Der verrückte Fernseher
Während einer Großen Werftliegezeit eines KSS Projekt 50 stürzt in der Offiziersmesse der Fernseher scheinbar von selbst vom Podest, während der Parteisekretär allein im Raum ist. Erst nach einer eingeleiteten Untersuchung melden sich zwei Funker, die bei der Antennenwartung am Fernsehkabel gezogen hatten.
Große Werftliegezeit für KSS Projekt 50. Um die 150 Mann Besatzung wenigstens etwas im Griff zu behalten, ordnete der Kommandant intensive Kontrollen der Dienstorganisation durch alle Offiziere und Meister (Fähnriche gab es noch nicht) in ihren Abschnitten an. Das Betreten der beiden Messen in der Dienstzeit war nur zur Erfüllung dienstlicher Aufgaben gestattet. Das Einschalten des Fernsehers während der Arbeitszeit der Besatzung galt fast als Todsünde.
Eines Vormittags begab sich der Parteisekretär des Schiffes, Stabsobermeister Gr., in die O-Messe, um seinen Parteihaushalt in Form von zwei dicken - natürlich roten - Büchern auf Vordermann zu bringen. Kaum hat er seine Arbeit begonnen, da raschelte es hinter dem Fernseher, der auf einem Podest an der Backbordseite der Messe stand. Irritiert schaut Gr. hoch - aber es mußte wohl eine Täuschung gewesen sein.
Da raschelt es schon wieder. Es raschelte aber nicht nur, sondern der Fernseher kippelte etwas nach vorn, um dann gleich wieder in seine Ausgangsposition zurückzufallen. Noch ehe der verblüffte Parteisekretär diesen Vorgang verkraftet hat, raschelt es ein drittesmal. Der Fernseher kippt jetzt ganz schnell nach vorn, fällt vom Podest und zerbirst mit lautem Knall auf dem Messe-Fußboden. Die Fachleute nennen das wohl implodieren. „Was hier passiert ist, glaubt dir kein Mensch“, durchzuckte es Gr. In Panik raffte er seine Dokumente zusammen und wollte sich aus der Messe stehlen.
Zu spät! Der Politstellvertreter des Schiffes, kam bereits den Niedergang vom Offiziersdeck heraufgehastet: „Genosse Gr., haben Sie auch diesen fürchterlichen Krach gehört? Es klang, als sei in der O-Messe etwas umgefallen!“ „Ja-ja-ja,“ stottert Gr., „das war der Fernseher und er ist von ganz alleine heruntergefallen.“ Der PV reißt die Tür zur Messe auf und schaut entsetzt auf die Bescherung. Was da in Trümmern und Scherben am Boden lag, war immerhin Polittechnik - seine Technik!
Ganz bleich dreht er sich um, hebt die Augenbrauen und fragt dann mit merkwürdig spitzer Stimme: „Der Fernseher ist also von ganz alleine heruntergefallen, ja? Und Sie waren auch ganz alleine in der Messe und haben denn Fernseher überhaupt nicht angefaßt?“ Hochrot im Gesicht und mit dicken Schweißtropfen auf der Stirn kann Gr. nur noch nicken. Da platzt dem PV der Kragen: „Genosse Gr., gerade von Ihnen hatte ich etwas mehr A….. in der Hose erwartet. Jeder kann mal einen Fehler machen, aber dann muß man auch dazu stehen! Und eine dämlichere Ausrede ist Ihnen nicht eingefallen? Es ist Ihnen doch sicher klar, daß diese Sache ein Nachspiel hat!“ Natürlich verbreitete sich der Vorfall in Windeseile und mit entsprechenden Ausschmückungen in der Besatzung.
Das Nachspiel hieß erst einmal „Melde- und Untersuchungsordnung“ - kurz MUO genannt. Da der entstandene Schaden einen in besagter Vorschrift festgelegten finanziellen Grenzwert beträchtlich überstieg, mußte der Vorgang als „Besonderes Vorkommnis“ behandelt und eine Untersuchung eingeleitet werden. Während also der eilig eingesetzte Ermittlungoffizier zuerst freundschaftlich dann immer ungeduldiger und schließlich entnervt den störrischen Parteisekretär zu einem Geständnis oder aber wenigstens zu einer glaubhafteren Ausrede bewegen wollte, klopfte es zaghaft an die Tür der PV-Kammer.
Der Funkmaat und ein „Puster“ (Funker) traten ein. „Wir…ich…wir müssen eine Meldung machen!“ Da es ja selten Wunder gibt, ahnt man schon, daß die Meldung irgendwie mit dem verrückten Fernseher zu tun haben wird.
Um den folgenden Bericht der Funker besser zu verstehen, eine kurze Erläuterung zur Unterbringung des Fernsehers in der O-Messe: Wie schon erwähnt, stand er auf einem Podest. Beim Seeklarmachen verkeilte der PV ihn immer durch geeignete Werke der Klassiker des Marxismus/Leninismus mit der Decke der O-Messe. Mit solch gewichtigen Argumenten von Marx, Engels und Lenin versehen, hatte der Fernseher bisher jedem Seegang getrotzt. Aber in der Werft war diese Sicherung ja nicht notwendig. Hinter dem Fernseher lief ein wetterfestes Fernsehkabel nach oben - diese Richtung wird für die weitere Untersuchung von wesentlicher Bedeutung sein - und durch eine spezielle Öffnung in der Außenhaut der Messe weiter zur Fernsehantenne an der Backbord-Seite der Brücke. Das Kabel lag in einer kurzen Schleife hinter dem Fernseher und war mit robusten Bananensteckern mit diesem verbunden. Die heutigen zierlichen Eurostecker waren noch nicht bekannt. Höchstens im sogenannten NSW (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet).
Den Rest ist kurz erzählt: Im Funkabschnitt war Wartung aller Antennenanlagen im Bereich der Brücke befohlen. Um es besonders gut zu machen, wollte man dazu die Fernsehantenne demontieren. Da das Kabel zu straff war, sollte die notwendige Lose von unten besorgt werden. Vorsichtig zog der Funker am Kabel und siehe da, es gab ganz leicht nach ( erstes Rascheln - die Schleife hinter dem Fernseher strafft sich). Da es aber nicht ganz reichte, wurde etwas stärker gezogen (zweites Rascheln und das Kippeln des Fernsehers). Weil nun Widerstand zu spüren war, wurde eine kurze Kampfberatung abgehalten. Wozu ist Widerstand da? Um ihn zu überwinden! Mit einem kräftigen Ruck wurde das Kabel „befreit“, ohne dabei auch nur zu vermuten, daß man damit den Fernseher der O-Messe von seinem Podest gestürzt hatte.
Die Untersuchung der Sache mit dem verrückten Fernseher fand also eine ganz natürliche Erklärung, die O-Messe erhielt wenig später einen neuen Fernseher - sogar mit Farbe!- und das untadelige Ansehen des Parteisekretärs war wieder hergestellt. Nur die beiden Funker waren sauer: Regreß! Und die Moral von der Geschicht? Zieh an Fernsehkabeln nicht!
— Hans Steike
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