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title: "Stabsdienst in See"
autoren: ["Hans Steike"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 4"
projekte: ["1159", "133.1"]
schiffe: ["Rostock", "Berlin", "241", "Usedom"]
zeitraum: "1980er Jahre"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t04-stabsdienst-in-see"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Stabsdienst in See

> Hans Steike schildert als Fortsetzung von „Stabsdienst im Stützpunkt“ (Teil 3) einen Tag des Führungspunktes des Chefs der 4. KSSA an Bord der „Rostock“ während eines taktischen Trainings der UAW-Kräfte mit einem polnischen U-Boot, der 4. UAWSA und Mi-14PL-Hubschraubern. Erläutert werden die Wachschiff-Funktion, die Instruktion zur Gefechtssicherstellung, Begleitsektoren, Bojenlinien sowie die Aufgaben des Chefs der KSSA als „Chef der Suche“ in der UAW-Zone 2 bei höheren Stufen der Gefechtsbereitschaft.

> Dieser Beitrag kann als Fortsetzung des Artikels in der KSS-Broschüre Teil 3 mit der Überschrift „Stabsdienst im Stützpunkt“ betrachtet werden. Da darin die Struktur des Führungsorganes der 4. KSSA/Br im täglichen Dienst und nach Auslösung höherer Stufen der Gefechtsbereitschaft bereits ausführlich beschrieben war, wird hier auf die Wiederholung solcher Details verzichtet.

Zusammen mit einem polnischen U-Boot liegen das KSS „Rostock“, auf dem der Führungspunkt des Chefs der 4. KSS-Abteilung (KSSA) eingestiegen ist, und das KSS „Berlin“ in einem Bereitschaftsraum östlich des Tauchgebietes 054 vor Anker. Bei besserer Sicht wären im Norden die Leuchtfeuer auf den Steilküsten der dänischen Insel Moen zu erkennen. Die in diesem Übungsgebiet gemessenen Wassertiefen gestatten U-Booten ein fast ungehindertes Manövrieren. Der Chef der 4. KSSA wurde als Leiter des taktischen Trainings der UAW-Kräfte der Volksmarine befohlen. Es ist Anfang April und die Ostsee noch kalt. Die bisherigen Messungen haben ergeben, daß sich keine temperaturbedingten Sprungschichten ausgebildet haben. Ein heftiger Sturm vor wenigen Tagen hat das Wasser ordentlich durchmischt. Damit dürften sich auch eventuelle Schichtungen von Wasser mit unterschiedlichem Salzgehalt und damit unterschiedlicher Dichte aufgelöst haben. Insgesamt also gute Bedingungen für die Ausbreitung hydroakustischer Wellen, mit denen U-Boote geortet werden. Das ist vor allem wichtig für die nicht absenkbaren hydroakustische Anlagen vom Typ MG-322T. Die mittleren Reichweiten dieser Station dürften damit bei etwa 25 Kabellängen liegen. Um 05.00 Uhr ist die 4. UAWSA (U-Boot-Abwehr-Schiffs-Abteilung), von der Tromper Wieck kommend, mit vier KSS Pr. 133 im Gebiet eingetroffen und hat südlich des Tauchgebietes geankert.

Es ist 05.30 Uhr und einer der drei diensthabenden Stabsoffiziere des Führungspunktes ist gerade von einer Kontrolle der Wachen der „Rostock“ zurückgekehrt. Bis 08.00 versieht sie noch ihren Dienst als Wachschiff. Die MR-302 ist zur Luft- und Seeraumbeobachtung geschalten. Der Raketenkomplex und die 30mm-Flak befinden sich in Bereitschaft. Der über einen Lautsprecher am BS/III hörbare monotone Sendeton der MG-322T verrät, daß auch der Unterwasserbereich unter Kontrolle ist. Der chemische Dienst meldet ab, daß die automatische KCB-Aufklärungsanlage keine Abweichungen vom Normalzustand registriert. Auf der „Berlin“ ist nur die passive Funkmeß-Aufklärungsanlage „Bisan“ in Betrieb. Die anderen Stationen werden geschont.

