen wollen. Ein befreiter Einzelbauer kümmert sich von früh bis spät nur um seinen Hof! Die Theaterzeit fällt schließlich gerade in die letzte Fütterung. Aber schweifen wir nicht ab.

Schon längere Zeit drängelte der LPG-Vorsitzende, ob man nicht mal ne’ Großaktion auf den Feldern starten könne. Die Äcker seien sehr steinig, was den Einsatz moderner Technik behindere. Man müsste von den Riesenflächen die Steine absammeln. Das LPG-Personal reiche dafür aber nicht aus. Es sei schon für die normalen landwirtschaftlichen Arbeiten voll ausgelastet. „Na, wie viel Leute könntest Du denn gebrauchen?“ fragt schließlich der Kommandant. Der Vorsitzende druckst herum: „Ich denke so an die … (kleine Pause) Hundert? Die hätten aber voll zu tun.“ Oha, 100 Leute sind kein Pappenstiel, selbst wenn das Schiff ca. 150 Mann Besatzung hat und jetzt turnusmäßig in der Werft liegt. Dieser Aktion würde der Stab nie zustimmen! „Das müssen wir wohl vergessen“, meint der Kommandant. Oder doch nicht? Härtetest – das wäre vielleicht eine Lösung!

Der jährlich zu absolvierende Härtetest war eine äußerst unbeliebte Maßnahme der Militärischen Körperertüchtigung, wie der Dienstsport in der NVA offiziell hieß. Nach einem 1000m-Lauf begannen 30 Minuten anstrengender Stationsbetrieb mit Hantelstrecken, Klimmziehen, Beugestütze am Barren, Liegestützen, Seilspringen, Kniebeugen und ähnlich unangenehmen Disziplinen. Das ganze in mehreren Durchgängen. Dann verschwitzt im Laufschritt zurück an Bord, Arbeitspäckchen und Stiefel anziehen, Stahlhelm auf, Schutzmaske umgehängt, Waffen empfangen und los ging es zu einem 10km-Gewaltmarsch, das letzte Stück unter Maske. Für die steingrauen NVA-Angehörigen mag das ja notwendig und sinnvoll sein. Aber für Matrosen!?

Vorsichtig aber eindringlich bereitet der Kommandant die Aktion bei seinen Vorgesetzten vor. Die Besatzung dürfe in der Werft nicht verweichlichen. Sport ist kaum möglich. Aber den Härtetest, den könnte man doch machen. Wenigstens den Ausmarsch! Dem ACH gefällt diese Initiative. Er gibt grünes Licht und stimmt zu, daß nur eine Sicherheitswache an Bord zu bleiben braucht, in der man die Kranken oder sonstige vom Marsch befreite konzentrieren kann.

Eines Tages geht es dann los. Die Werft-Wache staunt nicht schlecht, als früh noch vor fünf Uhr der Marschblock, bestehend aus drei Zügen, das Tor passiert. Es sind mehr geworden als 100 Mann. Die frühe Zeit ist gewählt, damit die Straßen aus Rostock heraus passiert sind, bevor der Arbeitsverkehr in der Stadt beginnt. Die Zugführer haben ein zügiges Marschtempo angeschlagen und noch vor 8 Uhr ist der Einsatzort Ziesendorf erreicht. Kurzes Frühstück. Der LPG-Vorsitzende übernimmt das Kommando. Arbeitstrupps werden eingeteilt, sitzen auf die bereitstehenden Traktor-Anhänger auf, fahren zu den Feldern und entfalten sich zur steinesammelnden Schützenkette. Einige Spezialisten bleiben im Dorf und unterstützen die LPG-Werkstatt bei kniffligen Reparaturarbeiten.

Eine kleine Gruppe der Besatzung hat in der Kiesgruppe Stellung bezogen und bereitet ein Kinderfest vor. Vormittags rückt der Kindergarten mit den ganz Lütten an. Bei Sackhüpfen, Eierlaufen, Rate-Runden und anderen lustigen Spielen bekommt jeder kleine Preise, auch die Verlierer. Nach Schulschluß kommen anfangs noch etwas zögernd die Älteren. Weitsprung, Hangeln, Klettern, Tauziehen! Bhaaa! Eine richtige Maschinenpistole! Wer seine Disziplinen absolviert hat, darf mit Platzpatronen schießen. Das lassen sich auch die Mädchen nicht nehmen. So viel Kinder kann Ziesendorf doch gar nicht haben. Vermutlich hat es sich schon im Nachbardorf herumgesprochen, daß in der Sandgrube etwas los ist.

Am Abend zieht der LPG-Vorsitzende Bilanz. Ein Großteil der Felder ist beräumt. Hätte es dafür eine Norm gegeben, sie wäre gefallen. Einige schon länger auf der Seele brennende Reparatur-Arbeiten an Landtechnik konnten endlich abgeschlossen werden. Die jüngeren und älteren Gören sind begeistert. Jetzt kann auch das Fest für die Großen beginnen. Zwei Schweine braten am Spieß. Um mehrere Lagerfeuer sitzen Bauern und Matrosen, Männlein und Weiblein zusammen, reden über Gott und die Welt. Bei einer Flasche Bier – auch von der LPG gespendet – machen mehr oder weniger deftige Scherze die Runde. Ursprünglich war der Rückmarsch zum Schiff zu Fuß geplant. Spontan entscheidet der LPG-Vorsitzende anders. Alles was sich irgendwie zum Personentransport eignet – LKW, Traktorenanhänger, Jeeps, PKW’s – wird mobilisiert. Fahrer, noch alkoholfrei, finden sich. Vor Mitternacht ist die Besatzung wieder vollzählig an Bord. Vorkommnisse hat es nicht gegeben. Es war wohl der einzige Härtetest, der je den ungeteilten Beifall aller Beteiligten erhielt.

An jene Patenschaft und jenen Tag mußte ich immer dann denken, wenn ich mir einige der im Fernsehen laufenden Nachwende-Dokumentationen über Charakter und Dienst in der NVA antat. Reiner Zufall, daß die ehemals uniformierten Zeitzeugen, die da zu Wort kamen, zu allen behandelten Fragen meist nur Negatives vorzubringen hatten? So wurde mir denn beigebracht, daß es ein gutes Verhältnis von Volk und Armee gar nicht gab, daß die NVA von der Bevölkerung der DDR nicht nur verachtet, nein, sogar zutiefst gehasst wurde.

Zuerst hatte ich ja noch gedacht, daß das herzliche Verhältnis zwischen Schiff und LPG, die beide den Namen Thälmanns trugen, in der ganzen NVA das aller-aller, wirklich aller-aller einzigste war, das vielleicht wirklich funktioniert hatte. Aber nein, tatsächlich haben die vom Regime geknechteten und von der Stasi pausenlos überwachten Bauern ihren tiefen Haß hinter gespielter Herzlichkeit, Schwein am Spieß und Bier verbergen müssen. Und den spontanen Rücktransport hatten sie nur organisiert, um uns schnell wieder los zu werden. Was waren wir KSS’ler damals doch einfältig!

— Hans Steike

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