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title: "Mit einem blauen Auge davongekommen"
autoren: ["Hans Steike"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 3"
projekte: ["50"]
schiffe: ["Friedrich Engels"]
zeitraum: "1960er Jahre"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t03-mit-einem-blauen-auge-davongekommen"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Mit einem blauen Auge davongekommen

> Eine Kommandant Kurt Urmoneit auf der „Friedrich Engels“ zugeschriebene Geschichte: Ein Matrose des letzten Dienstjahres schrie nachts wiederholt „Huuh!“ in das offene Fenster der Kommandantenkammer. Urmoneit ermittelte den Täter über die Landgangsbücher, empfing ihn mit einer linken Geraden und stellte ihn am nächsten Morgen bei der Musterung wortlos bloß.

Die folgende Geschichte wird Kurt Urmoneit während seiner Zeit als Kommandant auf der „Friedrich Engels“ zugeschrieben. Sicher ist sie im Laufe der Zeit stark aufgebauscht worden, im Kern dem Kurt aber durchaus zuzutrauen. Er war eher klein, dafür aber stämmig, kraftvoll und sehr sportlich. Obwohl sein Dialekt als Heimat Ostpreußen verriet, hatte er mehr das Temperament eines Italieners. Fachlich ein As und immer lustig, war er bei seiner Besatzung äußerst beliebt.

Wenn Kurt an Bord übernachten musste, schlief er in der Kommandantenkammer stets bei geöffnetem Fenster (tatsächlich viereckig, kein Bulley!), welches zum Steuerbord-Seitengang zeigte. Ein Matrose des letzten Dienstjahres, immer etwas großmäulig und nicht gerade mit dem höchsten Intelligenzgrad gesegnet, fasste den wahnsinnigen Entschluß, den Löwen zu rasieren, also seinen Kommandanten zu ärgern. Immer wenn er nachts von Land kam und das geöffnete Fenster sah, schrie er laut „Huuh!“ hinein und verschwand dann schnell in einem der Wohndecks des Vorschiffes.

Nachdem das drei- oder viermal passiert war, beschloß Kurt der Sache ein Ende zu bereiten. Zuerst studierte er gründlich die Landgangsbücher der vergangenen Tage, in denen ja auch die Uhrzeit der Rückkehr vermerkt war. Drei Verdächtige kristallisierten sich so heraus, von denen zwei aber wegen ihres ansonsten tadellosen Verhaltens ausgeschlossen werden konnten. Dann hatte der I.WO, der täglich den Landgang genehmigte, Kurt zu informieren, wenn der Bewusste das nächste Mal Ausgang beantragen sollte. Schon am übernächsten Tag war es so weit. Nun erhielt nur noch der Diensthabende des Schiffes (DdS) die Weisung, den Mann bei seiner Rückkehr von Land unter irgendeinem Grund auf der Schanz kurz aufzuhalten und den Kommandanten unauffällig zu informieren. Und so geschah es denn auch.

Sofort nach dem Anruf des DdS postierte sich Kurt am offenen Fenster in der dunklen Kommandantenkammer. Leise Schritte näherten sich. Eine dunkle Gestalt beugte sich hinein und schrie laut „Huuh!“, fing aber im gleichen Moment eine harte linke Gerade von seinem Kommandanten. Der Rufer stand wie vom Blitz getroffen. Dann hatte er wohl gefangen, daß er gerade eine gefangen hatte und flüchtete in Richtung Vorschiff. Kurt legte sich wieder hin und schlief den Schlaf des Gerechten.

Am Folgetag erschien der Kommandant persönlich zu Morgenmusterung, was nicht ganz alltäglich war. Nachdem ihm der I.WO Meldung erstattet hatte, schritt Kurt ohne irgendeine Erklärung langsam die Front der angetretenen Besatzung ab. Er wusste ja genau, wo er suchen musste. Jetzt näherte er sich dem Gefechtsabschnitt des Verdächtigen. Der stand im zweiten Glied und versuchte krampfhaft, sein Gesicht hinter dem Vordermann zu verbergen. Den aber schob Kurt, immer noch schweigend, etwas zur Seite und sah befriedigt den Beweis: ein deutlich geschwollenes, grünlich-blau verfärbtes Auge beim Verdächtigen. Er packte ihn am Revers des Bordanzuges, zog ihn zu sich heran, sagte nur laut „Huuh!“, drehte ab und verschwand im Steuerbord-Seitengang, eine völlig verdatterte Besatzung zurücklassend. Was ist denn mit dem Alten los? Fängt der jetzt an zu spinnen?

Als sich dann aber langsam die Ursache des sonderbaren Verhaltens des Kommandanten herumsprach, hatte Kurt die Lacher natürlich auf seiner Seite. Er genoß so viel Respekt, daß ihm seine drastische und weder mit der Disziplinarvorschrift noch den angestrebten sozialistischen Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Unterstellten vereinbare Erziehungsmaßnahme nicht krumm genommen wurde. Der nächtliche Ruhestörer aber kam mit seinem blauen Auge davon. Mehr war auch nicht nötig. Diese Lektion hatte gesessen!

— Hans Steike