Die Wachschiff-Funktion, wie sie seit kurzem in der KSSA gehandhabt wird, war in den Gefechtsvorschriften der Volksmarine so eigentlich nirgends festgeschrieben. Sie entstand als ein Ergebnis der Gemeinsamen Geschwader der Verbündeten Ostseeflotten, an denen die KSS Pr. 1159 seit 1980 regelmäßig teilnahmen. Dort stand anfangs die Aufgabe, für den gemeinsamen Verband einheitliche Regelungen zu allen fünf Arten der Gefechtssicherstellung zu treffen. Dazu gehörten die Aufklärung, die Organisation aller Abwehrarten, funkelektronischer Kampf, Tarnung und Täuschung und der Schutz vor Massenvernichtungsmitteln des „Gegners“. Diese Festlegungen mussten die technischen Möglichkeiten der einzelnen Schiffe und die Besonderheiten ihres Waffeneinsatzes berücksichtigen. Um nur einmal bei der Luftabwehr zu bleiben: Die Zuteilung von Abwehrsektoren an das einzelne Schiff in der Formation war z. B. von den Richtwinkeln der Waffensysteme abhängig. Man kann es auch anders ausdrücken: Um eine effektive Abwehr des Verbandes zu ermöglichen, wurden die taktischen Nummern der Schiffe und damit ihr Platz in der Formation so gewählt, daß sie ihre eigene Bewaffnung optimal einsetzen konnten. Geregelt werden musste auch, unter welchen Bedingungen, wie und mit welchen Befehlen der Geschwaderchef entschied, ob die Abwehr eines Luftangriffes zentralisiert (alle Schiffe bekämpfen das gleiche Ziel) oder dezentralisiert (jedes Schiff bekämpft Luftziele selbständig in einem zugewiesenen Sektor) erfolgt. Ähnliche Präzisierungen waren für alle Arten der Gefechtssicherstellung notwendig. Sinn des für die Aufklärung mit verantwortlichen „Wachschiffes“ war, daß bei Bereitschaftsstufe 2 nur jeweils ein Schiff im Verband für eine festgelegte Zeit die technische Beobachtung des See-, Luft- und Unterwasserraumes übernahm und die Waffensysteme in Sofortbereitschaft hielt. Das Personal der anderen Schiffe, ihre technischen Beobachtungsmittel und vor allem die Waffenleit-Anlagen mit ihren begrenzten Schaltzeiten wurden so geschont. Bei konsequenter Fortsetzung dieses Gedankens war unter bestimmten Voraussetzungen auf den wachfreien Schiffen sogar ein Drei-Wachsystem möglich, daß dem physischen Verschleiß des Personals bei Langzeitfahrten oder während längerer politischer Spannungsperioden entgegen wirken konnte.

Der Stab der Raketenschiffsbrigade Baltijsk, der das erste Geschwader führte, hatte für jede Art der Gefechtssicherstellung eine eigene Instruktion erarbeitet. Da das nicht das einzige Papier war, wurden die Kommandanten mit einem ziemlichen Wust von Dokumenten überschüttet, die in kürzester Frist zu beherrschen waren. In See zeigte sich dann, daß zwar in der Theorie alles stimmte, der Teufel aber im Detail steckt und deshalb gelegentlich nachgebessert werden mußte. 1981 mit der Führung des zweiten Geschwaders beauftragt, konnte die Volksmarine auf zwei Vorteile zurück greifen: Sie konnte auf die Erfahrungen des ersten Geschwaders aufbauen und die von der BF und der PSKF dem Geschwaderstab zugeteilten Stellvertreter des Stabschefs hatten bereits 1980 in der gleichen Funktion gearbeitet. So war man sich schnell einig, was zur Gefechtssicherstellung überhaupt speziell zu regeln war und daß diese Weisungen in einem einzigen Dokument zusammen gefasst werden sollten. So entstand eine „Instruktion zur Organisation aller Arten der Gefechtssicherstellung“. Die bewährte sich dann auch und blieb, immer weiter modifiziert, Bestandteil aller folgenden Geschwader.

Zum Geschwaderstab gehörten auch Offiziere des Führungsorganes der 4. KSSA, u. a. auch ACH und SC. Bot sich eine ähnliche Instruktion nicht speziell für uns an? Die Arbeiten daran begannen unmittelbar nach Ende des Geschwaders. Die KSS der Volksmarine handelten nach der nationalen „Gefechtsvorschrift der UAW-Kräfte“. Hier waren auch die Schwerpunkte der Gefechtssicherstellung klar formuliert. Notwendig war aber eine Untersetzung dieser Vorgaben auf die Möglichkeiten und Besonderheiten der KSS Pr. 1159. Beispiel Wachschiff: Ein Schaltplan wurde erarbeitet, welche taktische Nummer bei zwei bis vier Schiffen im Verband, angelehnt an das Wachsystem bei Bereitschaftsstufe 2, von wann bis wann diese Aufgabe zu erfüllen hatte. Geregelt war, welche Stationen zu schalten, wie die Abwehr zu organisieren und was auf welchem Netz wie zu melden war. Außer den Abmeldungen der Schiffe „Wachschiff übergeben/übernommen, Uhrzeit ...“ war dazu keinerlei UKW-Verkehr notwendig. Die Erfahrungen der Geschwader zum zentralisierten und dezentralisierten Waffeneinsatz bei der Abwehr von Luftzielen konnten 1:1 übernommen werden. Für die zentralisiere Feuerleitung bei der Bekämpfung von Seezielen wurde eine spezielle Kommando-Tabelle erarbeitet. Hier war zu berücksichtigen, daß den einzelnen Schiffen in kürzester Zeit Einschießsalven und Korrekturen ermöglicht wurden, bevor der Verband gleichzeitig das konzentrierte Wirkungsfeuer eröffnen konnte. Für die typischen Marsch- und Suchformationen der Schiffe waren den taktischen Nummern sich überlappende Abwehrsektoren fest zugewiesen. Ähnliche Regelungen gab es für alle anderen Arten der Gefechtssicherstellung soweit das eben notwendig war. Auf gedeckten Netzen wurde der UKW-Verkehr vereinfacht. Vorteil dieser KSS-internen „Instruktion zur Organisation aller Arten der Gefechtssicherstellung“ war, daß die Möglichkeiten der Technik und Bewaffnung der KSS optimal genutzt wurden und der UKW-Verkehr in See auf das Notwendigste eingeschränkt war. Es gab nicht viel Zusätzliches zu befehlen.

