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title: "KSS gefährdet Devisenbeschaffung der DDR"
autoren: ["Karl-Heinz Kremkau", "Lothar Winter"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 9"
projekte: ["50"]
schiffe: ["Friedrich Engels", "Karl Marx"]
zeitraum: "1967"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t09-kss-gefaehrdet-devisenbeschaffung-der-ddr"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# KSS gefährdet Devisenbeschaffung der DDR

> Zwei Beiträge zum selben Vorfall während der Flottenübung „Taifun“ im August 1967: Ein dänischer Zigaretten- und Schnapsschmuggler wurde von der „Friedrich Engels“ und danach von der „Karl Marx“ gestoppt – und musste auf Anweisung der 6. Grenzbrigade Küste wieder laufen gelassen werden. Karl-Heinz Kremkau erzählt als Stabschef der KSS-Abteilung, Lothar Winter als Kommandant der „Karl Marx“.

> Anmerkung der Redaktion: Zu diesem schwerwiegenden Tatbestand gingen gleich zwei Beiträge ein. Der erste stammt von Karl-Heinz Kremkau, der den Vorfall als Stabschef vom KSS „Friedrich Engels“ aus erlebte. Den zweiten schickte uns Lothar Winter, der als Kommandant mit seinem KSS „Karl Marx“ ebenfalls an dieser Sache beteiligt war. Kleinere Widersprüche schulden sich der langen Zeit, die das Ereignis zurückliegt.

## Wie Ole Olsen ein Freund der Volksmarine wurde

*von Karl-Heinz Kremkau (mit freundlicher Genehmigung der 6. GBK)*

Bei der Flottenübung “Taifun” der Volksmarine im August 1967, ich war Stabschef der KSS- Abteilung, haben wir einmal einen dänischen Staatsbürger nördlich von Hiddensee „hopp” genommen. Der Signalmaat meldete zunächst ein Schnellboot, was sich aber nicht bestätigte. Es war ein Speed-Boot bester Bauart. Der kurze Mast mit Radarreflektor war abgenommen und wirksam verhüllt. Wenn ein Boot mit ziemlich Speed innerhalb der 3- Meilen-Zone seinen Kurs durch einen sich gerade formierenden militärischen Schiffsverband wählt, dann ist nicht Staunen sondern Handeln angesagt. Alles Mögliche wurde erwogen. Selbst ein Schiedsrichter des Kommandos der Volksmarine wurde vermutet. Also, irgendetwas musste hier faul sein! Was tun? Das Boot stoppen! Es wurde eine Sammelaufgabe gelöst und die entsprechenden Signale gesetzt. Dann haben wir noch eine Kohle drauf gelegt und absichtlich Dampf abgelassen, so dass der Bootsführer dachte, wir hätten eine zweite Stufe gezündet. Er legte - nach Aufforderung - am ausgebrachten Seefallreep an. Das hätte er gar nicht nötig gehabt, denn er lief glatt 20 Knoten mehr als wir. Weil aber gerade alle Teilnehmer des Manövers ihre Positionen einnahmen, hatte er vielleicht geschlussfolgert, dass das Gewese seinetwegen veranstaltet wurde. Hier kann man festhalten, dass durch gekonntes Säbelrasseln durchaus auch der gewünschte Effekt bei einem NATO-Partner erreicht werden kann, denn das Boot stellte sich als dänisches heraus.

Der Däne – nennen wir ihn Ole Olsen - kam vom Shoppen aus Stralsund. Er hatte sein Boot, ohne die Freibordmarke zu beachten, bis unter das Deck mit Brandy und Zigaretten voll gestopft. Er sagte, dass er diese Tour öfter mit Genehmigung der DDR-Behörden absolviere. Er betrachtete sich als Händler und Kaufmann, der mit der DDR ordentliche Geschäfte macht. Er verstehe nicht, dass wir ihn - dazu noch mit so einem großen Schiff stoppen - und ihn auch noch des Schmuggels bezichtigen. Die Schiffe der KSS-Abteilung hätten ihn durch ihre Größe und das perfekt kriegerische Aussehen eine gewisse Angst eingeflößt. Durch den Zeitverlust hätten wir ihm nun die heimliche Anlandung bei seinen Kumpanen in er Kögebucht verdorben. Ole Olsen zeigte seine Papiere und Rechnungen vor. Wir überzeugten uns, dass alle Warenarten bezahlt waren, die man als Ladung erkennen konnte. Eine Kontrolle des Devisenkurses war nicht möglich, da die Umrechnungstabellen nur in der Staatsbank in Rostock zur Einsicht vorlagen.

