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title: "Die Chance der Stellvertreter"
autoren: ["Klaus Martin"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 6"
projekte: ["1159"]
schiffe: ["Rostock", "Berlin"]
zeitraum: "1981"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t06-die-chance-der-stellvertreter"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Die Chance der Stellvertreter

> Bei einer sonntäglichen Alarmierung durch das Kommando der Volksmarine im Herbst 1981 verlegt der I. WO Klaus Martin die „Rostock“ in dichtem Nebel und ohne den noch fehlenden Kommandanten zur Raketenübernahme an die Ölpier – mit lauter Stellvertretern auf den Stationen und dem Kommandanten als Zuschauer mit Fahrrad auf der Pier.

Es muß im Herbst 1981 gewesen sein – Sonntagabend – es dunkelte schon und dicker Nebel lag über der Hohen Düne. Ich hatte dienstfrei und war zu Hause auf der „Scheuerleiste“, wie die Häuserzeile auf der Hohen Düne gegenüber dem Stützpunkt genannt wurde. Mit einem Mal ging Punkt 19:00 Uhr die Haustürklingel los – aber nur einmal, so wie gewöhnlich die Alarmprobe durch den OP-Dienst an jedem Werktag durchgeführt wurde. Na, da kann sich morgen bei der Lage wohl einer frisch machen. Hat wohl nicht mitbekommen, dass heute Sonntag ist. Doch was war das? Im Stützpunkt gingen die Lichter aus und kurz darauf tauchte auch schon ein Läufer auf, um den Alarm zu bestätigen. Also rein in die Uniform, rauf auf’s Fahrrad und damit schnell zum Liegeplatz. Auf der „Rostock“ übernahm ich das Kommando – unser „Alter“, Fregattenkapitän Günter Senf, wohnte damals noch in Markgrafenheide und hatte Bereitschaft, war aber noch nicht an Bord eingetroffen. Nach 45 Minuten waren wir seeklar und gefechtsbereit.

Kurz darauf erschien Korvettenkapitän Kleinschmidt, der SC der Abteilung, auf der Brücke und war auch nicht gerade entzückt, dass der Kommandant noch nicht an Bord war. Er informierte mich, dass das Kommando der Volksmarine eine Kontrolle der Gefechtsbereitschaft durchführt und die „Rostock“ zur Raketenübernahme sofort zur Ölpier verlegt werden muss – also quer durch das Hafenbecken auf die gegenüberliegende Seite. Ob ich mir das allein zutrauen würde, weil er mit seinem noch sehr dezimiertem Stab auf der „Berlin“ wäre, auch der ACH fehlte noch.

Ich hatte gerade erst die Prüfung zur selbständigen Schiffsführung abgelegt, war aber auch ohne Stabsunterstützung zu diesen kleinem „Seetörn“ bereit und gab das Signal zum Ablegen. Aus dem Maschinenraum meldete sich der WI, Leutnant Ing. Meyer, von der Back der 1.Bootsmannsgast, von der Schanz Stabsobermeister Knoll, der GA-III-Techniker – NA FEIN – überall „nur“ die Stellvertreter. Eigentlich hatte ich die Meldung von LI, Oberbootsmann und GA-III-Kommandeur von diesen Stationen erwartet. Also müssen wir uns jetzt bewähren! Der Nebel war inzwischen so dicht, dass ich von der Brücke weder Back noch Schanz sehen konnte. Macht nichts – beim OP-Dienst abgemeldet, dann die Kommandos „Telefonkabel ein“, „Achterleinen los und ein“, „Stelling ein“, „Achterstropp los und ein“, „Hiev Anker“! Von achtern hörte man den vertrauten lauten Knall, als der Sliphaken des Stropps gelöst wurde und auf das Deck schlug: Die Ankerspills liefen an, die „Rostock“ begann sich zu bewegen – und da meldete SOM Knoll von achtern: “Kommandant mit Fahrrad auf der Pier“ – zu spät Wir hatten unserer Kurzreise schon angetreten. Anker aus dem Grund, Anker aus dem Wasser, Anker frei, Maschinen kleine Fahrt ... und die Gösch war kaum zu erkennen. Also verstärkter Ausguck nach vorn, die gute alte „Don“ auf 0,8-sm-Bereich, denn irgendwie musste ich ja zwischen der Pier an der die Vermessungsschiffe lagen und dem Kompensierungsdalben durch. Und damit wäre dann auch schon die Hälfte der Strecke geschafft. Wenn man wenigstens etwas sehen könnte. Endlich die Meldung von der Back: „Pier backbord querab, Dalben steuerbord querab“ – jetzt müssten wir uns langsam der Ölpier nähern, bloß wann ist die zu sehen? Irgendjemand hatte mit uns Einsehen oder Angst um die Hecks der dort liegenden Schiffe, jedenfalls leuchteten erst Scheinwerfer auf, dann ging die Pierbeleuchtung an – und da stand unser Kommandant mit seinem Fahrrad und schaute aufgeregt seinem Schiff beim Anlegemanöver zu. Das war für mich nun der spannendste Moment der ganzen Überfahrt, doch es klappte alles. Die Wurfleinen flogen ohne Probleme an Land, Leinen über, Maschinen stopp und dann waren wir wieder fest – nur dass der Backbord-Hilfsdiesel eine schöne große Pfütze auf die Pier schwappte. Und ich konnte gleich darauf Fregattenkapitän Senf „seine Rostock“ wieder heil und ganz übergeben.

Übrigens - bei der Auswertung der Überprüfung wurde diese Aktion sogar extra erwähnt. Die Entscheidung vom KSS-Stabschef, so ein „Stellvertreter“-Schiff allein loszuschicken, fand Anerkennung. Das müssen aber nur wenige der lobenden Worte gewesen sein, denn angefangen von der missglückten Alarmierung war damals wohl einiges in die Hose gegangen.

— Klaus Martin