Eben diese Wachschiff-Funktion war also gerade kontrolliert worden. Zu beanstanden gab es nichts. Das Ergebnis wird in das Wachbuch eingetragen. Zeit, sich einen Kaffee zum Hauptbefehlsstand (HBS) bringen zu lassen. 06.30 Chef und Stabschef wecken, steht als nächstes im Plan. Bereits für 07.15 Uhr hat der ACH die tägliche Morgenlage befohlen. Das hängt wohl mit dem heutigen Ausbildungsbeginn zusammen, denn normalerweise ist diese Lage in See immer für 08.00 Uhr angesetzt.

Als Arbeitsplatz des Führungspunktes ist der Koppeltisch im achteren Bereich des HBS reserviert. Die Lagekarte ist ausgebreitet. Blaue taktische Zeichen, Kurslinien und Positionen zeigen die nächtlichen Aktivitäten der NATO in der Verantwortungszone der Volksmarine. Ein Aufklärungsschiff der Bundesmarine ist seit Mitternacht im Gebiet und lässt sich etwa drei Seemeilen westlich der Ankerposition der „Rostock“ mit eingeschalteten Positionslichtern treiben. Es trägt in der Karte die Zielnummer 1 und wartet wohl darauf, daß hier etwas passiert. Die letzte, nach der Meldetabelle „Wega“ verschlüsselte Information zu den Handlungen des Aufklärers hatte der Führungspunkt um 04.00 auf dem Flotteninformationsnetz abgesetzt. Das Signalbuch, einige Vorschriften und Kladden liegen bereit. An der Rückwand des HBS hängt der Plan der Ausbildung. Er ist ähnlich wie ein Entschluß aufgebaut und enthält in grafischer Darstellung und in Tabellenform alles, was zur Führung der am Training beteiligten Kräfte erforderlich ist. Ein Blick auf die Maßnahmen des heutigen Tages: Ablaufen des U-Bootes zum Tauchpunkt um 07.30 Uhr. Tauchen um 08.00 Uhr. Zuerst wird die 4. UAWSA am U-Boot arbeiten. Kontrollsuche und Kontakthalten steht auf dem Programm. 13.00 Uhr wird das U-Boot für eine Stunde auftauchen, bevor es 14.00 Uhr mit den UAW-Hubschraubern Mi-14PL weitergeht und diese dann gegen 16.00 Uhr den Kontakt an die „Rostock“ und „Berlin“ übergeben sollen. Die letzten drei Stunden gehören dann der KSSA.

07.15 Uhr! Der SC meldet dem ACH, daß das Führungspunkt-Personal vollständig auf der Brücke versammelt ist. Einer der Offiziere der letzten Wache trägt die Lage vor: Aktivitäten der NATO und der eigenen Kräfte im Verantwortungsbereich der Volksmarine, Ergebnisse von Kontrollen, die heute vorgesehenen Aufgaben, Besonderheiten, die die neue Wache beachten sollte. Der ACH befiehlt, die Handlungen der 4. UAWSA während der Ausbildung auf einer Arbeitskarte mit zu führen. Er informiert, auf welchen Kursen sich das U-Boot vom Tauchpunkt x bis zum Tauchpunkt y bewegen wird. Das ist nur ihm als Leiter der Ausbildung bekannt. Außerdem fordert er vom Führungspunkt eine Kontrolle der Ausbildung auf der „Rostock“. In allen Gefechtsabschnitten ist am Vormittag Spezialausbildung geplant. Der SC teilt dazu die wachfreien Offiziere ein. Der Nachrichtenoffizier (NO) erhält Weisung, das UKW-Netz der 4. UAWSA zum Führungspunkt schalten zu lassen und es zu besetzen. Aus der optischen und der FM-Beobachtung der einzelnen Schiffe und aus dem UKW-Verkehr lässt sich die Arbeit der UAWSA am U-Boot am besten verfolgen und einschätzen.

„Brücke an Führungspunkt“, wird die Lage unterbrochen: „Anruf vom U-Boot. Um 07.30 UFT schalten!“ „Führungspunkt verstanden“, wird quittiert. Das UFT-Gerät ist ein Handsprechgerät extrem kurzer Reichweite. Der funktechnische Offizier der KSSA, der gestern bei Nacht als Verbindungsoffizier auf das U-Boot aufgestiegen ist, wurde damit ausgerüstet. Er meldet sich pünktlich und informiert, daß mit dem Kommandanten des Bootes der heutige Tag abgestimmt ist. Fragen gab es dazu keine. Das U-Boot sei inzwischen Anker auf gegangen ist und läuft zum Tauchpunkt ab. Der Signalgast der Rostock meldet gerade das gleiche an die Brücke. Besondere Weisungen an den FTO gibt es nicht. Nächste Verbindungsaufnahme erst nach dem letzten Auftauchen am Abend. Auf dem Verbandskanal geht mit Kurzsignal der Befehl an die „Berlin“ um 08.00 Uhr die Aufgabe als Wachschiff zu übernehmen. Ziel Nummer 1, nach der jetzt bei Tageslicht ausgemachten Bordnummer ist es die „Oker“, wird mit letzter Position übergeben. Der Führungspunkt setzt auf dem Flotteninformationsnetz eine weitere Meldung zum Aufklärer und das Wetter im Gebiet ab.