Es hatte sich gleich herausgestellt, dass Ole Olsen nicht „unsere” Fremdsprache sprach. Er sprach Dänisch und etwas Englisch. Noch nicht einmal “Denglisch” verstand er. Beim Schnelldurchlauf der Besatzungsliste stellten wir fest, dass Manfred Kretzschmar als der oberster Kontrolleur der Kurse der Volksmarine an Bord war. Fregattenkapitän Kretzschmar wurde um Hilfe gebeten und erschien kurze Zeit später am Ort des Geschehens auf dem Achterdeck. Er stellte aber fest, dass sein Wustrow-Englisch etwas anderes war, als das Englisch, welches die Queen, der Herzog von Edinburg, Robin Hood und auch Ole Olsen sprachen. Die Verständigung war dann ein Gemisch von Kehllauten und Aerobic der Teilnehmer einer Runde, in deren Mitte der Däne stand. Die größte Enttäuschung seines bisherigen Leben erlebte wohl der Abteilungs-PV. Er verstand nicht, dass die DDR diesen Schmuggel wollte und unterstützte. Für ihn brach wohl eine Welt zusammen.

Eigentlich ging uns das alles ja gar nichts an. Der Abteilungschef Hermann Strecker machte schließlich ein nachdenkliches Gesicht, zündete sich eine F6 an, wandte sich an mich und wies mich als Stabschef an: „Nimm die Sache mal in die Hand und kläre den Fall mit der Grenze!” Das mache ich im Handumdrehen – dachte ich und rief über UKW die Leitstelle der 6.GBK Dornbusch an. Verbindung mit dem OP-Dienst zu bekommen war so einfach nicht. Nach langen Erklärungen und Rücksprache mit dem OP-Dienst der Grenzbrigade wurde ich angewiesen, den Ole Olsen sofort freizugeben. Und dann kam noch die Frage, was uns einfällt, solch ehrbaren, dänischen Bürger einfach einzufangen und festzuhalten.

Der Abteilungs-PV schüttelte immer noch den Kopf und verstand die Welt immer noch nicht. Schließlich versahen wir als Offiziere der Volksmarine unseren Dienst streng nach den Regeln des DAB, des Internationalen Seerechts und weiterer Vorschriften. Die Kurse des Schalk-Golodkowski und seiner devisenbeschaffenden Firma „Kommerzielle Koordinierung“ wurden uns im Fach terrestrische Navigation nicht gelehrt und auch in der Gesellschaftswissenschaftlichen Weiterbildung vorenthalten. Heute könnte ich ihn aufklären, dass der Schmuggel eines der vielen Geschäfte der DDR war. Damals allerdings kannten wir weder Schalk-Golodkowski noch die Ko-Ko. Wäre auch egal gewesen, Befehl ist Befehl! Also, Miene des Bedauerns aufgesetzt, leichtes Schulter-Zucken, gute Fahrt gewünscht (das mit der Handbreit weggelassen) und als besonderen Service noch den Kurs zur Kögebucht übermittelt. So wurde Ole Olsen in die grenzenlose Freiheit entlassen. Er legte ab. Beide Volvo-Motoren sprangen an und schnell entschwand er unseren Blicken.

Kurze Zeit später meldete der Kommandant der „Karl Marx“, Lothar Winter, dass er noch einen Schmuggler gefangen hätte. Frage an Kommandant - welche Nationalität, und wie heißt der Mann? Er ist Däne, sein Name ist Ole Olsen und er wäre heute schon auf so einem Schiff gewesen. Dort hätte man ihn freundlich verabschiedet und ihm eine gute Fahrt nach Dänemark gewünscht. Ich befahl dem Kommandanten, den Mann sofort in Marsch zu setzen.

> Anmerkung der Redaktion: Hier greift die Redaktion mal ein. Karl-Heinz Kremkau schildert nämlich ausführlich, was danach auf der „Karl Marx“ geschah. Da lassen wir später doch lieber deren Kommandant zu Wort kommen.

Nach ein paar Minuten meldete sich der Kommandant mit folgender Hiobsbotschaft wieder: Ole will und kann heute nicht mehr nach Dänemark zurück. Er wolle nicht mehr selbst fahren, sondern abgeholt werden. Wer konnte ihn abholen? Ich rief wieder den OP-Dienst der 6.GBK an. Ich erklärte ihnen, dass wir in einer Übung sind und keine Aufgaben der 6.GBK übernehmen können und werden. Unverständnis über unsere Handlungsweise war die erste Reaktion. Tonart und Ausdrucksweise musste ich rügen und die Bemerkung, dass wir ihnen nicht unterstellt seien, auch noch loswerden. Schließlich wurde Ole Olsen dann doch von einem Boot der 6. GBK abgeholt.

Nach reichlichen Überlegungen, komme ich zu der Ansicht, dass dieser Vorfall dazu beigetragen hat, dass die DDR die Filme der “Olsenbande” eingekauft, im Kino gezeigt und im Fernsehen gesendet hat. Ab diesem Zeitpunkt waren alle KSS-Fahrer begeisterte Zuschauer dieser Serie. Es ist schade, dass die Folge “Die Olsenbande in Stralsund und auf KSS” wegen der späteren politischen Irrungen und Wirrungen in Europa nicht mehr abgedreht werden konnte.

— Karl-Heinz Kremkau

## Die Jagd auf einen Zigarettenschmuggler

*von Lothar Winter*

Karl-Heinz, das tut mir wirklich leid, aber ich muss sowohl Deiner so schön gesetzten Überschrift als auch Deiner Pointe mit den Olsen-Filmen einen argen Stoß versetzen. Der Mann hieß nämlich gar nicht Ole Olsen sondern Ole Hansen. Diesen Namen habe ich mir bis heute gemerkt.

