Weinverkostung
In der Zeit vor dem Alkoholverbot an Bord vertrieb sich die Besatzung eines KSS die Freizeit mit Bordkino, Musik und dem berüchtigten Getränk „kalte Pflaume“. Die Meistermesse setzte schließlich aus Reis, Hefe und Drogerie-Zubehör einen Wein an – mit einem Ergebnis, das die Verkoster für den Rest ihres Lebens auf Reiswein verzichten ließ.
Es war die hohe Zeit der KSS der ersten Generation. Die Einsatzbereitschaft der Schiffe stellte hohe Anforderungen an die Besatzungen. Urlaub und Landgang waren die Ausnahme. Überwiegend wurde auch die Freizeit an Bord verbracht. Fernsehgeräte gab es an Bord noch nicht. Eine der wenigen Abwechslungen war das Bordkino mit einer 16-mm-Anlage. Wenn nicht gerade „Sturm über Asien“ oder zum x-ten Mal „Lenin im Oktober“ gezeigt wurde, waren die Vorführungen stets gut besucht. Ein besonderer Höhepunkt war immer die Aufführung von Filmen aus dem westlichen Ausland. Insbesondere erinnere ich mich an den Film „Verliebt in Kopenhagen“ mit der jungen und sehr hübschen Sängerin Siw Malmkvist. Ich weiß nicht, wie oft dieser Streifen in der Offiziersmesse und in den Mannschaftsdecks lief, aber die Zahl 12 ist sicherlich nicht aus der Luft gegriffen. Unser unvergessener GA-III- Kommandeur Peter Dölling und ich trieben viel Aufwand, um die Musik von diesem Film auf Tonband zu kopieren, und es war uns nach getaner Arbeit eine große Genugtuung, unsere Besatzung während des sonnabendlichen Großreinschiffs mit den Schlagern aus diesem beliebten Film zu erfreuen. In der Fortsetzung dieser Aktion kam uns dann die größenwahnsinnige Idee, eine Operette zu komponieren. Das Handwerkzeug dazu in Form eines Klaviers stand in der Offiziersmesse bereit. Aber die Achtung vor all den guten und schlechten Komponisten dieser Welt zwingt mich, den Mantel des Schweigens über dieses Vorhaben zu decken.
Bei all diesen Aktivitäten - wie kann es bei der christlichen und weniger christlichen Seefahrt anders sein - spielte natürlich auch der Alkohol eine gewisse Rolle. Der berüchtigte Befehl 30, der den Alkoholkonsum auch an Bord verbot, existierte noch nicht und so wurde doch das eine oder andere Gläschen geleert. Berühmt und berüchtigt war dabei ein Gesöff, das unter dem Namen „kalte Pflaume“ in die Geschichte einging. Grundlage waren eingeweckte Pflaumen aus der Bordverpflegung, eigentlich als Kompott gedacht, die mit Primatsprit übergossen wurden. Dass sie dabei ihre Farbe verloren und ein weißschimmliges Aussehen annahmen, störte niemanden. Um die Mixtur trinkbar zu machen, wurde Wasser - nicht zu viel - hinzugefügt. Serviert wurde in der Regel in einem Rollmopsglas. Diese großen viereckigen Gläser standen in Massen an der Rampe des VEB Fischverarbeitung Saßnitz, wenige Meter vom Liegeplatz unseres Schiffes entfernt auf großen Paletten zur Verarbeitung bereit. Die Wirkung dieses Tropfens war beachtlich. Ich bin mir sicher, auch heute würde man diesem Getränk das Prädikat „light“ verweigern.
Nun war Primasprit an Bord nicht unbegrenzt vorhanden und jedermanns Geschmack war ja dieses „leicht“ alkoholhaltige Getränk mit den schrumpligen, farblosen Pflaumen auch nicht. Was lag näher, als die Getränkekarte zu ergänzen. Neidlos muss man anerkennen, dass die Grundidee dazu aus der Meistermesse kam. Ich möchte nicht ungerecht sein, aber ich denke, die treibende Kraft hier bei war unser Oberstückmeister D., der die Realisierung des Vorhabens entscheidend vorantrieb. Schnaps destillieren oder Bier brauen, kam mangels Erfahrungen und fehlender Ausrüstung nicht in Betracht. Wobei es für mich keinen Zweifel gibt, hätte man das „know how“ und die Ausgangsprodukte gehabt, die notwendige Ausrüstung wären im GA-V schon irgendwie zusammengelötet worden. Sei es wie es sei, die beiden beliebtesten Getränke waren somit außen vor. Was blieb, war der Wein. Nicht gerade das Lieblingsgetränk der Seemänner, aber in der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen. Frisches Obst stand in größeren Mengen kaum zur Verfügung, das schränkte die Möglichkeiten weiter ein. Nachdem alle Varianten mehrmals durchgespielt waren und man kaum noch mit einem positiven Ausgang rechnete, kam irgendjemand von den Meistern auf die kluge Idee, dass Reis auch Ausgangsprodukt für Wein sein kann.