„Brücke an Führungspunkt: U-Boot taucht! Peilung 40 Grad, Entfernung 35 Kbl!“ Die Tauchposition wird in die Karte übertragen. Der Chef der 4. UAWSA meldet sich auf dem Verbandsnetz der 4. KSSA: „Buki – ispolnil!”. Der gesamte UKW-Verkehr läuft russisch. Auf Deutsch „Berta – ausgeführt!“ bedeutet diese Meldung laut Signalbuch der Verbündeten Ostseeflotten (VOF), daß die 4. UAWSA ebenfalls die Anker gelichtet hat. Die Schiffe entfalten sich in Dwarslinie, werden in dieser Suchformation um 08.30 Uhr das Tauchgebiet mit Nordkurs anschneiden und die Kontrollsuche beginnen. Angriffe mit Übungs-Wasserbomben sind heute nicht geplant. Kontakt halten und die Begleitung des U-Bootes mit der Abteilung stehen als Schwerpunkt. Die „Oker“ hält nun Kurs auf das Übungsgebiet.

Führungspunkt an Brücke: „Station Don schalten!“ Die Navigations-FM-Anlage wird vom Führungspunkt zur Beobachtung der Handlungen der 4. UAWSA benötigt. Der FM-Gast erhält Ziele zugewiesen. Ziel 1 bleibt das BRD-Aufklärungsschiff. Die Schiffe der UAWSA erhalten die Zielnummern 2 bis 5. Zwanzig Minuten passiert erst einmal nichts. Endlich die ersehnte Meldung. Das Schiff 241 meldet Kontakt in 20 Grad, 18 Kbl an seinen Verband. Diese Meldung darf erst erfolgen, wenn die Kontaktklassifizierung einen vermutlichen U-Boot-Kontakt ergeben hat. „Frage – Bewegungselemente?“ drängt der Chef der UAWSA sofort seinen Kommandanten. Ein, zwei Minuten Zeit muß er ihm schon lassen, wenn Kurs und Geschwindigkeit des U-Bootes durch den GA-I und die UAW-WL-Anlage „Burja“ annähernd genau bestimmt werden sollen. Endlich die Rückmeldung: „U-Boot, 22 Grad, 16 Kbl, Kurs 85 Grad, Geschwindigkeit 6 Knoten.“ Auf dem Führungspunkt werden diese mitgehörten Angaben in die Seekarte übertragen. Ein zweites Schiff meldet Kontakt. Die Auswertung in der Karte ergibt Übereinstimmung.

*Abbildung (Teil 4, S. 38): Skizze der sechs Begleitsektoren um das U-Boot mit Sektorengrenzen nach Peilung*

Der Chef der UAWSA weist jetzt den einzelnen Schiffen Begleitsektoren zu. Diese Sektoren sind in der Gefechtsvorschrift der UAW-Kräfte festgelegt. Der Vollkreis, dessen Mittelpunkt das U-Boot ist, wird dazu rechtweisend in sechs gleich große Sektoren eingeteilt, die im Uhrzeigersinn von 1 bis 6 nummeriert sind. Die nebenstehende Skizze zeigt die Sektorengrenzen nach Peilung zum U-Boot. Innerhalb dieser Sektoren können die Schiffe frei manövrieren, sollen dabei aber stabil den Kontakt halten. Starr an einer Position zu kleben, wäre zwar das einfachste und damit verführerisch, macht es dem U-Boot aber leicht, seine Ausweichmanöver zu planen oder im Ernstfall die Torpedobewaffnung einzusetzen. Da der Übungsgegner Ostkurs läuft, werden die Sektoren 3, 4, 6 und 1 besetzt. Ein richtiger Entschluß. Nach den Angaben der Kontakthalter nehmen auch die beiden Schiffe, die das U-Boot bisher nicht orten konnten, ihre Sektoren ein und melden bald ebenfalls Kontakt. Etwa eine halbe Stunde wird in dieser Formation begleitet. Dann die Meldung, daß das U-Boot seine Bewegungselemente geändert hat: Kurs jetzt 135 Grad. Ein zweites Schiff bestätigt. Die Sektoren 3 und 6 sind nun ungünstig geworden. Nur die schmalste Silhouette des Bootes reflektiert noch die hydroakustischen Wellen. Das Heckwasser des U-Bootes stört im Sektor 6 zusätzlich. In beiden Sektoren ist jetzt schlecht Kontakt zu halten. Der Chef der UAWSA reagiert und lässt an Stelle der ungünstigen die Sektoren 5 und 2 besetzen. So geht das einige Zeit weiter: Kursänderungen des U-Bootes, Änderung der Begleitsektoren. Dann ist dem UKW-Verkehr zu entnehmen, daß den Schiffen imitierte Bugangriffe, also Einsatz der reaktiven Bombenwerfer aber ohne Bomben, befohlen werden. Der Chef will die Zeit am U-Boot für seine Schiffe optimal nutzen. Das ist in Ordnung.

Es ist 12.00 Uhr und Wachwechsel. Die „Rostock“ übernimmt wieder das Wachschiff. Bevor die neue Wache des Führungspunktes aufzieht, lässt sich der ACH noch die Ergebnisse der Kontrolle der Ausbildung abmelden. Die Noten der überprüften Gefechtsnormen liegen zwischen „sehr gut“ und „befriedigend“. Mit der Intensität der Ausbildung konnte man zufrieden sein. Abstriche gab es im GA-III. Das wertet der ACH mit dem Kommandanten aus. Dann konzentriert er sich wieder auf die Arbeitskarte auf dem Koppeltisch. Die blaue Linie, die das U-Boot darstellt, hat keine Unterbrechungen. Der Kontakt wurde durch die UAWSA stabil gehalten, auch wenn einzelne Schiffe durch die befohlenen Manöver kurzzeitig Kontaktverlust gemeldet haben. Auf dem UKW-Netz hat der NO keine Verstöße registriert.

