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Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Amüsantes

Nicht ganz ernsthafte Erinnerungen an das Leben an Bord (1)

Ulrich Mädel, LI auf KSS 1-61, erinnert sich mit Augenzwinkern an russisches Parfüm „Schipre“, die Dusch-Dienstorganisation mit Pumpengast, die Toilettenspülung mit Popospül-Effekt, die Dehnungsfuge des Projekts 50 sowie an Sputnik-Erbsen und einen Schnitzelklau im Herbst 1957.

Seemännische Körperpflege und –düfte auf KSS

Nach der Übernahme unseres Schiffes 1-61 Ende 1956 wurden auch einige Gewohnheiten der russischen Besatzung übernommen. So bekam ich vom 1. Wachingenieur Sergej eine Flasche russisches Parfümwässerchen der Marke „Schipre“ in 250-ml-Abfüllung geschenkt. Der Inhalt duftete sehr intensiv nach Veilchen. An Bord gab es dieses Körperduftmittel außerdem in den Nuancen Rose und Flieder. Nach dem Duschen wurde das Mittel als so eine Art Konservierung für alle Körperteile eingesetzt. Also, geizig wurde mit „Schipre“ nicht umgegangen. Dabei hatten die russischen Exkragenträger – und dazu gehörte sogar der Oberbootsmann, obwohl der ja eine Schirmmütze trug – ein Schnellverfahren entwickelt. So wurde kurz vor der Landgangsmusterung eine Ladung „Schipre“ als Schnellaufguss zwischen Genick und Exkragen entleert. Diese Düfte waren dann sehr intensiv, auf jeden Fall aber besser als der deutsche Bordmief in der Kombination Diesel, Schweiß, Farbaroma und Kombüsengeruch. Ich selbst habe „Schipre“ auch öfter genutzt. Auch 25 Km vom Hafen entfernt empfing mich meine mir frisch Angetraute mit den Worten: „Du riechst ja heute wieder süß wie ein Russe.“ Ich antwortete darauf in der Regel: „Ach, liebes Frauchen! Ich rieche ja nicht nur so, ich möchte ja auch süß zu Dir sein.“

Duschen an Bord

Im Offiziersdeck befand sich an Steuerbord-Seite auch eine Dusche. Wenn der russische Kommandant diese nutzen wollte, wurde stets ein Pumpengast vor der Dusche postiert. Ich dachte zunächst, das wäre ein besonderer Personenschutz für den obersten Mann an Bord, wenn er sein Adamskostüm trug. Dieser Pumpengast hatte aber nur die Aufgabe, bei Ausfall von Dampf oder Wasser blitzartig als Melder zu fungieren oder bei der Regulierung der etwas komplizierten Dampf-Wasser-Mischbatterie zu helfen. Der Gast genoss das Privileg, als einziger Matrose an Bord den nackten Achtersteven des Kommandanten zu kennen. Unser Kommandant „Kuddel“ Hollatz übernahm strikt diese russische Dusch-Dienstorganisation mit Pumpengast. Als LI gelang es mir später erfolgreich, durch ordentliche fachliche Unterweisung der Nutzer das Duschen für alle ohne einen solchen Posten zu organisieren. Schließlich gehörten diese ja zu meinem Maschinenabschnitt und hatten an Bord wirklich Wichtigeres zu tun.

Toilette mit Popospül-Effekt

Im Hafenbetrieb sorgten getrennte Einspeisung für Feuerlösch- und Trinkwasser mit jeweils 1 – 1,5 kp/cm2 Druck für einen normalen Ablauf an allen Abnahmestellen. So auch in den Sanitäranlagen, die das Spülwasser vom Feuerlösch-System erhielten. In See wurde dieses System mit einem konstanten Druck von 5 Kp/cm2 betrieben. Dieser erhöhte Druck hatte erheblichen Einfluss auf das Spülverhalten in den WC-Anlagen im Offiziers- und Meisterdeck. Die bequem mit Hebelwirkung zu bedienenden Spülventile lösten beim vollen Durchdrücken den totalen Spülvorgang inklusive Popowäsche aus. Das war dem Bordpersonal natürlich bekannt. Gäste erhielten zwar stets eine spezielle WC-Einweisung, vergaßen oder unterschätzten diese aber oft und erlebten dann äußerst peinliche Überraschungen. Bei der ersten Werftliegezeit wurden alle Schilder mit Bedieninstruktionen von Russisch auf Deutsch umgerüstet. Bei der Gelegenheit ließ ich auch eine zusätzliche Bedieninstruktion für die Toilettenspülung anfertigen. Ob es etwas genutzt hat?

Diese Spülprobleme hatten die Matrosen und Maate auf ihren WC-Anlagen nicht. Für sie war der Toilettentyp „Genua“ (manchmal fälschlicherweise auch „asiatisches Hockklosett“ genannt) mit Bodentrichter, Wasserspülung und zwei Handgriffen für die Hockhaltung installiert. Diese Abprotztechnologie war aus Italien übernommen und - weil berührungsfrei - außerordentlich hygienisch.

