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title: "Der Gefechtssanitäter"
autoren: ["Dieter Gaasenbeek"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 11"
projekte: ["50"]
schiffe: ["Friedrich Engels", "702"]
zeitraum: "1960–1963"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t11-der-gefechtssanitaeter"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Der Gefechtssanitäter

> Dieter Gaasenbeek berichtet von seiner Nebenfunktion als Gefechtssanitäter auf dem KSS 702 („Friedrich Engels“): der Erstversorgung eines Geschützführers mit zertrümmertem Finger während eines Schießens, dem Verhältnis zum Arzt in Dwasieden, einer Behandlung gegen „Sackratten“ mit unerwarteten Folgen, Abstrichen bei Geschlechtskrankheiten und der Präsentation eines stinkbesoffenen Matrosen vor der Besatzung.

Eigentlich war unser Schiff ausgerüstet für den Aufenthalt und das Wirken eines Arztes. Ich kann nicht sagen, warum ausgerechnet ich von unserem Schiff KSS 702 zu einem Gefechtssanitäter ausgebildet wurde. Diese Qualifikation ist eine spezifische Ausbildung für Angehörige der Marine, zusätzlich zu dem üblichen Wissensstand der Ersten Hilfe. Dazu besuchten wir, darunter auch Matrosen anderer Schiffe, die in Saßnitz im Hafen lagen, in Dwasieden einen Kurzlehrgang. Mit diesem Wissen ausgerüstet, hatte ich die Aufgabe, den Med.-Punkt an Bord zu besetzen. Dieser Med.-Punkt befand sich im Achterschiff in einer kleinen Kammer mit Geräteschapp (Abstellraum). Ausgerüstet mit medizinischen Geräten und einer Liege, war es auch ein Kleinod für einige ruhige Stunden für mich. Ganz selten war ein Arzt an Bord, so dass ich alle vielfältig anfallenden Versorgungen dieser Art selbst erledigen musste.

Eine der kompliziertesten Aufgaben hatte ich während eines Schießens auf hoher See mit den 100 mm Kanonen zu lösen. Bei diesem Schießen hatte sich ein Geschützführer unvorsichtig verhalten. Bei dem Rücklauf des Verschlusses klemmte er sich an der rechten Hand einen Finger ein. Dabei wurde das Mittelgelenk eines Fingers zertrümmert und eine große Fleischwunde verursacht. Hier waren ich und meine erworbenen Kenntnisse gefragt. Der Obermaat wurde in den Med.-Punkt gebracht. Ich stellte fest, dass er unter Schock stand, wovon er sich schnell unter meinem Brutkasten erholte. Schnelles Handeln ist in dieser Situation notwendig, und ich entschied mich, obwohl ich wusste, dass ich zu folgender Handlung überhaupt nicht berechtigt war, für die Verwendung des vorhandenen und nur vom Arzt zu verwendende Klammerbesteckes. Ich klammerte die Wunde mit drei Klammern zu und schiente den Finger. Dem Obermaat ging es durch diese Behandlung verhältnismäßig gut und wir konnten planmäßig am nächsten Morgen einlaufen. Mit einer Barkasse wurden wir, der Obermaat und ich, abgeholt und zum Med.-Stützpunkt nach Dwasieden gebracht. Der Doktor (Name ist mir entfallen) bestaunte meine medizinische Erstversorgung und übernahm den Patienten. Drei Tage Sonderurlaub durfte ich dafür verbuchen, die mir in meiner Heimat bei Muttern in Hildburghausen sehr gut getan hatten. Um das gute Verhältnis zu unserem Doktor nochmals zu unterstreichen, noch diese Beifügung: Einige Matrosen kamen zu mir und berichteten über unangenehme Beschwerden, die sie hätten, wenn sich ihre männliche Erregung ganz heftig bemerkbar machte. In solchen Fällen übergab ich sie der ärztlichen Behandlung unseres Doktors und er hatte offensichtlich die richtige Diagnose für derartige Fälle. Ich selbst hatte festgestellt, dass an meinem „Konfirmandengeschenk“ auch nicht alles so beschaffen war, wie es notwendig war. Meine Eltern hatten wohl in meinen frühen Kindesjahren nicht so recht darauf geachtet. Mein sehr gutes Vertrauensverhältnis zu diesem Arzt veranlasste mich, ihn damit zu konfrontieren. Alles klar, ein Termin im Krankenhaus „Strelasund“ wurde perfekt gemacht, und nach wenigen Wochen wurde ich von einer Schwester Bärbel begrüßt mit den Worten: “ Ach, da haben wir ja wieder ein Phimöschen“. Außerordentlich unangenehm die Behandlung und Nachsorge in einer solchen Angelegenheit, und das im Alter von gerade 19/20 Jahren.

Und noch eine kleine Geschichte aus meiner Aufgabe als Sanitäter: Es meldete sich ein Stoker (Maschinist) und klagte darüber, dass er ein heftiges Jucken im Bereich der Genitalien habe. Meine Untersuchung ergab eindeutig, dass dieser Patient „Matrosen am Mast“ hatte. Diese werden auch im etwas ordinären Sprachgebrauch als „Sackratten“ bezeichnet. Kein Problem, sagte ich und übergab ihm das für solche Fälle anzuwendende Wundermittel Teirex. Die Gebrauchsanleitung besagte, dass es sehr aggressiv sei und nach 30 Minuten gründlich abgewaschen werden muss. Der Teufel will es, dass wir beide diese Verordnungsvorschrift aus den Augen verloren hatten, weil unmittelbar nach dem Auftragen Gefechtsalarm ausgelöst wurde. Ich glaube, ich brauche keinem zu beschreiben, wie der arme Kerl nach zwei Stunden bei mir ankam. Eines hatte er nicht mehr - Sackratten, dafür aber eine schlimme Verätzung der betroffenen Haut. Auch das heilte die Zeit.

Oberleutnant L. (Funkoffizier) betrat den Med.-Punkt, um mir den Auftrag zu erteilen, bei dem Obermatrosen K. einen Abstrich zu machen, da die ernsthafte Vermutung bestand, dass er sich eine Geschlechtskrankheit an Land zugezogen hatte. Die „Gonokokken marschierten bereits im Exschritt“ auf seinem Koppelschloss. Auch das hatten wir gelernt, wie ein Abstrich sicher und steril zu erfolgen hat. Dieser K. kam mir einmal im Med.-Punkt mit einem Stuhl entgegen, den er vor sich herschob, um sich überhaupt fortbewegen zu können. So wie er verhielten sich übrigens mehrere Patienten. Ich erfuhr, dass es die verabreichten Spritzen bei derartigen Krankheiten waren, die schlimmste Beschwerden beim Gehen hervorriefen.

Folgendes sei nebenbei erwähnt: An einem Wochenendtag sah sich der Kommandanten veranlasst, die gesamte Besatzung nach achteraus zu befehlen. Grund dafür war, dass Matrose „ Jonny“ (Spitzname) Lehmann in den Morgenstunden auf den Bahngleisen der Fähranbindung Saßnitz - Trelleborg stinkbesoffen und reglos aufgefunden und durch eine Transportpolizeistreife an Bord gebracht wurde. Der Kommandant sah sich veranlasst, diesen scheinbar leblosen Körper auf der Schanz vor allen zu präsentieren, um eine Abschreckung gegen Alkohol für alle Besatzungsmitglieder zu erreichen. Die anschließende „Wiederbelebung“ war auch ein Fall für den Med.-Punkt.

— Dieter Gaasenbeek