Eine halbe Stunde vor dem Auftauchen des U-Bootes befiehlt der Leiter der Ausbildung dem Chef der UAWSA, daß alle Schiffe die Maschinen zu stoppen und die Echolote zu schalten haben. Das ist eine für die Arbeit mit einem faktischen U-Boot geltende Sicherheitsbestimmung. Während des Auftauchens ist das U-Boot am meisten gefährdet. Durch das Auswerten der Geräusche der Echolote kann es die Positionen der Schiffe besser bestimmen. So findet das U-Boot auch einen freien Seeraum zum ungehinderten Auftauchen. Kaum an der Oberfläche, drängt sich die Besatzung an Oberdeck. Frische Luft tut gut! Die UAWSA meldet sich ab und läuft in Kiellinie in ihren Bereitschaftsraum zurück. Anstelle des Führungsnetzes der UAWSA wird das UKW-Netz 621, das festgelegte Netz für das Zusammenwirken mit Hubschraubern, zum Führungspunkt geschalten.

GS-4/IV (das ist der Funkraum) an Führungspunkt: „Kurzsignal Wolke - 13.30 empfangen um 13.35 Uhr.“ Ein Blick auf die Kurzsignaltabelle des Planes der Ausbildung. Die ersten UAW-Hubschrauber sind pünktlich um 13.30 Uhr in Parow gestartet. In einer reichlichen halben Stunde werden sie im Gebiet sein. Der MR-302 wird verstärkte Luftraumbeobachtung im Sektor 230 bis 270 Grad befohlen. Bald kommt vor dort die Meldung, daß zwei Luftziele in 50 Km Entfernung aufgefasst wurden. Sie sind im Direktanflug. Die Abfrage mit der Freund-Feind-Kennanlage weist sie als eigene Kräfte aus. Bei etwa 40 Km steht die Funkverbindung zum Führer des Paares. Zehn Minuten später sind die zwei Hubschrauber auch optisch auszumachen. Sie treffen gerade noch rechtzeitig im Gebiet ein, um das Abtauchen des U-Bootes mit zu bekommen. Das war Absicht, denn es handelt sich um neue Besatzungen und sie sollen es erst einmal einfach haben bei der Auswahl der ersten Positionen am U-Boot. Wenn die Starts der beiden folgenden Paare pünktlich zu den im Plan angegeben Zeiten erfolgen, werden dazu keine gesonderten Signale mehr abgesetzt.

Die nächsten 45 Minuten arbeiten beide Hubschrauber mit ihren absenkbaren Anlagen. Einer hält den Kontakt, der andere setzt vor, geht in Standschwebe über und senkt die Anlage unter die Wasseroberfläche. Meldet er Kontakt, wiederholt der zweite Hubschrauber dieses Spiel. Es ist wohl auch den guten hydroakustischen Bedingungen geschuldet, das alles reibungslos klappt. Die MR-302 hat inzwischen das nächste Paar aus 250 Grad im Anflug gemeldet. Jetzt kommt eine schwierige Situation. Vier Hubschrauber sind gleichzeitig im Gebiet. Die Paarführer machen die Kontaktübergabe unter sich aus. Die anderen beiden halten sich in respektvoller Entfernung. Nach der Übergabe des Kontaktes fliegt das erste Paar ab, lässt es sich aber nicht nehmen, vorher in geringer Höhe und Entfernung die „Rostock“ zu passieren. Man winkt sich gegenseitig zu.

„Luftziel, 330 Grad, 40 Km, Ziel gibt keine Kennung, Ziel im Anflug!“, meldet die MR-302. Kommandant an GS-7/II: „Elektronische Zielzuweisung von GS-5/IV. 330 Grad, 35 Km, Ziel begleiten“. Der ACH warnt über UKW die „Berlin“ und die UAWSA, der NO die Hubschrauber. Die Raketen-GS meldet ab, daß das Luftziel aufgefasst ist und begleitet wird. Entfernung 30, 25, 20 Km. Wäre es ernst, würden spätestens bei ca.10 Km die beiden ersten Raketen vom Balken fauchen. Ferngläser starren in die angegebene Richtung. Da! Zwar noch kein Flugzeug zu erkennen, aber zwei Rauchfahnen am Horizont. Das ist typisch für die RF-4E „Phantom“. Da jagen die beiden Aufklärer heran und im Tiefflug über die Übungsteilnehmer hinweg. Nicht ungefährlich für die Hubschrauber in Standschwebe. Führungspunkt an GS-4/IV: „Luftmeldung absetzen!“ Die Erstmeldung über gegnerische Luftziele erfolgt über das Kurzsignal FFFF und eine Zahlengruppe mit der verschlüsselten Position des eigenen Schiffes. Dazu wird diese Position auf der sogenannten Flugmeldekarte immer laufend gehalten. Nach einer weiten Schleife, immer schön durch Rauchfahnen markiert, erfolgt noch ein zweiter Anflug, dann verschwinden die Maschinen Richtung Südost. „Ziel außer Sicht, 150 Grad, 45 Km.“ Jetzt kann der Führungspunkt die Nachmeldung mit Details über die Meldetabelle „Wega“ verschlüsseln und absetzen lassen.