Das Geheimnis der Dehnungsfuge

Die KSS Projekt 50 verfügten mit einer Länge von 91,5 Metern und einer Breite von 10,2 Metern über einen gelungenen, schlanken Schiffskörper. Bei Volldeplacement berührte die Wasseroberfläche die Unterkante der weißen Wasserlinie. Das Schiff lag dann 3,5 Meter tief und verdrängte 1168 t Seewasser. Eben wegen dieser schneidigen Form hatte der Schiffskörper das Bestreben, sich bei Seegang charmant in Längsrichtung durchzubiegen. Die Schiffsbauer erlaubten diesen Vorgang durch die konstruktive Lösung einer Dehnungsfuge. Die unsrige verlief zwischen Brücke und Schornstein quer über das gesamte Bootsdeck. Sinn einer solchen Dehnungsfuge ist, dass bei maximalem Seegang die Biegebeanspruchung des Schiffskörpers nicht überschritten wird. Auf KSS war die Dehnungsfuge so gestaltet, dass mit Schiffstahlüberlappung und Gummidichtung die Fuge zwar wasserdicht war, bei jeder Auf- und Niederbewegung des Schiffskörpers das Hin- und Herwandern der Fugenkante aber beobachtet werden konnte. Hatten wir seegangsängstliche Besucher an Bord dann wurde diesen durch den Bootsmann die Dehnungsfuge gezeigt. Die Bewegung der Fugenkante löste stets Respekt vor der Widerstandsfähigkeit des Schiffskörpers aus. Manchmal wurde allerdings auch gefragt, ob der Schiffskörper an dieser Stelle nicht durchbrechen könnte. Aber dann schüttelte der Bootsmann nur eifrig den Kopf.

Bei Seegang 4 habe ich interessehalber selbst einmal die Bewegung der Dehnungsfuge nachgemessen und las 8 mm Streckung oder Fügung ab. Ja, unsere KSS hatten einen sehr sexy hübschen, schlanken, elastischen, biegsamen und dazu noch süß duftenden Schiffskörper. Kein Wunder, dass auch unsere Schiffe von ihren Besatzungen liebevoll mit weiblichen Artikeln wie „die 1-61“ oder „die Ernst Thälmann“ bezeichnet wurden.

Sputnik-Erbsen und Schnitzelklau

Dieser Beitrag wird den heute mit mir immer noch sehr eng verbundenen Maschinistenveteranen nicht ganz unbekannt sein. Es muss im Herbst 1957 gewesen sein. Wir führten zwischen Adlergrund und Bornholm mit einem sowjetischen U-Boot Übungen unter Einsatz aller Ortungsmittel durch. Zum Backen und Banken wurde vor Anker gegangen. Es war ein Dienstag und es gab einen „Halben Schlag“ (also Eintopf) – Erbsen. Wenig später war eine Politinformation über den ersten Sputnik im All angesetzt. Aber vor dieser Politmaßnahme spielten die Maschinisten im Heizerdeck schon Sputnik mit den nicht gar gekochten Erbsen. Es gab eine handfeste Essenverweigerung. Die vom Fourier in Stoffsäcken beschafften gelben Erbsen waren wohl mit dem in Sassnitz gebunkerten Trinkwasser und seinem hohen Härtegrad nicht fertig geworden. Die Erbsensuppe mutierte zur Sputnik-Suppe. Der Abnehmende der Essenprobe muss wohl bei der Verkostung, die der Freigabe voraus ging, bloß auf Weichteile wie Fleisch oder Speck gestoßen sein Nach meinen Erinnerungen wurde das Essen dann durch den Kommandanten gesperrt und die Kombüse schmieret eifrig „Gefechtsstullen“ für die gesamte Besatzung. Abends gab es dafür dann vollwertiges, warmes Essen.

Zwei Tage später war Donnerstag, der traditionelle „Seemannssonntag“. An solchen Tagen waren „Halbe Schläge“ ausgeschlossen. Die Smutjes bereiteten Schweineschnitzel mit Salzkartoffeln und gemischtem Gemüse vor. Noch vor der Essenausgabe machten sich drei Maschinisten, ausgerüstet mit einer verlängerten Bilgenzange, auf zum Bootsdeck. Zu einem der Smutjes hatten sie ein gespanntes Verhältnis, weil dieser zum Mittelwächter oftmals Suppe und Tee erst verspätet fertig hatte. In einem günstigen Augenblick zogen die Maschinisten durch das Skylight der Kombüse mit der Bilgenzange für jeden von sich ein Schnitzel aus den Pfannen. Der erste Zugriff fiel bei den vielen Schnitzeln auch gar nicht auf. Noch am ersten Schnitzel kauend, wurde ein zweiter Angriff eingeleitet. Den Smutje hatte man dabei fest unter Beobachtung. Doch wegen einer unkontrollierten Bewegung fiel die Bilgenzange mit hartem, metallischen Klang in die Schnitzelpfannen. Ein Smutje löste Kombüsenalarm aus und die Täter wurden gestellt. Sie erhielten an diesem Tage ihr Mittag ohne Schnitzel. Unser Kommandant, „Kudel“ Hollatz, fällte noch am Nachmittag ein gerechtes, seemännisches Urteil nebst einem militärischen Verweis und begleitete das mit den Worten: „Genossen Matrosen, Maate, Meister und Offiziere! Die Vorteilsnahme Einzelner bei auf engem Raum zusammen lebenden Seeleuten und bei der gleichen ausreichenden Zuteilung der Essensration an alle, gehört nicht zu den Grundeigenschaften eines echten Seemannes.“ Diesen Spruch habe ich nie vergessen. Bei meinen Gesprächen mit den Bestraften bemerkte ich, dass ihnen die Seemannskritik ihres Kommandanten weit mehr zu schaffen machte als die Verweise. Ja, unser „Alter“ konnte nicht nur sicher sein Schiff führen, er konnte auch so manchen seiner Unterstellten an der Seemannsehre kitzeln und so zum Nachdenken anregen.

— Ulrich Mädel

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