Während der Formierung des Landungsverbandes lief die „Karl Marx“ auf einer befohlenen Linie Sicherung. Das Schiff lief mit kleiner Fahrtstufe, nur ein Kessel war unter Dampf. Der Ausguck war überall verstärkt worden, ansonsten war aber Bereitschaftsstufe II befohlen. Der Wind wehte aus NW mit Stärke von 5. Die Windsee betrug 3 – 4 nach der Petersenskala. Gegen Mittag wurde vom Ausguck ein aus dem Libben kommendes Motorboot gemeldet. Unsere Aufforderung zu stoppen wurde ignoriert, es setzte seinen Kurs mit relativ hoher Fahrtstufe fort. Der zweite Kessel wurde beschleunigt hochgefahren, dicke schwarze Rauchwolken quollen aus dem Schornstein. Nur so gelang es uns, der Motorjacht den Weg abzuschneiden. Bei glatter See wäre uns das sicher nicht gelungen. Die Motoryacht wurde jedoch durch die Wellenhöhe in ihrer Fahrt behindert. Durch Megaphon wurde sie aufgefordert längsseits zu kommen. Dies geschah dann auch.

Es war nur eine Person auf dem Boot. Vom WO in Empfang genommen, erschien diese dann ganz bleich vor Angst mit schlotternden Knien in der Messe. Was muss der wohl in dem Augenblick über uns gedacht haben. Er war dänischer Staatsbürger und hörte auf den schönen Namen Ole Hansen. Er hat mir erzählt, dass er in Stralsund im Intershop Zigaretten und Schnaps gekauft habe und auf dem Wege nach Dänemark sei. Einmal hätte man ihn schon kontrolliert. Genau so ein großes Schiff, wie dieses hier. Inzwischen hatte ich dem LI, Kpt.-Ltn. Prinz, befohlen, die Yacht unter die Lupe nehmen. Wenig später meldete der LI, dass etwa 240.000 Zigaretten und 8 Flaschen Cognac, alles westliche Produktion, an Bord vorgefunden wurden. Das Boot war bis oben voll gestapelt. Es war keine Seekarte und auch keine andere Ausrüstung an Bord. Die Ware sollte in der Køge Bugt (Bucht südlich Kopenhagen auf der Insel Sjælland) in der Dunkelheit angelandet werden. Nach Komplizen befragt gab er an, dass zwei ihn in der Bucht erwarten würden. Er hat mir dann auch den Truppenteil in dem er mal gedient hatte, seinen Wohnort usw. mitgeteilt. Seinen persönlichen Reingewinn von dieser Fahrt hat er mit geschätzt 30.000 dänischen Kronen angegeben.

Nach der Frage, wie er denn nur mit einem kleinen Magnetkompass und ohne Seekarte in Richtung DDR navigiert hätte, antwortete er: „Stevns Klint achteraus, Dornbusch voraus“. Er hatte keinerlei Erfahrung hinsichtlich Seefahrt und war sich des persönlichen Risikos gar nicht bewusst. Zwischenzeitlich wurde der Vorfall weiter gemeldet. Das Ergebnis war dann, wir sollten ihn laufen lassen. Wir haben ihn dann noch ordentlich verpflegt und nun wurde ihm so langsam klar, dass wir wohl doch nicht irgendwelche Untermenschen wären. Die Erleichterung war ihm anzumerken. Er fragte mich noch, ob ich den dänischen Zoll informieren würde, was ich verneinte. Dann habe ich ihm mitgeteilt, dass er seine Fahrt fortsetzen könne. Er benötigte aber Benzin und holte zur Bezahlung gleich seine Brieftasche vor. Eine Kontrolle auf der Yacht ergab, dass er mit dem Tankinhalt Dänemark wirklich nicht sicher erreichen konnte. Also haben wir wieder einen Spruch abgesetzt und über die neue Situation informiert. Antwort: Wir sollten auf Position bleiben. Die Yacht würde abgeholt werden. Das Landungsgeleit war dann schon ohne uns abgelaufen. Es wurde dunkel. Endlich erschien ein Fahrzeug der Grenze und nahm unseren Kunden in Schlepp. Wir eilten dem Geleit hinterher.

Der souveräne Staat DDR hatte keine Skrupel Schmuggelgeschäfte zuzulassen. Ole Hansen hatte, was mich sehr verwunderte, ja sogar noch die Quittungen vom Intershop Stralsund in seiner Brieftasche. Ein bisschen später habe ich dann erfahren, dass seit Jahren von Wismar, Rostock und Stralsund aus solche Fahrten nach Dänemark stattfanden. Vespasian: „Pecunia non olet!“ (Geld stinkt nicht). Erst nach der Anerkennung der DDR hörte das auf. Heute denke ich, dass wir Ole Hansen wenigstens zwei Flaschen von dem Cognak hätten ausspannen können. Haben wir nicht gemacht, wir waren halt zu anständig.

— Lothar Winter