Das dritte und letzte Hubschrauberpaar ist im Gebiet eingetroffen und hat den Kontakt übernommen. Der ACH befiehlt die „Rostock“ und „Berlin“ Anker auf. Die Schiffe nehmen Positionen auf der Westgrenze des Tauchgebietes ein und beginnen in Dwarslinie, Abstand 30 Kbl, die Kontrollsuche. U-Boot-Alarm wird ausgelöst. Der UAW-Offizier des Stabes, eigentlich gerade Freiwächter, verstärkt den Führungspunkt. Die Hubschrauber werden vor ihrem Abflug vor das U-Boot eine Bojenlinie legen und diese Linie überwachen. Macht eine Boje die Geräusche des U-Bootes aus, sendet sie Signale. In der Nähe dieser Boje sollen die KSS dann das U-Boot suchen und den Kontakt übernehmen. Voraussetzung dazu ist, daß die Position der arbeitenden Boje auf dem Führerschiff bekannt ist. Und genau das ist das Komplizierte an der Sache. Jetzt schlägt die Stunde des Navigationsoffiziers auf dem Führungspunkt. Er wertet nach den Angaben der Hubschrauber den letzten Kontakt, Kurs und Geschwindigkeit des U-Bootes aus und schlägt nach kurzer Beratung mit dem UAW-Offizier dem ACH die Position und die Lage der Bojenlinie vor. Der Vorschlag wird bestätigt. Mit schmetternden Rotoren überfliegt der führende Hubschrauber das KSS und bekommt Kurs und Entfernung zur geplanten Anfangsposition und den Kurs beim Werfen der Bojen zugewiesen. „Wurf der Ersten – Achtung Null!“ Diesen Befehl erteilt der ACH dem Paarführer. Die anderen neun Abwürfe wird dieser selbst in der gleichen Form melden. Der Paarführer muß auch den Abstand zwischen den Bojen bestimmen, der das 1,5 fache der Ortungs-Reichweite betragen soll. Der niedrig und relativ langsam fliegende Hubschrauber ist mit der Navigations-FM-Anlage gut zu begleiten. Bei jedem „Null!“ lässt sich der Navigationsoffizier Peilung und Entfernung zum Hubschrauber melden. Die Übertragung der Position in die Karte zeigt die Lage der Boje mit ausreichender Genauigkeit an. Nach dem letzten Wurf meldet der Hubschrauber die Nummern der geworfenen Bojen: 1 – 4 – 9 – 3 -.... Die Bojen sind auf unterschiedliche Sendefrequenzen abgestimmt. Die Nummerierung hat nichts mit der Reihenfolge des Abwurfes zu tun. Die Bojenpunkte in der Karte werden mit den Nummern komplettiert.

Nun heißt es warten. Endlich die Meldung vom Hubschrauber: „Boje 9 arbeitet.“ Das wurde aber auch Zeit, denn in zehn Minuten müssen die Hubschrauber ihren Part beenden. ACH an Führungspunkt: „Frage Peilung und Entfernung zur Boje 9?“ Dazu braucht der Navigationsspezialist nur Sekunden. „Peilung 80 Grad, Entfernung 35 Kbl.“ ACH an Kommandant: „80 Grad steuern, beide Maschinen Halbe Kraft voraus. U-Boot-Suche im Sektor rechtweisend 50 bis 110 Grad“. Auch die „Berlin“ bekommt einen neuen Kurs zugewiesen. Und wieder warten. Monoton sind über den Lautsprecher auf dem HBS die Sendegeräusche der hydroakustischen Anlage zu hören. Die Monotonie wird durch einen hellen Echoklick „Ping“ unterbrochen. Störgeräusch oder U-Boot? GS-6/IV an Kommandant: „Kontakt 95 Grad, 26 Kbl, Kontakt wird klassifiziert!“ BS-I und Führungspunkt haben die erste Kontaktposition in ihre Karten übertragen. Die Meldung der GS-6/IV zum Ergebnis der Kontaktklassifizierung endet mit „Vermute Kontakt mit U-Boot“. Der Kommandant bestätigt den Kontakt und lässt die Bewegungselemente bestimmen. Die Hubschrauber melden sich ab. Der Stander „Blau-weiß“ steigt an der Rah der „Rostock“ empor, Zeichen, daß das U-Boot ausgemacht ist. Die vom BS-I, BS-III und dem Führungspunkt ermittelten Kurswerte stimmen annähernd überein. Das U-Boot läuft Gegenkurs. Die „Berlin“ wird über UKW informiert. ACH an den Kommandanten der „Rostock“: „Position 1 einnehmen!“ Nun muß der Chef schnellstens auch die „Berlin“ an den Kontakt heranführen. Nach Rückfrage beim Führungspunkt – so stört er die innere Organisation der „Rostock“ nicht – erhält der Kommandant der „Berlin“ Peilung, Entfernung, Kurs und Geschwindigkeit des Zieles und die Position 3 zugewiesen. Die „Berlin“ ist noch zu weit vom Kontakt entfernt. Mit hoher Fahrtstufe wechselt das Schiff in den Sektor und verkürzt die Entfernung. Der Führungspunkt koppelt beide KSS und das U-Boot mit. Die Werte werden passgerecht für die „Berlin“ umgerechnet. Von dort kommt die ersehnte Meldung: „Kontakt 340 Grad, 24 Kbl!“ Dann beginnt das gleiche Spiel wie am Vormittag in der UAWSA: Jede deutliche Kursänderung des U-Bootes zieht einen Wechsel der Begleitsektoren nach sich. Die letzte Stunde lässt der ACH Angriffe mit reaktiven Wasserbomben imitieren. Auftauchzeit des U-Bootes in einer halben Stunde. Die KSS stoppen ihre Maschinen und schalten die Echolote. Entwarnung für U-Boots-Alarm, Übergang auf Bereitschaftsstufe 2. Die hydroakustischen Anlagen verfolgen den langsam auswandernden Kontakt weiter. Brücke an Führungspunkt: „U-Boot aufgetaucht in ...“ Es folgen Peilung und Entfernung. In Begleitung beider KSS läuft das U-Boot zur Ankerposition für die nächste Nacht ab. Morgen früh geht es dann weiter mit Übungsangriffen. Die schwachen Zünderdetonationen der reaktiven Bomben werden entweder vom U-Boot registriert oder auch nicht. Nur der erste Fall ist für die Kommandanten erfreulich.