Reis stand im Prinzip an Bord unbegrenzt zur Verfügung, alles Weitere war in der Drogerie in der Sassnitzer Hafenstraße mühelos und kostengünstig zu beschaffen. So wurden kurzfristig Ballon, Gäraufsatz und Hefe besorgt und der Sud angesetzt. Wie es die Meisterei schaffte, die optimale Gärungstemperatur, sie liegt so zwischen 18°C und 25°C, zu halten, ist mir bis heute schleierhaft. Wer auf KSS gefahren ist, weiß, dass die Temperatur unter Deck erheblich schwankte und die ganze Skala von sehr, sehr warm bis äußerst frisch abdeckte. Hinzu kamen auf See beachtliche mechanische Schwingungen, die die ganze gärige Brühe durcheinander schüttelten. Um zu verhindern, dass der Ballon auf See rutschte und zerschellte, wurde er vom Oberbootsmann fachmännisch verzurrt. Obwohl die Meister bemüht waren, ihre Aktion geheim zu halten, hatte man in der O-Messe beizeiten Kenntnis von diesem abenteuerlichen Vorhaben.
Die Meinungen dazu waren recht differenziert. Einige Offiziere wollten dem Beispiel folgen und selbst aktiv werden, die überwiegende Mehrheit plädierte für Abwarten. Niemand von den Offizieren hatte bisher in seinem Leben Wein selbst gemacht. Der Ausgang des Experimentes in der Meistermesse war ungewiss. Also blieb es erst einmal beim aktiven Abwarten, d.h., mehr oder weniger regelmäßig kontrollierte man möglichst unauffällig den Fortschritt des Gärprozesses. Mit jedem Tag wurden die Kontrollergebnisse optimistischer, das Experiment „Wein“ näherte sich rasch einem positiven Ende. Mitten hinein in die freudigen Erwartung platzte unser FDJ-Sekretär mit einer Nachricht aus der „Jungen Welt“. Dort wurde in einer winzigen Mitteilung berichtet, dass im fernsten Sibirien mehrere Menschen nach dem Genuss von selbstgebranntem Alkohol verstorben und andere blind geworden waren. Diese kurze Information bestärkte zweifellos die Fraktion der Zweifler, die schon immer wussten, dass das alles kein gutes Ende finden würde.
Trotz verstärkter Aufklärung wurde das Abziehen des Weines in der Offiziersmesse mit Verspätung registriert. Wir waren uns sicher, dass das Abziehen nicht ohne Verkostung des Getränks vor sich gegangen war. Da zur nächsten Morgenmusterung auf dem Achterdeck niemand fehlte und alle Meister sich sicher an Oberdeck bewegten, war klar, dass das Gesöff zumindest die Gesundheit nicht vordergründig schädigte. Über Geschmack und Wirkung des Weines hatten wir jedoch keine Erkenntnisse. Also wurde das Ergebnis so lange lautstark angezweifelt, bis die Meisterei, um ihre Ehre zu retten, nicht umhin kam, mehrere Offiziere zu einem winzigen Schluck einzuladen. Wie diese Brühe schmeckte, weiß ich heute nicht mehr. In Erinnerung ist geblieben, dass nach einigen Stunden in gemütlicher Runde der Ballon leer und wir alle recht lustig waren. Das Erwachen am nächsten Morgen brachte die Erkenntnis, dass Reiswein und Frühsport nicht miteinander harmonieren und auch die Tapfersten schworen, für den Rest ihres Lebens auf den Genuss von Reiswein zu verzichten. Ich habe mich bis heute daran gehalten.
— Dieter Liebenau
Verwandte Beiträge
- Dieter LiebenauTeil 7
- Dieter LiebenauTeil 11
- Dieter LiebenauTeil 9
- Lothar KolditzTeil 2
- Hans SteikeTeil 3
- Dieter Sperling, Siegfried PrinzTeil 4