Während des gesamten Tages hat der Führungspunkt, so wie das Schiff auch, mehrmals die Wache gewechselt. Er hat den ACH bei der Führung der Kräfte unterstützt, hat dem Chef die über die KW-Funknetze eingehenden Kurzsignale „übersetzt“ und selbst in seinem Auftrag die für die UAW-Ausbildung festgelegten Signale abgesetzt. Der Führungspunkt hat die Übergaben des Wachschiffes registriert, die Qualität der Durchführung dieses Dienstes kontrolliert, kontinuierlich die Handlungen der „Oker“ auf dem Flotteninformationsnetz weiter gemeldet, Gegnermeldungen anderer Volksmarine-Einheiten in der Lagekarte ausgewertet und das Absetzen der Wettermeldungen durch die „Rostock“ überwacht. Ausbildungshandlungen am U-Boot wurden verfolgt, in Karten mitgeführt und im Gefechtstagebuch dokumentiert. Jetzt werden diese Arbeitskarten noch „schön“ gemacht, also in ordentliche Stabskultur gebracht. Man wird sie zu Hause für den Abschlußbericht und die Auswertung des UAW-Abschnittes brauchen. In der Wache nach 20.00 Uhr wird auf der „Rostock“ noch eine Schiffsgefechtsübung laufen. Die Stabsspezialisten werden Einlagen verteilen, die Ausbildung kontrollieren, dem ACH die Ergebnisse abmelden und den Kommandanten bei seiner Auswertung unterstützen. Während der „Hundewache“ von 00.00 bis 04.00 Uhr, werden auch die Offiziere des Führungspunktes gegen Müdigkeit ankämpfen müssen. So ungefähr kann man sich am Beispiel dieses einen Tages die Arbeit eines Führungspunktes in See unter Bedingungen der ständigen Gefechtsbereitschaft vorstellen.

Etwas anders sind die Schwerpunkte nach Auslösung höherer Stufen der Gefechtsbereitschaft gesetzt. Es müsste 1979/80 gewesen sein, als in der Volksmarine zur besseren Kontrolle der Entfaltung der U-Boote der BRD UAW-Zonen eingerichtet wurden. Die Zone 1 bestand aus mehreren UAW-Vorpostenlinien, die sich auf die Mecklenburger Bucht und die Kadetrinne konzentierten. Der Vorposten 73 wurde ab der Stufe Erhöhte Kriegsgefahr (EG) besetzt und sollte den Ausgang des Grönsundes optisch und mit Funkmeß kontrollieren. Durch dieses Fahrwasser hätten die U-Boote der NATO – allerdings nur in Überwasserlage – unter Umgehung der Kadetrinne in die Arkonasee entfalten können. Die Zone 2 lag in der Arkonasee und umfasste mehrere Kontrollsuchgebiete, die bis zur Grenze der schwedischen Territorialgewässer reichten. Ab der Stufe Gefechtsbereitschaft bei Kriegsgefahr (GK) war es Aufgabe des Chefs der KSSA, in See die Handlungen der UAW-Kräfte der Volksmarine in der UAW-Zone Nummer 2 zu koordinieren. „Chef der Suche“ nannte sich diese Funktion. Zum Einsatz kamen die USSGn (U-Boot-Such- und Schlaggruppen) 641, 642, 631 und 632 sowie die UAW-Hubschrauber der Volksmarine. Die Schiffsgruppen waren in der täglichen Organisation die 4.KSSA und die 1., 2., und 4. UAWSA. Zusätzlich konnten 1-2 U-Jagd-Abteilungen der BF oder PSKF zugeteilt werden. Die Kampfschiffe wurden von einer Versorgungsgruppe (VG 41/1) unterstützt, die aus dem Tanker „Usedom“ und einem Versorger bestand, der auch Mechaniker aus verschiedenen Werkstätten an Bord hatte. Das alles nun sollte der Chef der KSSA im Griff behalten und dazu brauchte er auch die Unterstützung seines Führungspunktes.

Es begann immer damit, daß dem Chef die Gefechtsaufgabe gestellt wurde. Inhalt war in der Regel die Zuweisung der Kräfte ab einer bestimmten Zeit, der Beginn der Besetzung der UAW-Zone, Schwerpunkt-Richtungen, Maßnahmen der Vorgesetzten zur Gefechtssicherstellung, z. B. zur Luftdeckung der UAW-Kräfte oder zur Abwehr „gegnerischer“ RS-Boote und Vorgaben für Nachrichtenverbindungen. Im Entschluß musste der CKSSA im Detail darlegen, wie er die befohlene Aufgabe lösen will. Dazu wurden die einzelnen Suchgebiete unregelmäßig und mit verschiedenen Methoden der Kontrollsuche, durch Vorpostenlinien oder durch Bojenfelder der Hubschrauber besetzt. Zur Lösung der Aufgabe gehörte aber auch die schon öfter zitierte Organisation der Gefechtssicherstellung, z. B. auch der Schutz der UAW-Kräfte, die gerade nicht direkt in der UAW-Zone handelten und die gesamte rückwärtige Sicherstellung, also die materielle und technische Versorgung der Einheiten in See. Am Ende jedes Entschlusses stand der Gefechtsbefehl an die unterstellten und zugeteilten Kräfte. Wie so eine Entschluß-Erarbeitung prinzipiell ablief, war ja schon in „Stabsdienst im Stützpunkt“ (Broschüre Teil 3) beschrieben worden. In See war es nicht viel anders, die Bedingungen waren etwas schlechter. Plätze, an denen man größere Karten ausbreiten und in Ruhe arbeiten konnte, waren rar. Die täglichen Aufgaben zur Führung der Schiffe liefen parallel weiter. Trotzdem wurde jeder Entschluß in der Normzeit erarbeitet, denn auf diese KSS-typische Aufgabe war der Führungspunkt mit vorbereiteten Karten und Standardtexten immer gut eingestellt.

Meist blieb es im Rahmen einer Übung oder einer Überprüfung bei der Theorie, also beim Entschluß. In einigen Fällen wurden zumindest einzelne Elemente der UAW-Zone Nr. 2 tatsächlich durchgespielt. So liefen anfangs der 80iger Jahre einige UAW-Übungen der Volksmarine unter dem Namen „Polygon“. Ich kann mich erinnern, daß während meiner Zeit als CKSSA bei einer dieser Übungen von mir ein Entschluß gefordert war, der den Einsatz aller für die UAW-Zone vorgesehenen Kräfte beinhaltete. Tatsächliche Handlungen führten aber nur die USSGn 641, 642, 631 und zwei Hubschrauberpaare durch. In der Arbeit des Führungspunktes, der auf der „Rostock“ entfaltet war, wurden diese Kräfte während der Übung faktisch, alle anderen theoretisch auf Karten geführt. Der Aufwand für den Führungspunkt war so, als handelten 5 USSGn (davon eine der BF), die gesamte UAW-Hubschrauber-Staffel der Volksmarine und eine Versorgungsgruppe. Da war ganz schön was zu tun, zumal die Kontrolloffiziere mit Einlagemeldungen – auch von den theoretisch teilnehmenden Kräften – nicht geizten. Admiral Ehm war damals persönlich an Bord der „Rostock“, mit unserer Arbeit als Führungspunkt aber erst dann ganz zufrieden, als das als Übungs-Gegner laufende sowjetische U-Boot von der „Rostock“ ausgemacht wurde und nach stabiler Begleitung an der Grenze der Verantwortungszone der Volksmarine an eine sowjetische USSG übergeben werden konnte.

Bei Übungen oder bei Überprüfungen der Gefechtsbereitschaft galt, was die Anspannung für den Führungspunkt betraf, folgende Erfahrung: Je niedriger die verantwortliche Kommandoebene, desto höher der Streß. Wurde die Übung durch die VOF vorbereitet und geleitet, kamen „ganz unten“ nicht mehr so viele Einlagen an. Wurde die KSSA durch die 4. Flottille überprüft, überschlugen sich die Einlagen. Neue Aufgaben, schnelle Veränderungen der Gegnerlage, Ausfälle von Personal und Technik, der angenommene Einsatz von Massenvernichtungsmitteln erforderten eine ständige Präzisierung des ursprünglichen Entschlusses. Dazu war der Chef auf Analysen und Vorschläge der fachlichen Spezialisten seines Führungspunktes angewiesen. Von einem guten Spezialisten erwartete man mehrere Lösungsvarianten, durchgerechnet und – wenn andere Fachbereiche berührt wurden - mit dem „Nebenmann“ bereits abgestimmt. Der Chef hatte dann zu entscheiden, welche Variante am besten in seine Gesamtidee passte.

Schaue ich auf diese Zeit zurück, denke ich, daß für das gute Verhältnis zwischen Besatzungen und Stab in der KSSA nicht nur das gemeinsame Erlebnis Baku/ Leningrad oder die fachliche Kompetenz der Führung und der Spezialisten eine Rolle spielte, sondern auch die Tatsache, daß der Führungspunkt in See die Strapazen mit den Besatzungen teilte. Das Bordpersonal bekam mit, daß die Offiziere am Koppeltisch auf dem HBS genau so Wache gingen, wie sie selbst auch. Atom- und Gasalarm machten um den Führungspunkt keinen Bogen. Die Normen für das Aufsetzen der Schutzmaske oder das Anlegen des Kampfanzuges See galten auch für die Stabsoffiziere. Zumindest das HBS-Personal bekam mit, daß der Führungspunkt des ACH's ganz konkrete Aufgaben zu erfüllen hatte, die der sicheren und stabilen Führung von Schiffsgruppen in See – damit nicht zuletzt auch der Sicherheit des eigenen Schiffes - dienten.

— Hans Steike
